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Unterfranken : Automuseum wird Aschaffenburg verlassen

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Das Automuseum Rosso Bianco, das sich rühmt, die mit mehr als 200Autos größte Sportwagensammlung der Welt zu beherbergen, wird Aschaffenburg verlassen. Museumsgründer Peter Kaus nennt als Grund für den ...

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          Das Automuseum Rosso Bianco, das sich rühmt, die mit mehr als 200Autos größte Sportwagensammlung der Welt zu beherbergen, wird Aschaffenburg verlassen. Museumsgründer Peter Kaus nennt als Grund für den Wegzug die fehlende Unterstützung durch die Stadt und insbesondere das Verhalten von Oberbürgermeister Klaus Herzog (SPD), das ihn dazu bewogen habe, sich fast 17Jahre nach der Eröffnung des Museums in Aschaffenburg nach einem neuen Standort umzuschauen. Nach seinen Angaben liegen ihm bereits konkrete Angebote aus Madrid und Salzburg vor. Außerdem gebe es erfolgversprechende Verhandlungen in Frankfurt. Die Mainmetropole steht für Kaus nach seinen Worten "ganz oben" auf der Wunschliste, da er dort seit Jahrzehnten lebe.

          Schon einmal hatte sich der heute Sechsundsechzigjährige, der als Vorstandsmitglied der Metzler AG - später Metzler Holding - in führender Position tätig war, um Räumlichkeiten an seinem Wohnsitz bemüht. Doch war er beim früheren Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann mit seinen Plänen auf Ablehnung gestoßen. In der ehemaligen Weberei im Familienbesitz von Kaus in Aschaffenburg fand er in den achtziger Jahren schließlich den vermeintlich idealen Standort für sein Museum sportlicher Oldtimer, dessen Namen Rosso Bianco noch an seine Herkunft erinnert. Denn Rot und Weiß sind die Frankfurter Stadtfarben.

          Kaus hatte im Oktober 1987 das Automuseum in den ehemaligen Fabrikhallen eröffnet. Drei Millionen Mark habe er damals allein in die Gebäude investiert. Über die Summe, die die Restaurierung der teilweise zerbeulten Rennwagen kostete, die er vor der Verschrottung rettete, schweigt der Sammler.

          Im Laufe der Jahre wurde das Museum auf 12500 Quadratmeter Ausstellungsfläche erweitert. Es kamen die Autokunstsammlung "Art&Auto-Forum" mit rund 600Gemälden, historischen Plakaten, Skulpturen und Reliefs hinzu sowie eine Ausstellung mit Motorrädern und -rollern. Daneben wurden immer wieder Sonderschauen, Oldieklub-Treffen und Kinder-Grand-Prix-Rennen organisiert. Das nur wenige Kilometer von der Landesgrenze entfernte Museum entwickelte sich zu einem Anziehungspunkt nicht nur für Oldie- und Sportwagenfreunde. Kaus zufolge kommen jährlich 50000 bis 60000 Gäste, um sich an den außergewöhnlichen Exponaten zu erfreuen. Stolz ist Kaus darauf, daß es ihm gelungen sei, japanische Touristen auf ihrem Weg von Frankfurt nach Heidelberg "umzuleiten" und nach Aschaffenburg und Amorbach zu bringen. 8000 bis 10000 Besucher aus Fernost habe er noch im vergangenen Jahrzehnt gezählt, sagt er.

          Damit sei jetzt Schluß. Das Museum werde auch nach der Winterpause nur noch sonntags geöffnet sein. Der Sechsundsechzigjährige wirft dem Oberbürgermeister vor, dieser habe ihn eineinviertel Jahre auf einen Termin warten lassen. Dabei sollte es um eine finanzielle Zuschuß der Stadt in einer Größenordnung von 10000 bis 20000 Euro wegen Sturmschäden gehen, nachdem teure Reparaturen am Dach notwendig geworden seien. Als das Treffen im vergangenen Sommer endlich zustande gekommen sei, habe Herzog nur gemeint, die Stadt habe kein Geld und könne ihn nicht unterstützen. Dann sei er aufgestanden und habe das Gespräch beendet, ohne sich zu verabschieden.

          Kaus spricht von einer "Frechheit", die er sich nicht bieten lasse. Schließlich habe er 17Jahre lang in Aschaffenburg erfolgreich ein Museum von "Weltgeltung" geführt. Dagegen genügten die städtischen Museen und Sammlungen fast ausnahmslos nicht den heutigen Erfordernissen, wie auch der im Dezember veröffentlichte Entwicklungsplan des Beratungsunternehmens Lord gezeigt habe. "Das Gutachten war doch eine Bankrotterklärung für die Stadt", meint Kaus und verweist darauf, daß das Rosso Bianco vom bayerischen Kultusministerium das Prädikat "volksbildend wichtig" erhalten habe und auf eine Stufe mit den staatlich geführten Museen gestellt worden sei.

          Zwar sei das Museum keine Stätte, mit der man Geld verdienen könne. Es sei jedoch so geführt worden, daß die laufenden Kosten gedeckt werden konnten. Dies war nach seinen Worten nur deshalb möglich, weil die Hallen auch für Tagungen, Betriebsfeiern oder Hochzeiten vermietet wurden. Die Erlöse aus diesen Veranstaltungen seien etwa viermal so hoch gewesen wie die Einnahmen aus Eintrittsgeldern. Der Museumsgründer spricht von einer verpaßten Chance der Stadt: Schließlich seien Fahrzeuge technisches Kulturgut, und das Automuseum hätte seiner Meinung nach hervorragend in die Route der Industriekultur gepaßt, die von Mainz bis Aschaffenburg führen soll. AGNES SCHÖNBERGER

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