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Hanau : Teufelsschlucht, Burgruine und ein Karussell

Der Arkaden-Bau in Wilhelmsbad, in dem das Puppenmuseum untergebracht ist Bild: F.A.Z. - Wohlfahrt

Park und Kurhaus Wilhelmsbad waren einst Treffpunkt der mondänen Gesellschaft. Wie sehr die Hanauer das einmalige Kleinod ins Herz geschlossen haben, zeigt ihr Engagement zur Sanierung des historischen Karussells.

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          Einst lustwandelte auf seinen Wegen der junge Johann Wolfgang Goethe mit seiner Mutter. Zu seinen Gästen zählten Freiherr von Knigge oder Thomas Jefferson, der später dritter Präsident der Vereinigten Staaten werden sollte. Das Hanauer Wilhelmsbad war ein Treffpunkt des Adels und der reichen Bürger, die in den Kur- und Badeanlagen nicht nur ihrer Gesundheit Gutes tun wollten, sondern vor allem auch Kurzweil in illustrer Runde suchten. Doch trotz der Vorherrschaft der hohen Gesellschaft war und ist das Staatsbad Wilhelmsbad ein Ort des Volkes.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Wie sehr die Hanauer Wilhelmsbad ins Herz geschlossen haben, hat sich in den vergangenen Jahren wieder gezeigt, als ihr Engagement und ihre Spendenfreude dafür gesorgt haben, dass sich das Land Hessen als Eigentümer des Parks dazu hat erweichen lassen, sein finanzielles Plazet zu der dringend notwendigen Sanierung des historischen Karussells zu geben. Wie schon rund 130 Jahre zuvor, als der Abriss des im Jahr 1780 von dem Ingenieur und Architekten Franz Ludwig Cancrin entworfenen Baus drohte, legten sich die Hanauer mächtig ins Zeug, um das Wahrzeichen Wilhelmsbads zu erhalten.

          Schutz vor Witterungsschäden

          Nun wird das Karussell in diesen Tagen mit einem großen Holzhaus ummantelt, das es bis zum Ende der Restaurierung vor weiteren Witterungsschäden schützen soll. Allein die Tatsache, noch einen letzten unverstellten Blick auf ihr Karussell werfen zu können, treibt die Bürger derzeit in Scharen in den Staatspark. Am ersten schönen Vorfrühlingswochenende dieses Jahres belagerten die Ausflügler die Wiesen mit ihren Picknickdecken und flanierten wie einst Kaiser Franz II. von Österreich oder König Friedrich Wilhelm III. von Preußen zwischen Kurhauspromenade, Schwanenweiher und Schneckenberg.

          Schon der Ursprung des Bades ist, zumindest der Legende nach, zwei Frauen aus dem Volke zu verdanken. Auf der Suche nach Kräutern stießen sie 1709 im Wald auf eine Quelle, deren Wasser bald eine heilsame Wirkung zugeschrieben wurde. Rund 70 Jahre später kam Erbprinz Wilhelm von Hessen-Kassel, der in Hanau residierte, auf die Idee, aus dieser Quelle ein Heilbad zu machen. In nur anderthalb Jahren ließ er die Kuranlagen hochziehen, und der Adel konnte Einzug halten.

          Volksfeste und Demonstrationen

          Das Geld dafür aber stammte vom kleinen Mann: Wilhelm hatte Soldaten an seinen Vetter, den englischen König, zum Einsatz im amerikanischen Unabhängigkeitskrieg „verliehen“ und dafür ein hübsches Sümmchen kassiert. Für einige Jahrzehnte nahm Wilhelmsbad einen furiosen Aufstieg. Wer immer Rang und Namen hatte, fand sich hier ein, und alsbald förderte ein Casino den Ruf des Bades. Doch ganz ließ sich das Volk nicht aussperren. In den Revolutions- und Reformationsjahren kamen in Wilhelmsbad Tausende Menschen zu Volksversammlungen zusammen. Volksfeste und Demonstrationen fanden statt, und der Revolutionär Robert Blum hielt eine flammende Rede vom Balkon des Kurhauses.

          Im Herbst 1850 verlegte dann die kurhessische Regierung wegen der Nähe zu Frankfurt ihren Sitz von Kassel nach Wilhelmsbad und bereitete dem Spuk damit ein Ende. Zu Ende ging es aber allmählich auch mit dem Badebetrieb. Um das Versiegen des heilenden Wassers im neunzehnten Jahrhundert rankten sich viele Gerüchte und Vermutungen. Noch in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts lernten die Hanauer Kinder im Heimatunterricht, dass Bad Vilbel Hanau das Wasser abgegraben habe. Aus den Träumen von Bad Hanau wurde nichts, aber die Anlage versank in einen Dornröschenschlaf und blieb von tiefgreifenden Veränderungen verschont. So bewahrte es seinen beinahe unberührten Charme bis heute.

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