https://www.faz.net/-gzg-9wzct

Tankstelle in Wiesbaden : Treibstoff für zwei geliehene Busse

Ein Bus wird auf dem Eswe-Betriebsgelände in Wiesbaden mit Wasserstoff betankt. Bild: dpa

Eine millionenteure Wasserstoff-Tankstelle ist auf dem Eswe-Betriebsgelände in Wiesbaden eröffnet worden. Die passende Fahrzeuge fehlen der Stadt allerdings bislang.

          3 Min.

          Das kommunale Verkehrsunternehmen Eswe und sein Pendant von der gegenüberliegenden Rheinseite, die Mainzer Mobilität, haben auf dem Eswe Betriebsgelände an der Gartenfeldstraße gegenüber dem Wiesbadener Hauptbahnhof eine Wasserstofftankstelle eröffnet. Die beiden Bundesländer Hessen und Rheinland-Pfalz haben das insgesamt 2,3 Millionen Euro teure Projekt jeweils mit einer Million Euro gefördert. Mit dem Bau der Wasserstofftankstelle war Linde beauftragt. Die Infrastruktur kommt von Infraserv.

          Oliver Bock

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Rheingau-Taunus-Kreis und für Wiesbaden.

          Die Wasserstoff-Tankstelle ist die Voraussetzung, dass die beiden Landeshauptstädte wasserstoffbetriebene Omnibusse in ihrem Fuhrpark testen können. Allerdings wird die Tankstelle auf absehbare Zeit nur von zwei Bussen angefahren werden. Denn der schon 2016 von Frankfurt, Wiesbaden und Mainz verabredete gemeinsame Kauf von elf Wasserstoff-Bussen ist gescheitert, weil das Unternehmen „ebe Europa“ nicht liefern kann.

          Laut Eswe-Geschäftsführer Jörg Gerhard sollen deshalb Vertragsstrafen geltend gemacht und möglicherweise auch Schadenersatzforderungen erhoben werden, sofern den Kommunen deshalb Fördermittel entgangen sind. Um die millionenteure Tankstelle dennoch in Betrieb nehmen zu können, haben Eswe und Mainzer Mobilität von dem privaten Busunternehmen Winzenhöler in Groß-Zimmern jeweils einen Wasserstoffbus für die Dauer von zunächst einem Jahr gemietet.

          „Weltweit einzigartige“ Anlage

          In Wiesbaden soll der Bus in Kürze auf den vergleichsweise langen Strecken der Linie 16 vom Südfriedhof nach Wiesbaden-Naurod und der Linie 17 von Klarenthal nach Wiesbaden-Bierstadt eingesetzt werden. Je nach Auslastung, Streckenprofil und Jahreszeit hat der Wasserstoffbus eine Reichweite von 300 Kilometern und mehr gegenüber 150 bis 200 Kilometern eines Batteriebusses.

          Die Mainzer Mobilität wird ihren Bus bevorzugt auf den Linien einsetzen, die über den Rhein bis nach Wiesbaden rollen, um sich Extrafahrten zum Auftanken zu ersparen. Die Tankstelle kann bei voller Auslastung bis zu acht Wasserstoffbusse mit Energie versorgen. Der Wasserstoff dafür muss allerdings von Diesellastwagen über den Rhein gefahren werden, denn er wird im 2015 eröffneten Energiepark Mainz in Hechtsheim erzeugt, den die Landeshauptstadt gemeinsam mit den Industriepartnern Linde und Siemens entwickelt hat. Den „grünen Strom“ für die Elektrolyse zur Herstellung des „grünen Gases“ liefern Windenergieanlagen. Diese Anlage sei „weltweit einzigartig“, heißt es von der Mainzer Mobilität. Die Mainzer Verkehrsdezernentin Katrin Eder (Die Grünen) kündigt an, dass Mainz mittelfristig die Errichtung einer eigenen Wasserstofftankstelle prüfen werde. Repariert und gewartet werden die beiden Busse schon auf Mainzer Seite.

          Vorerst ist unklar, wann die deutsche Industrie leistungsfähige Wasserstoffbusse liefern kann, die Mainz und Wiesbaden nur zu gerne bestellen würden. Der gemeinsame Beschaffungsverbund mit Frankfurt hat allerdings wohl keine Zukunft, wie am Rand der Veranstaltung zu hören war. An der Technik wollten aber alle drei Kommunen festhalten.

