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TU Darmstadt : Mails von der Hausfassade

  • -Aktualisiert am

Ansichtssache: Ina Wöllert vor ihrer Installation Bild: Marcus Kaufhold

Einmal mehr investiert die Technische Universität in Kunst. Diesmal ist eine Lichtinstallation auf dem Campus Lichtwiese entstanden.

          3 Min.

          Studenten der Technischen Universität haben auf dem Campus Lichtwiese die seltene Gelegenheit, sich in ihre Anfänge als Pennäler zurückzuversetzen. Sie brauchen dazu nur, wenn sie am Gebäude des Uni-Hochleistungsrechners vorbeikommen, auf das Kunstwerk „HLR Lichtenberg 1“ zu blicken, das an der Außenfassade des Bauwerks angebracht ist: 96 Leuchtelemente, die in einem Raster angeordnet eine große Leuchtfläche bilden, wie man sie von Einkaufszentren kennt. Nur dass dort keine Werbung läuft, sondern Texte aus den „Sudelbüchern“ Georg Christoph Lichtenbergs zu lesen sind – Aphorismen, die abwechselnd als Binärcode und als Textfragmente aufblinken.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Lichtenberg, 1742 in Ober-Ramstadt bei Darmstadt geboren, wurde als Professor für Experimentalphysik in Göttingen ein europaweit geschätzter Naturwissenschaftler, der bis heute vor allem aber als Autor der Sudelbücher bekannt ist, in die er seine Gedankensplitter eintrug – über 30 Jahre hinweg, so dass mehr als 10000 kürzere oder längere Notizen zusammenkamen. Sie zeigen einen aufmerksamen, humorvollen und weltoffenen Beobachter, der in vielem seiner Zeit voraus war. Wer zum Beispiel seinen Eintrag über Träume liest, denkt unwillkürlich an den späteren Begründer der Psychoanalyse, Sigmund Freud: „Aus den Träumen der Menschen ließe sich auf ihren Charakter schließen“. Inna Wöllert vermutet sogar, dass Lichtenberg auch die Digitalisierung geahnt hat. Anlass dafür ist der Darmstädterin mit dem Künstlernamen Karwath+Todisko eine Äußerung Lichtenbergs zur Alternative des Drucks. Wäre es möglich, auf irgendeine andere Art „mit der Welt zu sprechen“, so würde er diese dem Druck vorziehen, hielt er zu einer Zeit fest, wo an Mails noch nicht zu denken war.

          Außen sichtbar machen, was innen passiert

          Dank des kunstsinnigen Kanzlers der Universität, Manfred Efinger, darf Lichtenberg nun sozusagen 24 Stunden jeden Tag von der Fassade des Rechnergebäudes herab mailen. Wöllert hat sich durch die Sudelbücher gekämpft, um Textstellen zu finden, die sich mit Lehre, Wissenschaft und dem universitären Leben beschäftigen. Diese hat sie zum Teil komprimiert und sprachlich an die Gegenwart angepasst und in den nicht direkt lesbaren Code und in eine laufende Pixelschrift übertragen, die in Zusammenarbeit mit dem niederländischen Schriftgestalter Lucas de Groot entstand.

          „Es ist kein leichtes Lesen“, räumt Wöllert ein. Das war auch die Erfahrung der Gäste gestern bei der offiziellen Eröffnung von HLR Lichtenberg 1. Es geht einem beim Blick auf die Leuchtkästen in den lackierten Aluminiumgehäusen – die mit Acrylglas abgedeckt sind, das bei Hinterbeleuchtung hell und sonst dunkel erscheint – wie dem Erstklässler, der sich über die einzelnen Buchstaben hin zum Wort durchkämpft und schließlich zum ganzen Satz. Aber auch das gehört zur künstlerischen Intension Wöllerts, die an der Weißensee Kunsthochschule in Berlin studierte und heute in Darmstadt lebt und arbeitet. Ihre Werke, die sich mit Räumen und ihren Eigenheiten beschäftigen, sollen irritieren, provozieren und anregen, sich intensiver mit der Umgebung auseinanderzusetzen. Im konkreten Fall mit jenem „Höllenraum“ (Efinger), den der 2013 in Betrieb genommene Hochleistungsrechner darstellt. „Der Binärcode soll nach außen sichtbar machen, was innen passiert“, sagte Wöllert, also sinnbildlich die enormen Rechenprozesse abbilden, Der Rechner wurde ebenfalls nach Lichtenberg benannt. Er vereint unterschiedliche Rechnerarchitekturen, die schon in der ersten Ausbaustufe das Dreißigfache der alten Anlagen überstiegen. 2019 wird vermutlich „Lichtenberg II“ auf der Lichtwiese zugeschaltet, der ebenfalls mit Kosten von rund 15 Millionen Euro veranschlagt ist. Solche Investitionen in die wissenschaftliche Infrastruktur kommen in Darmstadt indirekt auch der Kunstförderung zugute. Denn die Universität ist als öffentlicher Bauherr gehalten, bis zu ein Prozent der Baukosten in „Kunst am Bau“ zu investieren. Das ist zwar eine „weiche“ Vorgabe, die die TU aber „mit Herz“ erfülle, wie Efinger sagte.

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          Als Beispiel verwies er auf jene Kunstwerke, die in den vergangenen Jahren auf dem Außencampus Lichtwiese installiert wurden. Dazu zählt zum Beispiel die monumentale Arbeit „Helio I und II“ von Bernd Krimmel, die aus schillernden Glasplatten und Glaszylindern besteht, die im Treppenhaus des neuen Hörsaal- und Medienzentrums angebracht wurden. Oder die mehrteilige „kinetische Installation“ des Künstlers Hans-Michael Kissel, die seit vergangenem Jahr am Eingang zum Hochschulstadion steht. Insgesamt hat die Universität nach Angaben des Kanzlers in den vergangenen Jahren rund 500000 Euro in Kunstwerke allein auf dem Campus Lichtwiese investiert.

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