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Interview mit Ulrich Krebs : „Eine Seilbahn wäre eine regionale Attraktion“

Auf Draht: Landrat Ulrich Krebs hält viel von Seilbahnen. Bild: Wolfgang Eilmes

Der Regionalverband lässt prüfen, wo Seilbahnen für den Personennahverkehr eingesetzt werden könnten. Kommt eine solche Bahn auch für den Hochtaunuskreis in Frage?

          Bei verschiedenen Gelegenheiten haben Sie von einer Seilbahn im Taunus gesprochen. Was hat es damit auf sich?

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Ich halte Seilbahnprojekte für eine vernünftige Ergänzung des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) im Ballungsraum Frankfurt/Rhein-Main. Als Landrat des Hochtaunuskreises sehe ich die große Chance einer Verbindung vom oberen Weiltal und Schmitten über den Feldberg zur Hohemark in Oberursel. Im Hochtaunuskreis gibt es drei Wege über den Taunus-Höhenzug: Die Saalburgchaussee bei Bad Homburg mit der berühmten PPR-Kreuzung, die Kanonenstraße über den Sandplacken und drittens die Verbindung über Königstein. Für die Straße über den Sandplacken ist die Seilbahn die einzige Möglichkeit, den Individualverkehr auf der Straße zu verringern und ein zusätzliches öffentliches Angebot zu machen.

          Wie würde die genaue Strecke aussehen?

          Es müsste eine Station an der U-Bahn-Endhaltestelle Hohemark geben, und eine Mittelstation auf dem Großen Feldberg wäre sinnvoll. Auf der anderen Seite des Kamms bedarf es einer Station in Schmitten, damit meine ich die Gesamtgemeinde. Um Pendler zum Umstieg auf den ÖPNV zu gewinnen, müssten dort und an der Hohemark entsprechende Parkkapazitäten bereitgestellt werden. Ein solches Angebot hätte einen doppelten Nutzen: Es würde dem Pendlerverkehr unter der Woche dienen und könnte bei schönem Wetter am Wochenende den touristischen Verkehr abfangen.

          Worum ginge es in erster Linie?

          Der öffentliche Nahverkehr steht ganz klar im Vordergrund, sonst würde ich das Thema nicht anpacken. Der Naturpark hat zwar seine 20 Millionen Besucher im Jahr, die kommen aber nicht alle auf den Feldberg. Außerdem hängt der Tourismus im Feldberggebiet zu sehr vom Wetter ab. Er kann nur ein zusätzlicher Effekt sein.

          Welche Kapazität müsste eine solche Seilbahn haben?

          Das müsste schon eine Dreiseilumlaufbahn sein, wie sie zum Beispiel in Koblenz gebaut worden ist. Um ÖPNV-tauglich zu sein, wären Kabinen für 28 bis 35 Personen nötig. Je nach Nachfrage lassen sich bei einem solchen System Kabinen zuschalten. Diese müssen natürlich so ausgestattet sein, dass auch Fahrräder, Kinderwagen und Rollstühle mitgenommen werden können.

          Wo in Schmitten könnte denn die Station sein, um Nutzer aus dem Usinger Land einzusammeln? Schon im Weiltal?

          Wichtig ist ein Anschluss an das System der Landesstraßen, um eine leistungsfähige Zufahrt zu haben. Die Bürger sollen nicht durch zusätzlichen Verkehr belastet werden. Die Akzeptanz für ein solches Projekt wird auch steigen, wenn die Seilbahn nicht über bewohntes Gebiet schwebt. Der Vorteil im Taunus ist, dass sie von Schmitten zum Feldberg und von dort hinunter zur Hohemark über Wald geführt werden kann.

          Es gab schon einmal eine Feldberg-Lift GmbH. 1971 hat das Regierungspräsidium Darmstadt eine Kabinenbahn auf den Großen Feldberg genehmigt. Damals gab es Protest wegen der dafür nötigen acht Meter breiten Schneise.

