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Uhus in Pflege : Es war wohl Liebe auf den ersten Blick

  • -Aktualisiert am

Greifvogelspezialist Werner Becker betreut die erst wenige Wochen alten Uhu-Geschwister Paula und Paul Bild: Rainer Wohlfahrt

Gisela und Werner Becker sind Pflegeeltern eines Uhu-Geschwisterpaares. Paul und Paula brauchen viel Zuspruch. In wenigen Tagen machen sie ihre ersten Flugversuche.

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          Paula sei keck und vorwitzig, während ihr Bruder Paul als Zweitgeborener arg schüchtern sei und sich gerne hinter seiner Schwester verstecke. Wenn Gisela und Werner Becker aus Erlenbach über ihre „Adoptivkinder“ sprechen, klingt der Stolz aller Eltern mit. Sie zeigen Fotos von den Neugeborenen, weisen auf die großen Augen mit den langen Wimpern hin und finden, Paul gucke schon wie ein Lausbub. Paul und Paula sind allerdings keine gewöhnlichen Babys, sondern zwei Junguhus, die Ende Mai aus ihren Eiern geschlüpft waren.

          Noch ist der weiche Flaum auf dem Kopf und an den Beinen zu sehen. Die Beckers, die sich seit Jahrzehnten in ihrem Garten im Ortsteil Mechenhard und seit 2007 auch in der Auffangstation des Landesbundes für Vogelschutz (LBV) um verletzte Greifvögel kümmern, waren ursprünglich nicht begeistert über den Nachwuchs. „Ich hatte andere Pläne. Jetzt muss ich mein Leben umstellen“, sagt Werner Becker, der Radio- und Fernsehtechniker ist. Doch unglücklich hört er sich nicht an.

          Paul und Paula brauchen viel Zuwendung, um nicht zu „verwildern“. Damit sich die Jungtiere an Menschen gewöhnen, verbringt das Ehepaar viele Stunden in der Voliere im Garten. Werner Becker spricht Paul mit Namen an, der zunächst zurückweicht und faucht. Er streichelt das Gesicht des Junguhus, fährt mit dem Finger über den Schnabel und wiederholt immer wieder: „Du bist lieb. Du willst nur spielen.“

          Alles hatte an Weihnachten 2005 begonnen. Damals brachte der Kurierdienst einen Karton, Werner Becker langte beherzt hinein und sah sich einem wild fauchenden Uhu gegenüber. Das war Prinz aus Schleswig-Holstein. Lange Zeit war er Single. Doch im Juli vergangenen Jahres erhielt er Gesellschaft. Jägerkollegen hatten den Beckers ein junges Uhuweibchen gebracht, das noch nicht fliegen konnte und zu einer Beute von Mardern, Dachsen oder Wachsbären zu werden drohte. Die Dame erhielt den Namen Petra und wurde zu Prinz in die Voliere gesetzt, nachdem Züchter und Falkner gemeint hatten, es werde Jahre dauern, bis das Uhuweibchen geschlechtsreif sei und mit der Brut beginne.

          Doch es war wohl Liebe auf den ersten Blick zwischen Prinz und Petra. Eigentlich hätte Werner Becker stutzig werden müssen, als ihn das Paar nicht mehr in das Vogelhaus lassen wollte und Prinz aggressiv reagierte, wenn er sich näherte. Die Überwachungskamera brachte schließlich die Wahrheit an den Tag. Als Petra einmal aufflog, wurde das Nest mit den Eiern sichtbar. Nach etwa 30 Tagen schlüpften die Küken. Sechs Wochen lang kümmerten sich die leiblichen Eltern um den Nachwuchs und fütterten die Junguhus. Während sich Eulen in der freien Natur vor allem von Igeln, Ratten, Kaninchen, Hasen oder Krähen ernähren, bevorzugen Prinz und Petra tote Küken.

          Ausgewachsene Uhus haben kaum Feinde. Becker zufolge reißt der Uhu alle Greifvögel vom Bussard und Habicht bis zum Wanderfalken. „Der holt sich alles.“ Er fliege seine Beute im toten Winkel und völlig geräuschlos an. Dann greife er sein Opfer und erwürge es mit seinen Krallen. Wenn man sieht, wie Becker die Uhus streichelt, könnte man fast vergessen, wie gefährlich sie sind. Doch wessen Finger je einmal in ihren Krallen war, weiß: Nur mit Beißzange lässt er sich aus der Umklammerung lösen.

          Der Uhu in freier Wildbahn begibt sich mit der Dämmerung auf die Jagd, legt um Mitternacht eine Pause ein und jagt dann bis zur Morgendämmerung weiter. Angeblich kann er Beutetiere im Flug wegtragen, die bis zu zwei Drittel seines Körpergewichts wiegen. Weibchen sind größer und schwerer als die Männchen. Sie werden Becker zufolge bis zu 4,5 Kilogramm schwer und überragen die Männchen um eine Kopflänge. Die Flügelspannweite beträgt bis zu 1,70 Meter. Den Tag verbringt der Uhu aufrecht sitzend in Baumkronen, Felsnischen oder Strauchwerk. Die orangegelben Augen verengt er zu Schlitzen, um nicht aufzufallen. In Felswänden, Steinbrüchen und an Steilhängen hält er sich gerne auf. Auch am Bayerischen Untermain haben sich Uhus angesiedelt. Becker zufolge gibt es Exemplare in Miltenberg, Bürgstadt und Freudenstadt.

          Paul und Paula haben sich an ihren „Adoptivvater“ gewöhnt. Wenn er das Vogelhaus betritt, reagieren sie kaum. Allerdings verfolgen sie jede seiner Bewegungen. Dazu drehen sie ihren Kopf hin und her, denn ihre Augen sind starr. Anfangs hat Becker sie mit der Hand gefüttert. Jetzt legt er ein Stück Fleisch als Lockmittel auf den Oberschenkel, damit sie von alleine angeflogen kommen.

          In wenigen Tagen wird er mit ihnen rausgehen und sie zunächst an einer Lockschnur fliegen lassen. Wenn sie zuverlässig zurückkommen, darf sich der Uhu immer weiter entfernen. „Da muss aber Vertrauen da sein, sonst funktioniert es nicht“, sagt Becker. In freier Natur erreichen Uhus ein maximales Lebensalter von 27 Jahren. Vögel in Volierenhaltung können erheblich älter werden. Das weiß auch Becker. Der Dreiundsechzigjährige hat sich schon darauf eingerichtet: „Mindestens 40 Jahre muss ich noch leben.“

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