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Auswilderung : Neue Heimat für den Feldhamster

Freiheit vor Augen: Junge Feldhamster im hessischen Main-Kinzig-Kreis ausgewildert. Bild: Rainer Wohlfahrt

Früher galten Feldhamster als Schädlinge, doch inzwischen bemühen sich hessische Naturschützer um die Arterhaltung. Jetzt wurden fünf von ihnen im Main-Kinzig-Kreis ausgewildert.

          Man kennt es vor allem von seltenen, exotischen Wildtieren. Sie werden ausgewildert, also zum Beispiel in der afrikanischen Savanne wieder in die Freiheit entlassen, wo sie überleben müssen. Diese Tiere gehören zu Arten, die in freier Wildbahn bedroht oder schon ausgerottet sind. Sie werden in Zoos gezüchtet und dann in ihre Herkunftsorte gebracht, um dort wieder eine Population aufzubauen. So werden auch Wildpferde aus dem Hanauer Naturschutzgebiet Campo Pond in der mongolischen Steppe in die Freiheit entlassen.

          Jan Schiefenhövel

          Freier Autor in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Tiere, die im Main-Kinzig-Kreis derzeit mit einigem Aufwand ausgewildert werden, gehören jedoch keiner exotischen Art an und sind eher unscheinbar. Auf einem Acker bei Niederdorfelden sind jetzt fünf Feldhamster aus Käfigen gelassen worden, damit sie im Blühstreifen am Feldrand heimisch werden. Tierschützer von der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz betreuen dieses Projekt. Sie gehen sehr behutsam vor, weil die Tiere das Leben in freier Wildbahn nicht gewohnt sind. Als Schutz gegen Füchse umgibt ein Zaun den Streifen, und als Schutz vor Greifvögeln werden die Hamsterkäfige ohne Boden zwischen die Pflanzen gestellt, damit sich die Tiere ins Erdreich graben können.

          Der Feldhamster als Beutetier

          Unter Bedingungen wie diesen könnten Feldhamster gut leben, erläutert der Vorsitzende der Gesellschaft, Oliver Conz. Denn sie fressen gern Kräuter und Blühpflanzen. Der dichte Bewuchs gibt den Tieren Deckung und damit Schutz vor Raubvögeln. Nach Worten von Biologe Tobias Reiners ist der Feldhamster ein Indikator für eine intakte Natur und die Artenvielfalt. Wo er leben kann, gibt es auch Hummeln, Schmetterlinge und Dachse. Außerdem wird der Feldhamster im Ökosystem als Beutetier gebraucht. So kann der ebenfalls selten gewordene Rotmilan ohne Beute nicht überleben. Den Einsatz der Naturschützer weiß auch Umweltministerin Priska Hinz (Die Grünen) zu schätzen, weshalb sie der Auswilderung beiwohnte.

          Der Feldhamster gilt heutzutage als bedrohte Art, weshalb Tierschützer sich für seinen Schutz einsetzen. Jahrzehntelang machte sich der Mensch keine Sorgen um sein Vorkommen. Im Gegenteil, die bis zu 30 Zentimeter großen Tiere galten als Schädlinge, weil Bauern Fraßschäden befürchteten. Deshalb wurden die Hamster mit Gas bekämpft. Getötet wurden sie aber auch wegen ihres Fells. Wirklich dezimiert wurden die Bestände aber vor allem durch den Verlust ihres Lebensraums.

          Erhaltungszucht im Opel-Zoo

          Immer mehr Flächen wurden versiegelt und zugebaut. Die moderne Landwirtschaft hat große, eintönige Äcker hervorgebracht, auf denen der Hamster keine Deckung mehr findet, etwa wenn der Weizen geerntet und das Feld kahl ist. Nun kommt er nur noch inselartig vor. Um die Art zu retten, betreibt der Opel-Zoo in Kronberg eine Erhaltungszucht. Im vergangenen Sommer wurde eine Zuchtstation aufgebaut, in der die Hamster überleben und sich vermehren können.

          Die Exemplare, die bei Niederdorfelden ausgewildert wurden, stammen nicht aus dem Zoo, sondern aus der Umgebung. Die Helfer der Naturschutz-Gesellschaft haben sie im Frühjahr des vergangenen Jahres eingefangen, und zwar auf einer Fläche, auf der die Tiere ohnehin nicht hätten bleiben können, weil dort gebaut wurde. Unter den eingefangenen Hamstern waren trächtige Weibchen, die Jungtiere wurden kurz darauf geboren.

          Die erwachsenen Tiere entließen die Tierschützer im vergangenen Frühsommer wieder in die Freiheit. Die Jungtiere wurden in der Obhut des Menschen großgezogen und überwinterten in der Fasanerie in Wiesbaden. Sie lernen nun, dank der Auswilderung im Main-Kinzig-Kreis, erstmals das Leben in der natürlichen Umgebung kennen: im Feld.

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