          Bis zum Sommer 46 E-Busse

          Wie schwierig die Umstellung großer Fuhrparks ist, zeigt auch das Beispiel der Batteriebusse. Weil Eswe noch immer keine festen Ladesäulen am Betriebshof zur Verfügung hat, sind erst zehn Batteriebusse in den Regelbetrieb integriert worden. Geschäftsführer Gerhard kündigte auf Nachfrage an, dass bis zum Sommer weitere 46 E-Busse geliefert werden, und im Jahr 2021 noch einmal 64 Busse. Wie es danach weitergeht, hängt auch von der künftigen Förderung ab. Erklärter Wille in Wiesbaden ist, sämtliche 270 Dieselbusse zu ersetzen.

          Für die Autofahrer ergeben sich erst einmal Nachteile. Weil der Bau fester Ladesäulen auf dem Betriebshof Platz braucht, wird ein Teil der 270 Busse übergangsweise auf dem P+R-Parkplatz Salzbachaue am Hauptbahnhof abgestellt. Dort fallen deswegen viele Autostellplätze weg. Die Stadt empfiehlt den Autofahrern, auf umliegende Parkplätze, Parkhäuser oder die neu eingerichteten Parkplätze an der Kreuzung Mainzer Straße/Zweiter Ring auszuweichen.

          Die rheinland-pfälzische Umweltministerin Ulrike Höfken (Die Grünen) nannte die Wasserstofftankstelle ein gutes Beispiel für die Kooperation zwischen den Bundesländern und ihren Hauptstädten. Um ausreichend „grünen“ Wasserstoff in der Region erzeugen zu können, seien mehr Windräder und Photovoltaikanlagen notwendig. Ihr hessischer Ministerkollege Tarek Al-Wazir (Die Grünen) kritisierte die mangelnde Innovations- und Leistungsfähigkeit der deutschen Industrie ebenso wie Wiesbadens Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Die Grünen). Die Zeichen der Zeit seien nicht rechtzeitig erkannt worden, sagte Al-Wazir, der Wasserstoff als Antriebsmittel insbesondere für schwere Nutzfahrzeuge eine Zukunft gibt, auch wenn noch immer nicht klar sei, „was sich am Ende wirklich durchsetzen wird“. Al-Wazir erwartet zudem, dass im Verbundgebiet des RMV in drei Jahren die ersten Brennstoffzellenzüge im Regelbetrieb unterwegs sein werden. Jochen Erlhof, Geschäftsführer der Mainzer Mobilität, ist der Ansicht, „dass wir auf dem Weg zum CO2-freien Nahverkehr technologieoffen sein müssen. Ich kann mir gut vorstellen, dass Brennstoffzelle und Batterie in ein paar Jahren in einem Bus optimal kombiniert werden.“

          Weitere Themen

          Weitgehendes Kontaktverbot gilt bis nach Ostern

          Hessen : Weitgehendes Kontaktverbot gilt bis nach Ostern

          Die Menschen grundsätzlich dürfen derzeit nur alleine oder zu zweit aus dem Haus gehen. Diese Regel wird sie noch länger begleiten, wie der Ministerpräsident sagt. Wie geht es aber nach Ostern weiter?

          Topmeldungen

          Hausärzte haben zum Teil ihre liebe Not damit, Patienten aus ihren Praxen fernzuhalten, die möglicherweise mit dem Coronavirus infiziert sind.

          Angst vor Corona : Dreist in der Krise

          Patienten, die lügen, um den Doktor sprechen. Ärzte, die fiktive Impfungen anbieten. Menschen, die die Corona-Krise immer noch für einen Medienhype halten. Nicht nur an den Supermarktregalen provoziert das Virus allerlei problematisches Verhalten.
          Mehr Gemeinde ist nicht drin: In der Pfarrkirche Achern in Baden-Württemberg findet ein Gottesdienst vor leeren Bänken statt. Gemeindemitglieder hatten ihre Fotos geschickt, die sie vertreten mussten.

          Corona und die Religionen : Die unsichtbare Frontlinie

          Staatstragenden Religionsgemeinschaften fällt es besonders schwer, Gotteshäuser zu schließen. Doch jetzt bezeichnet selbst Putins Beichtvater die Selbstisolation als heilige Christenpflicht im Weltkrieg gegen die Krankheit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.