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Südhessen : Vom Aufstieg und Fall einer Provinz

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Abgefahren: die „Region Starkenburg” ist gescheitert Bild: F.A.Z. - Kretzer

Die als Zusammenschluss der südhessischen Kreise und Kommunen gegründete Region Starkenburg steht vor dem Aus: Es mangelt an gemeinsamen Zielen und Projekten.

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          Es muss nach einem üppigen Mittagessen geschehen sein. Vier Landräte und ein Oberbürgermeister lehnten sich zurück und blickten in die Zukunft. Alle fünf Gebiete könnten sich doch verbünden, dann repräsentierte man ein Gebiet mit mehr als einer Million Einwohnern, könnte dem Land als Einheit gegenübertreten und der Vereinnahmung durch das Rhein-Main-Gebiet trotzen.

          Jeder der fünf Politiker sollte ein Jahr lang in den Genuss kommen, dem gemeinsamen Ganzen vorzustehen, es nach außen zu vertreten. Eine Idee war geboren, man griff auf einen alten Namen zurück: Starkenburg. Was das Gebilde zusammenhalten sollte, wollte man erst später definieren. In der Folgezeit entstand die „Region Starkenburg“, man schuf einen Zweckverband, unterfütterte ihn später noch mit einem parlamentarischen Gremium.

          Vage Inhalte

          Allein der Zweck, der dem Unternehmen Sinn stiften sollte, war selten erkennbar. Der Zusammenhalt trug nicht, und bei den gemeinsamen Essen geht es inzwischen auch nicht mehr so genüsslich her. Denn jetzt steht der Zusammenschluss vor dem Ende. Die Kreise Bergstraße und Groß-Gerau haben den Austritt beschlossen, in diesem Monat ist zu klären, was die drei verbleibenden Mitglieder, die Kreise Darmstadt-Dieburg und Odenwald sowie die Stadt Darmstadt weiter unternehmen. Es ist gut möglich, dass sie als Zweckverband weiter zusammenarbeiten, es sind auch andere Lösungen denkbar.

          Hatten sich früher die Landräte und der Oberbürgermeister drei- oder viermal im Jahr getroffen und sich informell über gemeinsame Anliegen und Projekte verständigt und abgesprochen, wo man zusammenarbeiten könnte, wo sich Interessen überschnitten, so verselbständigte sich vor zehn Jahren die Idee: Die Landräte- und Oberbürgermeister werteten ihre Treffen - bald als Lob-Runde bezeichnet - auf. Seit 1998 gibt es die „Region Starkenburg“, seit 2001 den Zweckverband. Was die Lob-Runde bis dahin auf Zuruf erledigt hatte, ging nun auf ein Präsidium über, wurde institutionalisiert. Darmstadt wollte wenig mit dem nördlichen Rhein-Main-Gebiet zu tun haben, die Politiker sahen sich in einem regionalen Zusammenschluß mit jährlich wechselndem Vorsitz ernster und wichtiger genommen.

          Bei den Inhalten blieben die fünf Politiker vage. Das Präsidium stellte heraus, dass man freiwillig zusammenarbeite, über sogenannte weiche Grenzen hinweg. „Nachhaltigkeit“ war ein oft benutztes, aber kaum aussagekräftiges Schlagwort. Die Themen wie Hochwasserschutz, Wirtschaftsförderung, ICE-Schnellbahntrasse betrafen selten alle Beteiligten. Je nach Zielsetzung wollten sich innerhalb der Starkenburger Region die Akteure zusammentun und den Lebens-, Wirtschafts-, Natur- und Kulturraum weiterentwickeln.

          Fehlender Zusammenhalt

          Dann fanden die Starkenburg-Politiker aber einen Hebel, um die Region zu definieren. Die Region beteiligte sich an einem Wettbewerb des Bundesministeriums für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau. Starkenburg bekam das Prädikat „Region der Zukunft“ und sah sich damit wieder auf der politischen und wirtschaftlichen Landkarte in Hessen, Deutschland und Europa. Und die Prognos-Studie von 2000 ließ die Region Starkenburg als Hightech-Region hinter der Region München an zweiter Stelle in Deutschland rangieren. Tatsächlich stellt das südhessische Gebiet zwischen Bischofsheim und Hirschhorn, zwischen Babenhausen und Viernheim mit seinen 75 Kommunen, 2577 Quadratkilometern und 1,03 Millionen Einwohnern als Standort von Wirtschaft und Wissenschaft, Tourismus und Verkehr eine Größe dar.

          Ein neuer Name ist „Starkenburg“ nicht. Es gab von 1803 bis 1937 die Provinz Starkenburg, benannt nach der Burg bei Heppenheim. Aus jener Zeit stammen auch noch die Einteilungen der Handwerkskammer, der IHK, des Gewerkschaftsbundes oder des Fußballverbandes. Im Bewußtsein der Menschen allerdings zählte der Name nicht und sagt auch niemandem etwas. Gleichwohl verwendete das Starkenburg-Präsidium nun viel Geld und Ehrgeiz darauf, den Begriff zu etablieren, steckte Energie in Werbeaktionen und Papier, schuf einen „Starkenburger“ zum Verzehr und einen Slogan „Wir sind Starkenburg“ zur Erinnerung. Es half wenig. 50.000 Euro steuert jede Gebietskörperschaft im Jahr bei, Geld kam auch vom Land.

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