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Emotionale Reden in Hanau : „Es waren keine Fremden“

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Trauer am Marktplatz in Hanau: Nach dem rassistischen Anschlag mit elf Toten findet im Beisein von Bundespräsident, Bundeskanzlerin und Ministerpräsident eine Trauerfeier statt. Bild: Francois Klein

In Hanau sendet die Politik eine klare Botschaft an die Menschen im Land. Und einer, der fast alle Opfer gekannt hat, berichtet von seiner Trauer – und von seiner Angst.

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          Kemal Kocak ist traurig, erschüttert, verzweifelt, wütend. Und er hat Angst. Seit dem 19. Februar, dem Tag des rassistischen Anschlags in seiner Heimatstadt Hanau, fürchte er sich, mit seinen Kindern das Haus zu verlassen, erzählt Kocak am Mittwochabend bei der Trauerfeier für die Getöteten. Der 1974 in Hanau Geborene hat fast alle Opfer gekannt, mit einigen war er befreundet. Es tue ihm in der Seele weh, zu wissen, dass er all diese fröhlichen, friedlichen, hilfsbereiten und lebensbejahenden Menschen nie wiedersehen werde. „Mein Herz blutet“, sagt Kocak. Und er fürchte, dass so etwas wieder geschehen könnte, dass jemand eine Waffe gegen ihn, seine Frau oder seine Kinder richten könne. Am Abend zuvor, sagt er, habe er Angst gehabt, vom Wohnzimmer ins Schlafzimmer zu gehen. „Ich möchte keine Angst haben.“

          Ralf Euler

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung, verantwortlich für den Rhein-Main-Teil der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier bringt, zwei Wochen nach dem Anschlag, bei dem ein 43 Jahre alter Deutscher neun Hanauer Bürger mit Migrationshintergrund, seine Mutter und sich selbst erschossen hat, eine klare Botschaft als Antwort auf die Sorgen Kocaks. „Jeder Mensch, der in unserem gemeinsamen Land lebt, muss in Sicherheit und Frieden leben können.“ Der Staat habe die Pflicht, dieses Recht zu schützen, und dafür müsse er mehr tun als bisher, dafür müsse er alles tun. „Der Anschlag galt den angeblich Fremden, getroffen hat er Menschen“, sagt Steinmeier bei der Gedenkveranstaltung vor rund 600 geladenen Gästen, ein Großteil von ihnen trauernde Angehörige, im Congress Park Hanau.

          „Hanau wird sie niemals allein lassen“

          Mehrfach werden an diesem Abend die Namen der Getöteten genannt: Ferhat Unvar, Mercedes Kierpacz, Sedat Gürbüz, Gökhan Gültekin, Hamza Kurtovic, Kaloyan Velkov, Vili Viorel Paun, Said Nesar Hashemi und Fatih Saracoglu. Und auch an die Mutter des Täters, Gabriele Rathjen, die ebenfalls zu dessen Opfern gehört, wird erinnert.

          Kemal Kocak, der mit mehreren Opfern aus Hanau befreundet war, während seiner Rede im Rahmen der Trauerfeier.

          Außer dem Bundespräsidenten nehmen Kanzlerin Angela Merkel (CDU), Bundesratspräsident Dietmar Woidke (SPD), der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und der frühere Bundespräsident Christian Wulff an dem zentralen Gedenkakt teil, der auf Großbildleinwänden auf dem Marktplatz und dem Freiheitsplatz in der Innenstadt übertragen wird. „Die Opfer waren keine Fremden“, lautet die zentrale Botschaft.

          Steinmeier beschreibt jeden der Toten mit einem kurzen Satz. „Sedat besaß eine Bar und konnte keiner Fliege etwas zuleide tun“, sagt er. „Mercedes war eine offene, lebensfrohe Frau und Mutter von zwei Kindern.“ „Hamza hatte nach erfolgreicher Ausbildung gerade seinen ersten Job angetreten“ und „Viorel war Kurierfahrer und viel auf Achse, er war das einzige Kind seiner Eltern“. Es sei die Logik des Terrors, so Steinmeier, Menschen in Gruppen zu zwingen. „Gehen wir deshalb nicht denen auf den Leim, die uns zu spalten versuchen, mit dem simplen Schema von ,wir‘ gegen ,die‘“.

          Angela Merkel im Gespräch mit einem Angehörigen eines der Opfer aus Hanau: Die Kanzlerin nahm zwar an der Trauerfeier teil, hielt aber keine Rede.

          Es reiche nicht, zu wissen, dass es eine schweigende Mehrheit gebe gegen Ausgrenzung und Ressentiments, gegen Hass und Gewalt. Diese Mehrheit müsse sich zeigen, im Verein, am Stammtisch, im Fußballstadion. „Das Schweigen der Vielen darf nicht zur Ermutigung weniger werden.“ „Die Angst darf nicht obsiegen“, sagt der hessische Ministerpräsident Bouffier. Und die Tat vom 19. Februar müsse Konsequenzen haben. Menschen, die sich radikalisierten, müssten früher erkannt werden, und vor allem gelte es zu verhindern, dass solche Personen in den Besitz von Waffen kämen.

          „Sie sind nicht allein und Hanau wird sie niemals allein lassen“, verspricht der Hanauer Oberbürgermeister Claus Kaminsky (SPD) den Angehörigen der Opfer. Er kündigt an, dass es für die Toten eine Gedenkstätte geben werden, damit ihre Namen und ihr Leiden nicht vergessen würden. Allen Opfern werde posthum die goldene Ehrenplakette der Stadt verliehen. „Denn sie starben für alle, die eine freie, offene und vielfältige Gesellschaft wollen. Diese Opfer waren keine Fremden.“

          Auch auf dem Marktplatz verfolgen die Menschen in Hanau die Trauerfeier mit den Reden der Angehörigen, Politiker und dem Auftritt der Sängerin Cassandra Steen.

          Rassismus und Hass seien ein Gift, das sich stetig mehr in das Leben in Deutschland schleiche. Es sei für ihn unerheblich, ob der Täter „ein einzelner irrer Rassist oder ein rassistischer irrer Einzelner“ gewesen sei. Entscheidend sei, dass der geistige Nährboden des Hasses viel zu viele Gewalttaten hervorbringe.

          „Nein, ich empfinde keinen Hass“, sagt Ajla Kurtovic, die Schwester des vor zwei Wochen ermordeten Hamza Kurtovic bei der Gedenkveranstaltung im Congress Park. Aber sie sei fassungslos, dass Hass und Rassismus im Internet auch nach diesem schrecklichen Anschlag nicht aufgehört hätten. „Wir wollen Taten sehen“, sagt Kemal Kocak an jene gerichtet, „die oben an den großen Hebeln stehen“. Und Saida Hashemi, die Schwester von Said Nesar Hashemi, der ebenfalls zu den Getöteten gehört, und deren anderer Bruder bei dem Anschlag schwere Verletzungen erlitt, beendet ihre Rede mit einem Wunsch. „Das ist nicht der erste Anschlag in Deutschland, aber wir hoffen und beten dafür, dass es der letzte war.“

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