https://www.faz.net/-gzg-11kiw

Umbau der Mainzer Haftanstalt : Großraumbüros statt Gefängniszellen

Bürogebäude im Zellenstadium: Im ehemaligen Gefängnis sollen nur die tragenden Mauern stehenbleiben, viel wird von der Vergangenheit nicht bleiben. Bild: F.A.Z. - Florian Sonntag

Der leerstehende Mainzer Haftanstalt wird in ein Verwaltungsgebäude verwandelt. Bis 2011 soll das neue „Isenburg-Karree“ fertig sein.

          3 Min.

          Wer kauft schon gerne ein Gefängnis? Mit neun Quadratmeter großen Zellen, Gittern vor den Fenstern, schweren Eisentüren, langen, engen Fluren und einer Großküche im Keller. Noch dazu, wenn das Gebäude schon 100 Jahre hinter sich hat und deshalb heute mit Sicherheit keinen Energiepass erhielte. An dieser Immobilie war denn auch wahrlich kein privater Investor interessiert, weshalb der rheinland-pfälzische Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung (LBB) die Sache zu guter Letzt selbst in die Hand nahm.

          Markus Schug
          Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Die Umwandlung der ehemaligen Justizvollzugsanstalt Mainz in ein Büro- und Verwaltungszentrum soll im Sommer 2009 beginnen. Und bis Anfang 2011 könnte das neue „Isenburg-Karree“ im Idealfall fertiggestellt sein. Wofür alles in allem mit Baukosten von rund 18 Millionen Euro gerechnet wird.

          Drehort für „Ein Fall für zwei“

          Für das im aktuellen Zustand schwerlich zu veräußernde Objekt spreche zu allererst einmal die Lage inmitten des Regierungsviertels, erläuterte der beim LBB für das Immobilienmanagement zuständige Andreas Nath während eines Rundgangs durch das 2002 aufgegebene Gefängnis. Seitdem hat sich dort nicht viel verändert: An den Zellenwänden stehen noch immer eilig auf den Putz gekritzelte Sätze wie „Ich bin aus Osthofen und gehöre nicht hierher“ oder auch „Arroganz ist die Perücke der inneren Kahlheit“.

          Ausblick: Die Fenster bekommen andere Größen.
          Ausblick: Die Fenster bekommen andere Größen. : Bild: F.A.Z. - Florian Sonntag

          Trotz der über den Innenhof gespannten Vogelschutznetze haben die Tauben längst die oberen Stockwerke des zu großen Teilen unter Denkmalschutz stehenden Bonatz-Baus erobert und dort unübersehbar ihre Spuren hinterlassen. Der vom Wachturm aus leicht zu überblickende Hof dient Fernsehteams gelegentlich noch als Kulisse. Vor den vergitterten Zellenfenstern sind deshalb Handtücher und Plastiktüten angebracht worden, damit bei Krimis wie „Ein Fall für zwei“ alles möglichst echt aussieht. Die seit dem Umzug in die JVA Rohrbach im Jahr 2002 aufgegebene Pforte wird ebenfalls immer wieder für Dreharbeiten besetzt. Ansonsten haben lediglich einige Künstler die leeren Räume des über fünf Geschosse verfügenden Gebäudes als inspirierenden Arbeitsplatz genutzt.

          Nach dem Umbau sollen rund um einen dann deutlich vergrößerten und luftigen Innenhof mehr als 5000 Quadratmeter hochwertiger Büro- und Ladenflächen zur Verfügung stehen; außerdem sind ein gläserner Neubauflügel und eine Tiefgarage mit 50 Stellplätzen vorgesehen. Im Innern des Hauses soll die Zellenstruktur aufgelöst werden. Stehenbleiben sollen nur mehr die statisch unbedingt notwendigen Mauern, damit es dort genügend Platz für jeweils mindestens 200 Quadratmeter große Gemeinschaftsbüros, aber auch für Archive und Besprechungszimmer gibt. Die kleinen Zellenfenster sollen auf Normalmaß gebracht werden. Zwischen den bisher halboffenen, damit von oben gut einsehbaren Geschossen mit den langen und schmalen Gefängnisfluren werden zusätzliche Decken eingezogen.

