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TU Darmstadt : 78 Kilometer Regalböden

  • -Aktualisiert am

Bücherregal: Die TU Darmstadt feiert Richtfest für die neue Universitäts- und Landesbibliothek. Bild: Lena Grimm

Die Technische Universität Darmstadt bekommt eine neue Universitäts- und Landesbibliothek für rund 2,2 Millionen Medien.

          3 Min.

          Das Wort „Meilenstein“, das Hessens Ministerin für Wissenschaft und Kunst, Eva Kühne-Hörmann (CDU), am Montag beim Richtfest für die neue Universitäts- und Landesbibliothek (ULB) gebraucht hat, ist zwar eine bekannte politische Floskel. Aber für die Beschreibung der künftigen Arbeitsplätze von Hans-Georg Nolte-Fischer und seinen 100 Mitarbeitern war es ein passendes Wort. Kann man doch die Regalböden, die bis zur Fertigstellung der Bibliothek aufgebaut sein müssen, auch in Meilen oder Kilometern ausdrücken. Dann käme man, würden sie alle aneinandergereiht, auf eine Strecke von 78 Kilometern. Das entspricht ziemlich exakt der Entfernung Darmstadt–Speyer.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Nolte-Fischer als Leiter der ULB und der Präsident der Technischen Universität Darmstadt, Hans Jürgen Prömel, hatten gestern solche und andere Eckdaten parat, um die Dimension des Neubaus zu skizzieren, der, von oben betrachtet, wie ein klein geschriebenes „b“ zwischen dem alten Hauptgebäude und der Mensa und dem Audimax-Gebäude in die Höhe wächst. Fast 20.000 Quadratmeter Nutzfläche auf fünf Geschossen plus 2400 Quadratmeter Stellfläche in einer zweigeschossigen Tiefgarage, was Platz bietet für mehr als 500 öffentliche Arbeits- und Leseplätze, einen Freihandbestand von 680.000 Bänden, ein Kompaktmagazin für insgesamt 1,4 Millionen Medien, einen allgemeinen und einen Zeitschriften-Lesesaal, drei Fachlesesäle, einen Sonderlesesaal für Handschriften und Musikalien und einen „Lesehof“ im Freien sowie für Restaurierungswerkstatt, Buchbinderei und Digitalisierungszentrum.

          In vier Jahrhunderten nichte ein einziges Mal umgezogen

          Die Baukosten in Höhe von 74 Millionen Euro, die aus dem Baubudget der TU Darmstadt und einem projektbezogenen Zuschusses des Landes in Höhe von 30 Millionen Euro finanziert werden, haben ebenfalls eine besondere Dimension. Jedenfalls brachte Kühne-Hörmann auch Hessens Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) mit nach Darmstadt. „Bei solchen Ausgaben kommen wir auch schon einmal im Doppelpack“, meinte der Minister.

          Die Landesbibliothek, die vor rund 450 Jahren von Landgraf Georg I. begründet wurde und seit 1948 auch als Universitätsbibliothek firmiert, ist in den vier Jahrhunderten nicht ein einziges Mal umgezogen. Angesichts des Wachstums der Studentenzahlen und ständig steigender Besucher- und Ausleihzahlen reichte die räumliche Kapazität des Darmstädter Stadtschlosses längst nicht mehr hin. Mit dem Neubau will die Technische Universität bessere Lern- und Studienbedingungen bieten und zugleich die rund 60 Fachbibliotheken, die neben der ULB noch bestehen, konzentrieren. Die der in der Stadtmitte ansässigen Fachbereiche werden ihre Bestände in den Neubau verlagern, die Fachbereiche am Außencampus Lichtwiese ihre Medien in das geplante Hörsaal- und Medienzentrum. In den Fachbereichen bleiben nur Handapparate.

          „Resonanz in der Stadt“

          Kühne-Hörmann bezeichnete das über das Hochschulprogramm Heureka finanzierte Bauprojekt als einen Schritt, um die hessischen Hochschulstandorte fit für den nationalen und internationalen Wettbewerb zu machen. Da die TU den Bibliotheksneubau eigenständig geplant habe und bisher sowohl den Zeit- wie den Kostenplan einhalte, sei das Vorhaben „ein Beweis, dass die Bauautonomie der Universitäten funktionieren kann“, meinte die Ministerin, die darauf verwies, dass im Neubau künftig auch Platz sei, um historische Objekte aus der „Schatzkammer“ zu präsentieren, etwa alte Bestände aus der Musikaliensammlung der Landesbibliothek.

          Nolte-Fischer will mit dem Umzug Mitte des nächsten Jahres beginnen, wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind. Mit der Verlagerung der Medienbestände startet die Technische Universität dann die nächste Bauphase, die Renovierung und Sanierung des Darmstädter Schlosses. Beide Projekte sind unmittelbar verbunden. Durch den Umzug der ULB werden die 20 000 Quadratmeter Schlossfläche aber nicht vollständig frei. So bleiben etwa die 330 000 Medien für die Fachgebiete der Gesellschafts- und Geschichtswissenschaften dort. Aber es wird ausreichend Raum geschaffen für den Umzug der Universitätsleitung oder des Deutschen Polen-Instituts, die beide ihren Sitz im Stadtschloss bekommen sollen. Die entsprechenden Nutzungspläne hatte 2006 noch der Vorgänger der Ministerin, Udo Corts (CDU), zusammen mit dem Vorgänger Prömels, Johann-Dietrich Wörner, vorgestellt. Bestandteil der Abmachung mit dem Land war auch die Beteiligung Wiesbadens am kalkulierten Renovierungsaufwand im Schloss, der vor fünf Jahren auf 40 Millionen Euro geschätzt worden war.

          Der Neubau der Universitäts- und Landesbibliothek basiert auf Plänen des Nürnberger Architektenbüros Bär, Stadelmann, Stöcker Architekten BDA, die sich 2005 in einem internationalen Wettbewerbsverfahren gegen rund 60 andere Vorschläge durchsetzten. Deren Entwurf sei eine Architektur, „die auf Resonanz in der Stadt traf“, sagte der Finanzminister aus Wiesbaden am Montag – und formulierte damit einen Befund, der angesichts der aktuellen Architekturdiskussion um die Mathildenhöhe noch einmal erheblich an Bedeutung hinzugewonnen hat.

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