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Entwicklung der TU Darmstadt : Corona-App mit eingebautem Fake-News-Filter

  • -Aktualisiert am

Wer’s glaubt: Falschnachrichten sollen in der App der Darmstädter Forscher keine Chance haben. Bild: dpa

Forscher der Technischen Universität Darmstadt haben eine App zur Bekämpfung von Covid-19 entwickelt. Sie soll mehr können, als nur vor Ansteckungsgefahren zu warnen.

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          Es klingt nach der Lösung, die alle schon seit Wochen suchen. Und ein bisschen wie die Grimmsche Geschichte vom Hasen und dem Igel, der „Ich bin schon da“ ruft. Die Forscher des Profilbereichs Cybersicherheit der TU Darmstadt jedenfalls halten sich für Igel. Sie haben eine App für die Rückverfolgung von Corona-Infektionen entwickelt, die Nutzer bald auf ihr Smartphone herunterladen können. Cybersicherheit ist ein Schwerpunkt der Darmstädter Universität. Rund 300 Forscher, darunter 31 Professoren und viele internationale Partner, arbeiten seit 2008 in dem vom Bund und Land geförderten Zentrum für Daten- und IT-Sicherheit. „Darmstadt hat weltweit einen Namen“, sagt Ahmad-Reza Sadeghi, Sprecher des Profilbereichs.

          Schon vor der Pandemie haben Sadeghi und sein Team an sogenannten kontextbasierten Anwendungen geforscht. Dabei erkennt beispielsweise ein Smartphone, von wo der Nutzer seine Daten abruft. Daheim muss er kein Passwort eingeben, von unterwegs dagegen schon. Diese Technik nutzen die TU-Forscher auch für ihre Trace-Corona-App. Das Team arbeitet dabei mit internationalen Partnern zusammen – dem Intel Collaborative Lab, dem Wormser Unternehmen Kobil, das eine sichere Kommunikations-Plattform entwickelt hat, und der University of California in San Diego, wo die App im Mai erprobt wird. „In Kalifornien sind die Datenschutz-Gesetze ähnlich streng wie in Deutschland“, sagt Sadeghi.

          „Keine Konkurrenz zur offiziellen Tracing-App“

          Die App soll europaweit und in den Vereinigten Staaten zur Verfügung stehen. Eine Konkurrenz zu der offiziellen Tracing-App, deren Entwicklung die Bundesregierung vorantreibt, sei sie nicht, sondern eine „Alternative“, betont Sadeghi.

          In Darmstadt bündelt sich Fachwissen für solche Entwicklungen. „Wir haben unsere Hilfe angeboten“, sagt der Professor. Angenommen habe sie bisher keiner. Große Konzerne wie Google oder Apple einzubinden, davon rät der Computerwissenschaftler wegen deren ohnehin schon übergroßen Datenmacht ab. Privatheit und Datenschutz seien wichtig, damit die Menschen Vertrauen hätten und sich freiwillig eine solche App herunterladen, die im Hintergrund auf ihrem Smartphone mitläuft. „Wir sind eine neutrale Uni, keine Lobbyisten. Wir wollen forschen, nicht verkaufen“, so Sadeghi.

          Die von den TU-Wissenschaftlern mitentwickelte, unentgeltliche Anwendung arbeitet auf anonymer Basis. Sie gleicht Infizierte und ihre Kontakte ab und warnt diejenigen, die sich über eine bestimmte Zeit in einem bestimmten Abstand zu einem am Covid-19 Erkrankten aufgehalten haben. Die Kontakte von App-Nutzern werden anonym und dezentral über verschlüsselte Kontakt-Tokens erfasst, die laut Sadeghi sicher sind, nicht zurückverfolgt werden können und die Privatheit schützen. „Die Nutzer behalten die Kontrolle über ihre Daten.“ Wer die App herunterlade, müsse keine Informationen über sich preisgeben, wenn er nicht wolle. Sie sei zudem leicht bedienbar. „Man muss nur einen Button drücken und eine Tan eingeben, wenn man positiv getestet wurde.“

          Plattform für Fragen, Informationen und Service

          Gleichzeitig wollen die Darmstädter mit ihrer App eine sichere Kommunikationsplattform für Fragen, Informationen und Service rund um das neue Coronavirus bieten. „Wer infiziert ist oder Kontakt hatte zu einem Erkrankten, der hat Ängste und viele Fragen etwa zur Quarantäne“, sagt Sadeghi. Die Forscher haben sich im Lauf ihrer App-Entwicklung dazu mit Kollegen in China und Amerika, Spanien und Deutschland ausgetauscht. Sie nutzen auch Informationen wie beispielsweise groß angelegte Umfragen aus Spanien zur Dynamik der Pandemie und wie die Bevölkerung sie wahrnimmt. App-Nutzer sollen nach einer Kontaktwarnung nicht allein gelassen werden, wie Sadeghi hervorhebt. „Wir wollen Orientierungshilfe geben und die Möglichkeit, sich sicher und privat mit Experten wie Ärzten, Apotheken oder Krankenhäusern auszutauschen, Fragen zur Quarantäne stellen oder vielleicht anonym an Umfragen teilnehmen zu können.“

          Fake News und Verschwörungstheorien, wie sie massenhaft im Netz kursieren, wollen die Darmstädter außen vor halten. Die Trace-Corona-App soll Nutzer dagegen zu vertrauenswürdigen Informationsquellen führen. Grundlage ist ein sicherer Browser, der in die App integriert ist und Fake-News-Webseiten erkennen soll. Unterbunden haben die TU-Experten nach eigenen Angaben auch das Einstreuen von verfälschten Signalen über Bluetooth, die die Genauigkeit des Tracing-Systems stören könnten.

          Doch ist die App der Darmstädter Forscher auch kompatibel mit anderen Tracing-Programmen? Für Ahmad-Reza Sadeghi ein wichtiger Punkt: „Unser System ist interoperabel, das heißt, es erlaubt anderen Tracing-Apps, an die serverbasierte Plattform anzudocken.“ Der Professor ist zuversichtlich, dass die Trace-Corona-App noch im Mai aufs Handy geladen werden und so zur Eindämmung der Pandemie beitragen kann.

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