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Ungeahnte Ruhe in der Einflugschneise : Man hört auf einmal die Kirchenglocken

  • -Aktualisiert am

Dem Flugverbot sei dank: Karen Schlösser aus Raunheim kann im Garten sitzen und sogar telefonieren Bild: Jens Gyarmaty

Seit die allermeisten Flugzeuge ruhen, genießen die Anwohner des Frankfurter Flughafens die Stille. Sie sitzen im Garten und hoffen, dass es so weitergeht. Sogar die Tiere sind wie verwandelt.

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          Dank Eyjafjalla ist Trixie nun ein braver Hund. Im Garten ihres Frauchens lässt sie sich die Mittagssonne auf den braunen Pelz scheinen, hebt mal den Kopf, wenn eine Hummel brummend die rote Tulpe neben ihr ansteuert, und bellt, wenn Artgenossin Cora sie anstupst. „Viel ausgeglichener als sonst“ seien die Tiere, sagt ihre Besitzerin Margot Brand; seit keine Flugzeuge mehr über das Haus in Raunheim donnerten, gehe es Mensch und Tier besser. „Meine Tochter kann wieder schlafen. Und wir sind alle entspannter.“ In der 15.000-Einwohner-Stadt, die sonst vom Fluglärm geplagt wird, ist es seit Freitag still. Und mit der Ruhe ist das Glück gekommen. Zumindest zu Margot Brand und vielen anderen, die diesen Montag im Garten genossen haben.

          „Man hört auf einmal die Kirchenglocken.“ Das habe ihr Mann am Sonntag verblüfft festgestellt, erzählt die Fotografin. Am Wochenende sind sie nach Rüsselsheim gelaufen, haben gegrillt, ein Buch auf der Bank zwischen den Bambuspflanzen gelesen, und in ihren Gesprächen ist keine Pointe verlorengegangen, nur weil jemand wegen des Flugzeuglärms nicht weitersprechen konnte. „Sonst geht das alles nicht, da dröhnt einem ja der Kopf“, sagt Brand. Wenn die Kinder aus dem Haus sind, will das Ehepaar das Haus in Raunheim verkaufen. In Mecklenburg-Vorpommern, das wissen sie von Besuchen, ist es schön ruhig. Jetzt ist die erträumte Idylle für ein paar Tage zu Besuch.

          Endlich einmal i m Liegestuhl zu entspannen

          Wenige Straßen weiter beeilt Karen Schlösser sich mit dem Staubsaugen, um danach im Liegestuhl zu entspannen. Der steht am glitzernden Goldfischteich. „Ich seh' nichts am Himmel, einfach nur nichts!“ Des Reisenden Leid ist Karen Schlössers Glück. Endlich kann sie im Garten telefonieren - der schnurlose Apparat liegt schon bereit - und mit Gästen ungestört von Turbinen auf der Terrasse plaudern. Stolz ist sie auf den prachtvollen Garten, in dem es schon blau und gelb blüht: „Aber ich hab' ja noch gar nicht wirklich angefangen mit dem Bepflanzen“, sagt Schlösser und hofft, dass sie das in Ruhe machen kann. „Es kann gern so weitergehen.“

          Auch Hund Trixi genießt die Ruhe in Raunheim
          Auch Hund Trixi genießt die Ruhe in Raunheim : Bild: Jens Gyarmaty

          Das sehen ein paar Raunheimer, die unter einem Kirschbaum auf einer Bank sitzen, anders. Eine Schülerin berichtet, dass ihre Tante wegen der Aschewolke nicht in die Türkei fliegen konnte, wo sie ihre Hochzeit vorbereiten wollte. „Die hat sich das so gewünscht, jetzt ist sie voll traurig. Fünf-Sterne-Hotel hatte die!“ Gestern habe sie den ganzen Tag damit verbracht, im Internet die Buchungen zu stornieren. Ein älterer Mann sagt, dass seine Mutter, die nach Barcelona reisen wollte, ebenfalls in Frankfurt blieb. Er schimpft auf die Messgeräte; man könne gar nicht sicher sein, ob die Aschewerte wirklich so hoch seien. Auch die Menschen, die beruflich hier gewesen seien, kämen nicht in ihre Heimat zurück.

          Eine Gruppe Taiwaner kann das bestätigen. Der Messebesucher Michael Hsiea und seine Kollegen haben in den vergangenen vier Tagen dreimal das Hotel gewechselt - ihr Flug am Freitag um 8.30 Uhr war einer der ersten, der gestrichen wurde. Nun sind sie in Raunheim gestrandet und irren durch die Straßen, auf der Suche nach der S-Bahn-Station. In Frankfurt wollen sie essen gehen. Hsiea bleibt gelassen: „Wenn es weiter so heiß ist, müssen wir wohl schwimmen gehen.“ Seine Begleiter kichern.

          „Eine echte Urlaubsverlängerung ist diese Ruhe“

          Auch im Offenbacher Stadtteil Bieber ist die Laune bestens. Adriano Vieira sitzt mit seinen Töchtern Leticia und Isabel in der Nachmittagssonne und streckt die Beine von sich. In der Eisdiele hinter ihm haben sie das Dach des Wintergartens zurückgefahren, fast alle Plätze sind besetzt. Isabel versenkt ihr Gesicht in einem Becher und taucht himbeereisverschmiert wieder auf. Die Kleine könne jetzt besser schlafen, und auch er selbst, berichtet der Vater, der Nachtschichten schieben muss und tags schläft.

          Ganz besondere Profiteure der ungewohnten Stille hat unterdessen Wolfram Hammes ausgemacht. Zwar genießt auch er die Ruhe, seit er am Donnerstag gerade noch rechtzeitig aus Portugal nach Mörfelden zurückgekehrt ist: „Eine echte Urlaubsverlängerung ist diese Ruhe.“ Doch als Leiter des Forstamtes Groß-Gerau denkt er an die Vögel. Und die werden derzeit nicht nur von Ornithologen besonders gut gehört. „Der Vogelmann, der in Einflugschneisen balzt, hat jetzt eine viel bessere Reichweite“, sagt Hammes. Er zwitschere zwar auch bei Fluglärm, doch merke er nicht, dass das wenig bringe. „Nun gibt es natürlich mehr Zuspruch für die Männchen.“ Ein Kükenboom in Mörfelden sei zwar bis auf weiteres nicht zu erwarten. Aber schön sei der ungewohnte Erfolg schon für die Tiere.

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