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Alternative für Energiewende? : Neue Hochleistungsleitungen im Test

  • Aktualisiert am

Bald nicht mehr auf dem aktuellsten Stand? Die TU Darmstadt arbeitet an einer neuen Technologie zur Stromversorgung. Bild: dpa

Mit einer neuen Technologie will die TU Darmstadt für einen verbesserten Energietransport sorgen, der zudem weniger Platz braucht. Das könnte auch bei der Energiewende eine Rolle spielen.

          3 Min.

          Mit einem neuen Testfeld will die Technische Universität Darmstadt eine neue Technologie für die Übertragung von Hochspannungsstrom in Erdleitungen testen.

          „Strom, Energie ist ein wichtiger Faktor auf dem Weg in die Zukunft“, der Kanzler der TU Darmstadt, Manfred Efinger, bei der Eröffnung im südhessischen Griesheim. In der Anlage sollen die neuen Leitungen nun ein Jahr im Dauertest unter realen Bedingungen geprüft werden.

          Die neue Technologie soll unempfindlicher sein, größere Strommengen transportieren und weniger Platz brauchen als bisherige Hochspannungsleitungen. Sie könnte auch für die Energiewende von Nutzen sein. Die Gesamtkosten für die Testanlage liegen der TU zufolge bei 3,2 Millionen Euro.

          Wo sollen die Vorteile der neuen Leitungen liegen?

          Die Leitungen sind nach Angaben von Professor Volker Hinrichsen vom Fachbereich Hochspannungstechnik der TU aufgebaut wie eine Pipeline - endlos geschweißte Rohre. Da die Isolierung zwischen dem geerdeten Außenmantel und der innen liegenden, stromführenden Leitung aus einem Gasgemisch besteht, sind sie nicht so wärmeempfindlich wie derzeit übliche kunststoffisolierte Stromkabel und können größer Strommengen transportieren. „Suedlink“, eine geplante Kabeltrasse von Schleswig-Holstein nach Baden-Württemberg, soll rund zweimal zwei Gigawatt Leistung übertragen können, wofür mehrere parallele Kabel erforderlich sind. Eine äquivalente Trasse mit den neuen Leitungen könnte dem Entwickler Siemens zufolge fünf Gigawatt transportieren, was ungefähr der Leistung von vier großen Blöcken eines Kraftwerks entspricht. Sie können zudem wesentlich platzsparender gebaut werden und wären Hinrichsen zufolge vermutlich auch weniger reparaturanfällig. Die Technik könnte in sensiblen Bereichen wie Naturschutzgebieten genutzt werden, da sie nur ein Drittel des Platzes einer unterirdischen Kabeltrasse benötigt.

          Milliarden-Investition

          Der Langzeittest dauert ein Jahr. Kommen die Leitungen für die Energiewende nicht schon zu spät?

          „Es kann sein, dass es zu spät ist für die deutsche Energiewende, weil dann alle Entscheidungen schon getroffen sind“, sagt Hinrichsen. Doch könnte es nach wie vor Verzögerungen im Leitungsnetzausbau geben und bei einer Energiewende müsse man ohnehin auch an Europa und global denken. GIL-Technik sollte auch nicht als Konkurrenz zur Kabeltechnologie etabliert werden, sondern parallel dazu. „Ich glaube nicht, dass irgendein Betreiber wagen würde, sofort 500 Kilometer gasisolierte Leitung zu verlegen, dafür ist die Technik einfach noch zu unbekannt.“

          Was würde die neue Technologie kosten?

          Eine unterirdisch verlegte Kabeltrasse ist Hinrichsen zufolge mindestens fünf bis sechs Mal so teuer wie eine Freileitung. Eine GIL wird in der Gesamtbilanz mindestens ebenso teuer sein, wie eine unterirdische Kabeltrasse. „Wo das preislich liegt, steht aber noch in den Sternen.“ Die Leitungen seien ja noch nicht am Markt eingeführt. Sicher ist, dass es erheblich teurer ist als eine Freileitung. Die geschätzten Kosten alleine für die „Suedlink“-Trasse liegen bei rund zehn Milliarden Euro.

          Gibt es noch einen Haken bei der neuen Technologie?

          Der geplante Langzeittest findet noch nicht zu 100 Prozent in der Verlegetechnik statt, wie später die Leitungen tatsächlich gebaut würden. Zudem ist in dem isolierenden Gasgemisch zur Zeit ein Anteil zwischen 20 und 40 Prozent des starken Treibhausgases Schwefelhexafluorid (SF6). Betreiber könnten nun sagen, sie möchten noch einen Test unter den realen Verlegebedingungen oder mit einem Gasgemisch ohne SF6.

          Vier Stromautobahnen geplant

          Von wem wurde die Technologie entwickelt?

          Die gasisolierten Hochspannungs-Gleichstromleitungen wurden von der Firma Siemens entwickelt. Der Langzeittest wird in einer Zusammenarbeit zwischen Siemens, der TU Darmstadt, der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg und der TU Berlin durchgeführt. Gefördert wird das Projekt über Mittel des Bundeswirtschaftsministeriums, des Landes Hessen und des europäischen Fonds für regionale Entwicklung EFRE.

          Wie weit ist der Ausbau der Stromautobahnen?

          Geplant sind insgesamt vier Stromautobahnen. Neben „Suedlink“ noch „Suedostlink“ von Sachsen-Anhalt nach Bayern und „A-Nord“/„Ultranet“ von Emden über Nordrhein-Westfalen bis zum badischen Philippsburg. Eine vierte Trasse ist von Schleswig-Holstein nach Nordrhein-Westfalen angedacht. Der Bundesnetzagentur zufolge sind von 7700 erforderlichen Kilometern bislang rund 1100 gebaut.

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