          Historische Fassaden sollen erhalten bleiben

          Unter anderem das Justizministerium liebäugelt mit dem Komplettumzug in das sowohl von der Diether-von-Isenburg-Straße als auch von der Kaiser-Friedrich-Straße aus zu erreichende Gebäude. Über die „Seufzerbrücke“ bestand bisher schon eine direkte Verbindung zum Gerichtstrakt und der benachbarten Staatsanwaltschaft. Konkrete Pläne für einen Umzug gebe es zwar noch nicht, sagte eine Sprecherin des Justizministeriums, die das grundsätzliche Interesse bestätigte. Zuvor müssten aber erst einmal alle Kosten ermittelt werden.

          So oder so dürfte es nach Ansicht des LBB im Regierungsviertel eine Nachfrage für diese Art von Mietflächen geben, die zu Quadratmeterpreisen von etwa 12,50 Euro angeboten werden soll. Man habe fünf Jahre lang vergeblich versucht, das Objekt zu vermarkten und dann 2007 beschlossen, die Immobilie selbst zu entwickeln, sagte LBB-Pressesprecher Markus Ramp. Der aus der früheren Staatsbauverwaltung hervorgegangene rheinland-pfälzische Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung beschäftigt an sieben Standorten derzeit rund 1300 Mitarbeiter. Das Unternehmen besitzt rund 1750 Gebäude mit einer Mietfläche von gut 2,8 Millionen Quadratmetern: dazu gehören Burgen, Schlösser und Museen, Ministerien, Finanz- und Katasterämter, Universitäten, Fachhochschulen und Schulen, aber auch Polizeistellen und Justizgebäude.

          Zweifellos stelle das alte Mainzer Gefängnis eine besondere Herausforderung für Planer und Architekten dar, räumte LBB-Manager Nath ein. Die beiden denkmalgeschützten historischen Hauptfassaden sollen weitgehend erhalten bleiben; kleinere Änderungen dürfte es allerdings an den Zugängen geben. Da es nicht möglich sei, den Häusern eine Außenhaut-Dämmung zu verpassen, müsse man versuchen, den Energieverbrauch eben auf andere Art zu minimieren. Der bis dato nahezu baum- und strauchlose Gefängnishof soll fortan die Besucher zum Verweilen einladen. Und auch im Innern dürfte nach dem Umbau kaum noch etwas an frühere Zeiten erinnern. Doch wenigstens eine der Zellen soll originalgetreu für die Nachwelt erhalten bleiben.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Weiter keine Einreise für Individualtouristen: Israels Ministerpräsident Naftali Bennett kündigte dies am Dienstag auf einer Pressekonferenz am Flughafen Ben Gurion in Tel Aviv an.

          Delta-Variante verbreitet sich : Geimpfte in Israel neu infiziert

          Israel sorgt sich wegen der Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Weil auch Geimpfte neu infiziert wurden, nimmt das Land Lockerungen zurück und lässt Individualtouristen vorerst nicht einreisen.

          Politik-Comeback mit 38 : Die einst Jüngste will zurück nach Berlin

          Anna Lührmann war 2002 mit 19 die jüngste Abgeordnete in der Geschichte des Bundestags. Nun strebt die in Hofheim aufgewachsene Grünen-Politikerin eine Rückkehr an mit bemerkenswerten Lebenserfahrungen im Gepäck.
          Gespenstisch: New York City in Dunkelheit, nur ein paar Generatoren sorgen für Licht.

          Was tun bei Stromausfall? : Tote Dose

          Die Steckdose als Schwarzes Loch – nichts kommt heraus. Gegen den Blackout kann ein Stromaggregat helfen. Aber wohin damit, welche Leistung wird gebraucht, und mit welchem Treibstoff soll es betrieben werden?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.