          Diese ist bei modernen Systemen nicht mehr erforderlich. Die Bahn kann über die Bäume hinweg fahren.

          Auf jeden Fall wäre die Strecke sehr lang, die Bahn müsste etliche Kilometer überbrücken. Das ist etwas anderes als die Rheinüberquerung in Koblenz.

          Es ist richtig, dass wir mit einer Seilbahn zwischen Hohemark und Schmitten an die äußerste Grenze dessen kämen, was sinnvoll ist. Aber es wäre technisch machbar. Koblenz ist übrigens ein gutes Beispiel. Dort ist die Nachfrage auch ohne Bundesgartenschau sehr hoch, und die Bahn wird rege genutzt.

          Wie hoch wären die Kosten für ein solch großes Projekt?

          Es wird derzeit untersucht, was ein Seilbahnprojekt kosten würde und wie es gebaut werden könnte. Um eine Summe zu nennen, ist es noch zu früh. Bezahlbar wird das Ganze aber nur, wenn es wie andere öffentliche Verkehrsträger förderfähig wird. Ich halte es für vernünftig, dafür das Hessische Mobilitätsgesetz und das ÖPNV-Gesetz zu ändern, um Seilbahnen als „Alternative Bedienungsform“ wie Bürgerbusse und Anrufsammeltaxis anzuerkennen. Das ist kein Hexenwerk, Baden-Württemberg und Nordrhein-Westfalen haben Seilbahnen in die Gesetze aufgenommen. Ob Bundesmittel fließen können, müsste noch geprüft werden.

          Die Chancen für eine Gesetzesänderung stiegen vermutlich, wenn gleich mehrere Seilbahnen in und um Frankfurt eine Rolle im Nahverkehr spielen sollten.

          Auch die anderen Projekte sind interessant, eine Erschließung der Commerzbank-Arena wird für die Fußball-Europameisterschaft diskutiert. Im Kern-Ballungsraum sind Seilbahnen eine Ergänzung für bestimmte Strecken und kein Ersatz für U- oder S-Bahn. Ich setze einmal bewusst die Frankfurter Brille auf. Es wäre doch schön, wenn man sagen könnte: von der Hauptwache aus direkt auf den Hausberg der Frankfurter, das ab der Hohemark mit einer attraktiven Seilbahn und alles innerhalb des ÖPNV. Das wäre eine Attraktion, die diese Region verdient hätte.

          Was den Pendlerverkehr angeht, ist doch eher die Saalburgchaussee bei Bad Homburg überlastet als die Route über den Sandplacken.

          Das stimmt, aber wir sind eine wachsende Region. Siedlungsreserven heben sich auch im Weiltal leichter mit entsprechenden ÖPNV-Angeboten. Hier sehe ich durchaus Potentiale. Ich werbe immer für ein Gesamtkonzept, um den Kernbereich des Ballungsraums für Siedlungszwecke zu nutzen. Zu diesem Kern gehört der Hochtaunuskreis als Ganzes, mit dem Usinger Land.

          Schon eine Sommerrodelbahn ließ sich am Großen Feldberg nicht verwirklichen. Was macht Sie für die Seilbahn zuversichtlicher?

          Anders als die Rodelbahn zieht die Seilbahn keinen zusätzlichen Verkehr an, sondern bringt ihn von der Straße weg. Das könnte für den einen oder anderen lärmgeplagten Schmittener eine Rolle spielen. Ich verstehe viele Bürger aus Reifenberg, Arnoldshain oder der Hegewiese, die sich an schönen Sonnentagen über zugeparkte Straßen ärgern. Aber das ist ja der positive Nebeneffekt für den Tourismus, dass wir mit der Seilbahn an solchen Spitzentagen eine Entlastung vom schon vorhandenen Verkehr schaffen würden. Auch dann, wenn der Bus nicht mehr durchkommt.

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