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Tod von Walter Lübcke : Ermittler prüfen auch persönliches Motiv

  • -Aktualisiert am

Walter Lübcke wurde aus nächster Nähe erschossen. Bild: dpa

Der Tod des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke lässt viele Fragen offen. Während über mögliche politische Hintergründe spekuliert wird, gehen die Ermittler auch einer anderen Spur nach.

          Zwei Tage nach dem mutmaßlichen Mord an dem Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke bleibt den Ermittlungsbehörden nach wie vor nur ein Satz, um den Zustand zu beschreiben, in dem sich Polizei und Staatsanwaltschaft befinden: „Die Ermittlungen dauern an, sie gehen weiterhin in alle Richtungen.“ Mehr Informationen gab es auch am Montag nicht. Die Staatsanwaltschaft Kassel hat eine Art Nachrichtensperre verhängt.

          Helmut Schwan

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Am Montagabend appellierte die Behörde an die Medien, nicht zu spekulieren, denn Details zu den Umständen der Tat und Spekulationen über das Motiv des Täters könnten gerade in einem solch frühen Stadium den Erfolg der Ermittlungen gefährden. Dabei war die Hoffnung der Ermittler schon längst zunichte gemacht, als der Appell ausgesprochen worden war. Das Internet hatte diese Aufgabe übernommen.

          Dort werden derzeit Spekulationen geschürt – von Verschwörungstheoretikern bis hin zu Anhängern rechtsextremer Kreise, die Hass-Kommentare von sich geben, in Anlehnung an die Drohungen, die Lübcke 2015 erhalten hatte, als er im Zuge der Flüchtlingskrise sagte, wem es nicht passe, dass Menschen aufgenommen würden, „kann jederzeit dieses Land verlassen“.

          Privatadresse in einem Blog veröffentlicht

          Lübcke hatte damals, wie berichtet, auch Morddrohungen bekommen, die nach polizeilicher Bewertung von rechtsextremen Kreisen gesteuert wurden. Der CDU-Politiker, der es mochte, unter Menschen zu sein und sich mit ihnen auszutauschen, stand vorübergehend unter Polizeischutz. Danach war es wieder ruhiger geworden. Irgendwann kamen keine Drohungen mehr. Doch das Internet vergisst gerade in solchen Zirkeln nicht. In einem Blog wurde die Privatadresse Lübckes veröffentlicht mit der Aufforderung, bei ihm „vorbei zu schauen“.

          Allerdings gerät das politische Motiv aus Sicht der Ermittlungsbehörden derzeit immer weiter in den Hintergrund. Schon am Montag hatte LKA-Präsidentin Sabine Thurau gesagt, es gebe keinen Hinweis darauf, dass das Gewaltverbrechen an Walter Lübcke im Zusammenhang stehe mit den Geschehnissen vor vier Jahren. Der stellvertretende Regierungspräsident Hermann-Josef Klüber berichtete, dass Lübcke explizit als Person gerade von sogenannten Reichsbürgern immer wieder bedroht worden sei. Aber auch diese Spur scheint aus Sicht der Ermittler nicht weiterzuführen und darauf hinzudeuten, es könne sich um eine politisch motivierte Tat handeln.

          Streit auf einer Kirmes

          Fest steht für die Ermittler hingegen: Es muss in jüngerer Zeit einen konkreten Anlass für das Verbrechen gegeben haben. Vermutlich einen, der nicht lange zurückliegt, sondern der jetzt dafür gesorgt hat, dass jemand den CDU-Politiker an seinem Haus im nordhessischen Wolfhagen aufgesucht und ihn dann um Mitternacht herum auf der Terrasse des Hauses mit einem gezielten Schuss in den Kopf aus nächster Nähe getötet hat. Verstärkt geprüft wird deshalb auch ein persönliches Motiv. Es wird nicht ausgeschlossen, dass Lübcke den Täter kannte, ihn vielleicht sogar selbst ins Haus gelassen hat oder ihm zumindest über den halboffenen Zugang hinten Zutritt in den Garten verschafft hat.

          Aus Polizeikreisen ist zu hören, dass nur jemand so agiert, „der aus tiefstem, meist persönlichen Hass handelt, der sein Opfer geradezu hinrichten will, vielleicht, um damit ein Zeichen zu setzen“. So gehen die Ermittler zwar auch Berichten nach, wonach es auf einer Kirmes in seinem Heimatort zwischen dem Politiker und einer anderen Person zu einem Streit gekommen sein soll. Diese Kirmes-Spur ist gleichzeitig aber auch die schwächste, denn nach wie vor ist unklar, wer diese Person war und worum es bei dem Streit, wenn es ihn wirklich gab, gegangen ist. Für nicht sehr wahrscheinlich halten die Ermittler die Theorie, dass dieser Unbekannte dann später das Haus des Politikers aufgesucht hat.

          Erkenntnisse erhofft sich die Polizei weiterhin vom Tatort. Noch immer ist er nicht vollständig erfasst. Die Spurensicherung kann in solchen Fällen mehrere Tage dauern. Die Beamten fokussieren sich nicht nur auf die Terrasse, sondern auf den gesamten Garten, das ganze Grundstück und auch die Straße, die zu dem Haus führt. Jedes Detail wird markiert und dokumentiert. Gegenstände, an denen etwa DNA-Anhaftungen erwartet werden, werden kriminaltechnisch untersucht. Das Landeskriminalamt forderte auch gestern noch einmal Zeugen auf, sich zu melden. Weiterhin ist ein Hinweis-Telefon unter der Rufnummer 0561/9104444 geschaltet.

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