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Ukrainische Flüchtlinge : Drei Frauen fangen neu an

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Kateryna Kholodova, Viktoriia Spyrydonova und Olena Sukhorukova (von links nach rechts) Bild: Michael Braunschädel (2), Tom Wesse

Als der Krieg in der Ukraine anfing, nahmen viele Flüchtlinge nur Wintersachen mit, in der Hoffnung, nach zwei Wochen zurückzukehren. Nun versuchen drei Frauen, ihr zerstörtes Leben in Deutschland wieder aufzubauen.

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          Als Kateryna Kholodova am 24. Februar um fünf Uhr morgens aufwachte, war ihr Dorf Borschchova in der Nähe von Charkiw schon von russischen Truppen besetzt: schnell und widerstandslos. Die Panzer warteten aufgereiht vor ihrem Haus, und das Leben stand für einen Moment still. Wenige Stunden später war die Familie mit drei Töchtern völlig von der Welt abgeschnitten – ohne Wasser, Strom und Mobilnetz. Die Bombenangriffe begannen in Borschchova aber erst Ende März, als das ukrainische Militär zum ersten Mal versuchte, das Dorf zu befreien. „Wir gingen nicht mehr aus dem Haus und hielten uns von den Fenstern fern“, erzählt Kholodova.

          Die russischen Truppen wohnten in leeren Häusern, und wenn es dort nichts mehr zu holen gab, brannten sie sie nieder. Als immer mehr Häuser in Flammen standen, beschloss Kholodova, mit ihrer Familie und ihren zwei deutschen Schäferhunden zu fliehen. Sie machte ein letztes Bild von ihrem Zuhause, bevor sie losfuhren. Nachbarn erzählten später, zehn Minuten nach ihrer Abreise seien russische Militärfahrzeuge auf den Hof gefahren.

          Von der Ukraine in den Hunsrück

          Kholodovas Ziel war Frankfurt, dort lebt seit mehreren Jahren ein enger Familienfreund. „Ich werde nie das Gefühl vergessen, als ich zum ersten Mal überall ukrainische Flaggen im Ausland sah“, erzählt sie. Zwei Monate lang hatten sie keine Internetverbindung, sie wussten nichts über die europäische Unterstützung, über all die Maßnahmen für die Geflüchteten, dass die Farben ukrainischer Flaggen in der ganzen Welt zu sehen waren. „Das half uns, den Schmerz zu überwinden.“

          In Deutschland fanden sie Unterkunft bei einer Familie in Kratzenburg in Rheinland-Pfalz, die bereit war, die ukrainische Familie mit Hunden aufzunehmen. Das gemeinsame Leben und die Unterstützung hat sie zusammengeschweißt. „Obwohl wir nicht mehr dort wohnen, besuchen wir sie trotzdem jeden Mittwoch“, erzählt sie.

          Kholodova braucht keine deutsch-ukrainische Übersetzung, sie versteht alles und kann fließend antworten. Vor 15 Jahren hat sie Deutsch an der Universität gelernt und versucht nun bei jeder Gelegenheit, ihre Kenntnisse aufzufrischen. „Vom ersten Tag an war mir klar, dass ich es mir nicht leisten konnte, mein Leben auf Eis zu legen und einfach zu warten. Meine Kinder aufwachsen zu sehen und nicht zu wissen, was die Zukunft für sie bereithält.“ Sie beschloss, die Zeit in Deutschland so zu nutzen, dass sie nach Kriegsende eine Wahl haben würde. Alles Mögliche zu tun, damit sie hierbleiben kann, falls der Rückweg versperrt bleibt.

          Der Krieg in der Heimat ist immer präsent

          In der Ukraine hat sie zwei Universitätsabschlüsse: einen juristischen und einen Abschluss als Englischlehrerin. Die vergangenen Jahre hat sie als Assessorin bei einem Richter gearbeitet, aber eine Anerkennung ihrer juristischen Ausbildung ist in Deutschland fast unmöglich. Deswegen setzt sie jetzt ihren Fokus auf Sprachen. Neben dem Integrationskurs lernt sie selbständig mindestens vier Stunden täglich Deutsch. Vor Kurzem hat für sie ein neues Kapitel begonnen: Sie unterrichtet als Englischlehrerin ukrainische Kinder im Humboldtgymnasium in Bad Homburg, wo auch ihre drei Töchter zur Schule gehen. Die Mädchen wurden zu Beginn des neuen Schuljahres in die regulären Klassen versetzt. „Das ist unser erster kleiner Sieg“, sagt Kholodova.

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