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In der Pandemie gedreht : Eine emotionale Achterbahnfahrt

Jonas Holdenrieder ist für seine Rolle l in „Trübe Wolken“ für den Schauspielpreis des Spielfilm-Wettbewerbs des Ophüls-Festivals nominiert. Bild: Salzgeber/Markus Bachmann

Im Juli 2020 hat Christian Schäfer als Erster in Hessen unter Pandemiebedingungen einen Langfilm zu drehen begonnen. Jetzt steht „Trübe Wolken“ im Spielfilm-Wettbewerb des Ophüls-Festivals.

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          Christian Schäfer hat es hingekriegt, sogar einen mittelhessischen Rekordsommer so aussehen zu lassen, wie es sein Filmtitel verspricht. „Trübe Wolken“ hätte im März 2020 Drehstart gehabt, die Wolken, das Trübe, ja Düstere der Umgebung sind dennoch da. Achterbahnarchitekt hatte er als Kind werden wollen, bis er die Leidenschaft für den Film und das Geschichtenerzählen entdeckte, sagt der 30 Jahre alte Schäfer, der in knapp drei Jahren den dritten Film fertiggestellt hat. Ein bisschen wie eine emotionale Achterbahn sind die „Trüben Wolken“ aber auch.

          Eva-Maria Magel

          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Nun läuft sein erster langer Spielfilm, gefördert unter anderem durch Mittel der Hessen-Film und Medien, im Wettbewerb des Ophüls-Festivals. Das findet diesmal online statt. Was Schäfer, dessen erfolgreicher Abschlussfilm „Dieter Not Unhappy“ vor drei Jahren ebenfalls im Wettbewerb des Saarbrücker Festivals für Nachwuchsfilme gelaufen ist, sich vor kurzem noch nicht hätte vorstellen können.

          „Ich hatte ein bisschen Angst. Denn was ich am Ophüls so toll finde, ist der Kontakt zum Publikum. Die Leute, die den Film eben gesehen haben, gehen auf dich zu und stellen Fragen. Das passiert aber auch so. Wir bekommen täglich Nachrichten, die Leute nutzen die Chance, das ist unglaublich. Ich glaube auch, es war eine richtige Entscheidung, den Film digital zu zeigen. Auch wenn ich grundlegend der Meinung bin, Filme gehören ins Kino.“ Bis 24. Januar kann man Tickets für das Streamen der Filme erwerben, am 23. Januar um 19.30 Uhr findet die Preisverleihung auf der Internetseite ffmop.de statt. „Trübe Wolken“ geht im Spielfilm-Wettbewerb ins Rennen, Schäfers Hauptdarsteller Jonas Holdenrieder ist ebenso in der Kategorie „Bester schauspielerischer Nachwuchs“ nominiert wie der Hauptdarsteller eines weiteren durch Hessen geförderten Spielfilm-Beitrags, Eugene Boateng aus York-Fabian Raabes „Borga“.

          Undurchsichtig wie eine Wolke

          Holdenrieders Figur Paul, ein Schüler mit Geheimnissen, ist dabei mindestens ebenso undurchsichtig wie eine Wolke. Was allerdings auch für alle anderen Figuren gilt. „Es geht um Identität, Selbstdarstellung, darum, wie Leute Mauern bauen, mit Facetten spielen. Was ich da versuche zu zeigen, sind Leute, die nicht ehrlich zueinander sind. Ihre Sehnsüchte, die nicht befriedigt werden, weil sie nicht zu sich selber stehen können.“ Entstanden ist nach dem Drehbuch von Glenn Büsing ein Coming-of-Age-Film, der zugleich ein Thriller und die Studie einer dysfunktionalen Familie ist. Überhaupt lauert das Düstere in jeder Figur. Nicht nur bei Paul, der hypersensibel wirkt und den sein Lehrer (Devid Striesow) für eine jüngere Ausgabe seiner selbst hält.

          Das Glück, arbeiten zu dürfen, so etwas wie Normalität zu haben, hatte der 21 Jahre alte Holdenrieder beim Dreh in Dillenburg seinerzeit genauso betont wie sein gestandener Kollege Striesow. Normal aber war alles andere als das, was Schäfer und sein Team im Juli bei der Produktion im Mittelhessischen stemmen mussten. „Das war ja noch in der Zeit, als es noch keinen Guide und Hygienebeauftragte gab, wie es sie jetzt an jedem Set gibt. Auch Schnelltests gab es noch nicht.“ Das Team arbeitete mit PCR-Test, Abstandsregeln, streng getrennten Gruppen und Quarantäne für jene, die sich näher kommen mussten. Die Corona-Auflagen sieht man dem Film allerdings nicht an – das sei ihm wichtig gewesen, sagt Schäfer. „Manchmal haben wir getrickst, damit man es nicht sieht.“

          Geschnitten wurde über Zoom

          Nach den ersten Verschiebungen sei klargeworden: Wenn der Film später fertig würde, wäre an eine zeitige Festivalauswertung nicht zu denken, ganz zu schweigen von den finanziellen Einbußen. Also gab Schäfer im Juli Gas: Schon während des Drehs hat Cutterin Tabea Hannappel Tag für Tag mit dem Schnitt begonnen. Das sparte Zeit, obwohl am Ende noch viel geändert wurde. Er lasse sich sonst Zeit, der Schnitt pausiere auch mal zwei, drei Wochen, er experimentiere. Diesmal lief das völlig anders: „Wir haben über Zoom geschnitten. Das funktioniert sehr gut – wenn man ein schnelles Internet hat. Das ist fast, als ob ich bei der Cutterin sitzen würde.“

          Hannappel lebt in München, Schäfer in Köln, wo er auch Regie studiert hat. Seine junge RabiatfilmProduktion aber hat den Sitz in seiner hessischen Heimat, in Sinn-Fleisbach. Weil die Fallzahlen kurz nach dem Dreh stiegen, ist auch der Ton über Zoom gemischt worden. „Das hätte ich im März nicht gedacht, dass die Arbeit sich so verändert.“ Nun hofft Schäfer auf weitere Festivals. Ob er ein weiteres Mal digital mitmachen würde, weiß er aber noch nicht – und auch nicht, wann sein Film, im Verleih bei Salzgeber, ins Kino kommt. „Wenn ich eins gelernt habe, dann: Positiv denken und das Beste aus jeder Situation machen. Erst einmal bin ich froh, dass die Leute mit meiner Erzählweise etwas anfangen können.“

          Ein Publikumsgespräch zu „Trübe Wolken“ findet am heutigen Freitag von 17.30 Uhr an statt, Tickets für das Streaming und Links zum Gespräch gibt es über ffmop.de.

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