https://www.faz.net/aktuell/rhein-main/region-und-hessen/terroranschlag-vom-19-februar-zweifel-an-hanau-video-18387816.html

Terroranschlag vom 19. Februar : Zweifel an Aussagekraft des Hanau-Videos

Erinnerung an die Toten von Hanau: Die Namen der Opfer des Terroranschlags vom 19. Februar 2020 auf einem Wandbild in einem Hanauer Kulturzentrum Bild: Michael Braunschädel

Könnten zwei Gäste der Arena-Bar noch leben, wenn der Notausgang der Bar nicht verschlossen gewesen wäre? Die Antwort des Recherchekollektivs Forensic Architecture löst im Hessischen Landtag Kritik aus.

          2 Min.

          Könnten die zwei Menschen, die der Attentäter von Hanau am 19. Februar 2020 in der Arena-Bar erschoss, noch leben, wenn deren Notausgang nicht verschlossen gewesen wäre? Ja, lautet die grundsätzliche Position des Recherchekollektivs Forensic Architecture. Doch dessen Vertreter, der Journalist Robert Trafford, löste damit am Freitag im Untersuchungsausschuss des Hessischen Landtags bei einer Reihe von Abgeordneten erhebliche Kritik aus.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Der FDP-Abgeordnete Jörg-Uwe Hahn sah sich sogar zu der Frage veranlasst, ob die Darstellung tatsächlich wissenschaftlich genannt werden dürfe. Dieser Anspruch ist mit der Ansiedlung der Agentur unter dem Dach der Universität London verbunden. Architekten, Künstler, Rechtsanwälte, Spezialisten für Videotechnik und andere Experten recherchieren nach Traffords Angaben weltweit, um Fehler von Behörden oder Geheimdiensten aufzuklären.

          Zweifel und Diskussionen

          In diesem Zusammenhang entstand ein Video über die Nacht von Hanau, das, wie berichtet, bereits im Frankfurter Kunstverein zu sehen war. Es soll belegen, dass fünf Gäste der Arena-Bar genug Zeit gehabt hätten, um dem Angriff des Täters durch den Notausgang zu entkommen. Trafford wertete mit seinen Kollegen zunächst die Aufnahmen der Überwachungskameras aus der Bar aus. Auf der Basis des Grundrisses wurden die tatsächlichen Laufwege der fünf Personen mitsamt den jeweiligen Geschwindigkeiten in eine hypothetische Videoanimation übertragen. Demnach blieben den Gästen, nachdem sie die ersten Schüsse des Täters vor der Bar gehört hatten, exakt neun Sekunden.

          Diese Zeit hätte für vier von ihnen ausgereicht, um in dem Moment, in dem der Attentäter die Bar betrat, schon vollständig außerhalb seines Sichtfelds zu sein. Der fünfte Gast wäre für ihn in einer Entfernung von acht Metern nur für Sekundenbruchteile zu sehen und kaum erreichbar gewesen. Dieses Szenario setzt allerdings einen geöffneten Notausgang voraus.

          Die unbewiesene These, dass dieser verschlossen gewesen sei, dient als Grundlage für den Vorwurf an die Behörden, an dem Tod von zwei Gästen der Arena mitschuldig zu sein. Robert Lambrou (AfD) und andere Abgeordnete wiesen in der Sitzung des Untersuchungsausschusses auf weitere Prämissen hin, die erfüllt sein müssten, wenn das Szenario gelten solle. So werde beispielsweise angenommen, dass die Gäste in der Bar alle sofort losliefen, als sie den Täter bemerkten. Tatsächlich aber zeigt ein Video aus den Akten, dass zwei Personen an der Theke „verharrten“, wie der Abgeordnete Michel Müller (CDU) es formulierte.

          Er stellte fest, dass die von Forensic Architecture präsentierte Simulation nur das Verhalten von fünf Gästen berücksichtige. Tatsächlich seien aber sieben anwesend gewesen. Über zwei von ihnen habe man nicht genug Datenmaterial gehabt, erklärte Trafford. Einer der beiden sei gehbehindert gewesen. Müllers Frage, wie weit der Notausgang von dem Standpunkt der fünf inkriminierten Gäste entfernt war, konnte Trafford nicht beantworten. Die Angaben stünden nicht in seiner schriftlichen Vorlage, sagte er. Sie seien aber verfügbar und würden nachgeliefert.

          Ein „hypothetisches Szenario“

          Vage blieb Trafford auch, als Müller herausarbeitete, dass mehrere Tische so sehr in den Raum hineinragten, dass sie dort Engstellen verursacht hätten. Sie hätten sich als Hindernis erweisen können, wenn mehrere Personen gleichzeitig nebeneinander zum Notausgang gestürmt wären, trug Müller vor. Zu den genauen Abständen zwischen Möbeln und Geräten in dem Raum gab es keine Angaben.

          Auf Nachfragen sagte Trafford, weder er noch andere Mitglieder seines Teams hätten sich an Ort und Stelle persönlich ein Bild von dem Raum machen können. Der Abgeordnete Frank Kaufmann (Die Grünen) fragte nach der quantitativen Wahrscheinlichkeit, mit der die Gäste den Anschlag bei einem geöffneten Notausgang und dem Wissen darüber überlebt hätten. Auch diese Frage ließ Trafford offen. Seine Präsentation wollte er nur als „hypothetisches Szenario“ gewertet wissen. Man könne nicht erwarten, dass es alle denkbaren Möglichkeiten enthalte.

          Ungeachtet dessen sprach Saadet Sönmez, die Obfrau der Linksfraktion, nach der vierstündigen Befragung von einer „wissenschaftlich fundierten Klärung“. Die SPD-Abgeordnete Heike Hofmann lobte die „klaren Antworten“ Traffords.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Da war er schon Reichskanzler: Adolf Hitler mit Reichspräsident Paul von Hindenburg

          Vor 90 Jahren : Als Hindenburg Hitler zum Reichskanzler ernannte

          Der Führer der Nationalsozialisten wurde im In- und Ausland lange sträflich unterschätzt. Widerstand regte sich erst, als es zu spät war. An den Folgen trägt nicht nur Deutschland bis heute schwer.

          Mumie aus dem Alten Reich : Der goldene Mann

          Aus der altägyptischen Nekropole von Saqqara gibt es neue Funde zu vermelden. Unter ihnen ist eine unberührte Mumie aus der Pyramidenzeit.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.