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Tierheime im Main-Taunus-Kreis : Kein Platz und kein Geld für Hunde und Katzen

Abgeschoben: „Anita” (links) und „Rao” haben in Hattersheim ein Zuhause gefunden. Nur durch eine Erbschaft hält das Tierheim den Betrieb noch aufrecht. Bild: Cornelia Sick

Nur mühsam können sich die Tierheime im Main-Taunus-Kreis über Wasser halten. Die Zuschüsse der Kommunen decken oft nur zehn Prozent der Kosten.

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          Was in großen Tierheimen schon längst geschieht, kann sich Eberhard Günther für Hattersheim nicht vorstellen: Weil in manchen Tierheimen kein Platz mehr sei, müssten gesunde Tiere dort eingeschläfert werden, berichtet der Vorsitzende des Hattersheimer Tierschutzvereins. Seit eineinhalb Jahren aber werde auch die Situation für alle Tierheime im Main-Taunus-Kreis immer prekärer.

          Heike Lattka

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Taunus-Kreis.

          Günthers Bilanz klingt ernüchternd: Die Mitgliederzahlen und Spenden gingen zurück, die Beiträge aus den Städten und Gemeinden deckten nicht einmal zehn Prozent des tatsächlichen Bedarfs, um ein Tierheim zu betreiben. Gleichzeitig würden mehr verwahrloste oder streunende Tiere in den Asylen abgegeben. Oft sei die Kapazität weit überschritten. Sogar im Büro müssten dann Körbe für Hunde und Katzen aufgestellt werden, weil sie ansonsten nirgendwo einen Platz fänden. „Sollen wir ein verlassenes oder geschundenes Tier etwa abweisen?“, fragt Günther.

          1250 Euro Unterstützung

          Ein Defizit von 15.000 Euro verbuchte Günther 2010, ein Minus von 25.000 Euro war es im Jahr davor. Ohne eine Erbschaft, die der Tierschutzverein vor einigen Jahren gemacht habe, könnte der Betrieb mit den sieben Hilfskräften in Teilzeitbeschäftigungen oder Ein-Euro-Jobs nicht aufrechterhalten werden. Was passiere, wenn die Rücklagen aufgebraucht seien, wisse er nicht. Mit 10 000 Euro förderten die Kommunen Hattersheim, Kriftel, Unterliederbach, Zeilsheim und Sindlingen das Tierheim – „ein Tropfen auf den heißen Stein“, sagt Günther.

          Katzen und Kleintiere betreut das Hofheimer Tierheim, das die Kreisstadt jährlich mit 1250 Euro im Jahr unterstützt. „Davon kann ich gerade mal zwei Tierarztrechnungen bezahlen“, klagt Lilo Beßmann, Vorsitzende von Tierschutz Hofheim am Taunus. Und die Anzahl der streunenden Katzen steige unaufhörlich. Nur weil ehrenamtliche Mitarbeiter die Tiere mit nach Hause nähmen, sei die Aufgabe noch zu schultern. Auch die Hofheimer Kleintierunterkunft zehrt von einer Erbschaft, ohne die „wir nicht weiterwüssten“, sagt Beßmann.

          Alle Kämmerer hätten Angst vor großen Kostenblöcken

          Die Lage werde immer brenzliger, klagt Karin Wiedenbach vom Kelkheimer Tierschutzverein. Im Tierheim Sulzbach ist die Situation nicht viel besser. Aber alle Anträge auf Erhöhung von Zuschüssen würden von den Städten „abgeschmettert“, berichtet die Vorsitzende des Tierschutzvereins Bad Soden/Sulzbach Agnes Haßler. Ausgaben von 130 000 Euro im Jahr stünden Zuschüsse in Höhe von 21 000 Euro aus den Kommunen des Ostkreises entgegen. Die Tierschützer müssten „alljährlich betteln gehen“. Es fänden immer wieder Spendenaktionen statt, sie schreibe Gerichte an mit der Bitte um die Zustellung von Geldbußen, und zudem richtete der Verein Feste aus, damit etwas Geld in die Kasse komme. So halte man sich zwar mühsam über Wasser, aber Geld für einen Ersatz der mehr als 50 Jahre alten Hundeboxen gebe es eben nicht – obwohl diese Investition dringend erforderlich wäre, weiß Haßler. Sie hofft darauf, dass der Erhalt „der Dienstleistung Tierheim“ schnellstmöglich durch den Gesetzgeber gesichert wird. Die Aufgabe sei nicht mehr länger ehrenamtlich leistbar.

          Ein Vorstoß beim Main-Taunus-Kreis, den Günther im Namen aller Tierheime im Kreisgebiet unternahm, ist im Februar auf einer Bürgermeisterdienstversammlung im Landratsamt erörtert worden. 50 Cent je Einwohner einer Gemeinde sieht Günther als gerechtfertigten kommunalen Beitrag zur Aufrechterhaltung eines Tierheims an. Gezahlt wird dieser Betrag bisher von keiner Stadt oder Gemeinde. Der Erste Kreisbeigeordnete Hans-Jürgen Hielscher (FDP) spricht von einem „schwierigen Unterfangen“. Die Systematik der kommunalen Zuschüsse an Tierheime sei zu unterschiedlich, um sie vergleichen zu können.

          Ihre besondere Affinität für Tiere und Tierschutz stehe außer Frage, sagt Schwalbachs Bürgermeisterin Christiane Augsburger (SPD), aber die Stadtverordnetenversammlung habe bisher eine Erhöhung von Zuschüssen verweigert. Es gelinge eher einmal, für Sonderprojekte Geld bereitzustellen.Vor einer erhöhten „Daueralimentierung“ schreckt ebenso Bad Sodens Bürgermeister Norbert Altenkamp (CDU) zurück. Alle Kämmerer hätten Angst vor großen Kostenblöcken, die dann im Falle akuter Haushaltsnöte nicht mehr gestrichen werden könnten, erläutert er. Bisher habe die Kurstadt aber immer auf Notsituationen der Tierheime reagiert. Zuletzt seien 10.000 Euro „außer der Reihe“ an das Sulzbacher Tierheim gegangen. Auch wenn Bad Sodens Verwaltungsspitze einen verpflichtenden Pro-Kopf-Beitrag an Tierheime nicht einführen will, bleibt der Appell aus den Tierheimen nicht gänzlich ungehört: Im Sodener Haushalt 2011 wurde der Zuschuss an das Tierheim Sulzbach von 2550 auf 5500 Euro mehr als verdoppelt.

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