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Studierendenwerk Darmstadt : Salzkartoffeln und Solidarität

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So sah das Arbeitszimmer des Studentenheims 1926 aus. Bild: Studentenwerk Darmstadt

Vor 100 Jahren wurde der Vorläufer des Studierendenwerks Darmstadt gegründet. Schon damals ging es darum, durch soziale Hilfen für Chancengleichheit zu sorgen. Heute sind die Unterstützungsangebote viel größer.

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          Der 26. April 1921 war ein besonderer Tag. Erstmals gab es für Studenten in Darmstadt einen Service, der heute selbstverständlich und oftmals Gegenstand vieler Nörgeleien ist: Vor genau 100 Jahren wurde im Studentenheim in der Alexanderstraße der erste Mittagstisch angeboten. Für wenige Pfennige gab es Suppe, Salzkartoffeln, Kohl und Rinderbraten. Später standen auch Königsberger Klopse, Erbsen, Möhren oder Sauerkraut auf der Speisekarte.

          In der Nachkriegszeit war „Sättigung“ eines der Hauptanliegen des Vereins „Studentische Wirtschaftshilfe Darmstadt“, aus dem das heutige Studierendenwerk entstand. Die Einrichtung einer Studentenküche zählte früh zu den Forderungen der Initiatoren, auch weil die „Volksküche“ in der Stadt den Bedarf nicht decken konnte.

          Die Anfänge, sagt Detlef Gollasch, Sprecher des Studierendenwerks, „erzählen vor allem eine Geschichte des Mangels“. Mit Hilfe des Geschichtsstudenten Nils van der Pütten sowie des TU- und Stadtarchivs hat er die Historie der Darmstädter Organisation recherchiert, nach alten Fotos und Unterlagen gestöbert. Es sei eine Vorrecherche gewesen, betont er.

          Unterstützung nach Solidaritätsprinzip

          Die vertiefte Aufarbeitung – auch der Rolle während der NS-Zeit – hat das Darmstädter Büro für Erinnerungskultur übernommen. Das Ergebnis soll in einer Festschrift und Ausstellung zum geplanten Festakt am 3. September präsentiert werden. Ob das Jubiläum digital oder in Präsenz gefeiert wird, hängt vom Verlauf der Pandemie ab.

          Eine übergreifende Erkenntnis hat Gollasch der Blick ins Archiv gebracht: „Der Leitgedanke war vom ersten Moment an die Unterstützung nach dem Solidaritätsprinzip.“ Schon vor 100 Jahren ging es um Chancengleichheit und den Ausbau einer sozialen Infrastruktur für Studenten.

          Wenige Monate nach Kriegsende entstand im März 1919 die erste studentische Vertretung an der Technischen Hochschule, wie die TU damals hieß. Gemeinsam wollte man Not und Inflation bewältigen. Im Sommer 1921 gründete sich daraus der Verein „Studentische Wirtschaftshilfe Darmstadt“, an dem Studenten und auch Dozenten des Maschinenbaus und der Architektur ihren Anteil hatten. Geschäftsführer des Vereins wurde 1921 der Maschinenbaustudent Alfred Ulrich.

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          Ende April 1921 wurde mit Hilfe von Spenden und Kontakten zur örtlichen Wirtschaft in einer ehemaligen Kaserne an der Alexanderstraße das erste Studentenheim eröffnet. Gewohnt wurde dort nicht, wie Gollasch erläutert. Das erste „Studentenhaus“ mit 64 Betten entstand erst 1923 an der Heinrichstraße; die Preise für ein Zimmer dort lagen je nach Größe und Bettenzahl zwischen neun und 17 Mark je Monat.

          Das Studentenheim dagegen war Mensa und Treffpunkt. Es gab beheizte Arbeitszimmer, Leseräume, ein Musikzimmer und einen Erfrischungsraum, wo die Studenten rauchen, Limonade oder Alkohol trinken durften, wo sie Schach spielen oder Radio hören konnten. Zugleich war das Haus Verwaltungssitz der Studentischen Wirtschaftshilfe. Der Verein finanzierte sich über Zuschüsse und Spenden.

          Alle Studenten waren Mitglieder, 1925 waren das rund 2324 Personen. Sie mussten einen Semesterbeitrag von fünf Mark zahlen. Davon finanziert wurden Fürsorgeleistungen wie vergünstigte Essensmarken oder Freitische für bedürftige Studenten, aber auch Kur- und Sanatoriumsaufenthalte für lungenkranke Kommilitonen. Schon damals gab es eine Stellenvermittlung, die dabei half, mit Arbeit nebenher das Studium zu finanzieren.

          In eigenen Vereinswerkstätten, in der Druckerei oder der Schreibmaschinenwerkstatt, konnten sich die Hochschüler praktisch betätigen. Das Materialamt verteilte Papier, Stifte, Zucker, Wurst oder Schuhe, Kohlen und Zeitschriften. Eine Darlehenskasse gewährte finanzielle Unterstützung.

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          Für den Sprecher des Studierendenwerks klingt das alles sehr vertraut. Es sind die Anfänge des heute sehr viel größeren Unterstützungs- und Förderangebotes der Institution. Natürlich zugeschnitten auf die damaligen Bedürfnisse. Beispielsweise gab es anno 1925 eine Bügel- und Flickstube für die Kleidung. „Die Studenten waren überwiegend Männer. Der Frauenanteil lag gerade mal bei zwei Prozent“, so Gollasch.

          Auch heute noch studieren an der TU verhältnismäßig wenige Frauen. Der Sprecher des Studierendenwerks sieht noch andere Parallelen zur Vergangenheit. So war die Wohnungssituation auch vor hundert Jahren schon schwierig. „Es gibt einen Auszug aus der damaligen Tageszeitung, in der private Zimmervermieter aufgerufen wurden, sich bei den Mietforderungen im Zaum zu halten.“

          Eins der ersten seiner Art

          Das Darmstädter Studentenwerk gehörte zu den ersten seiner Art in Hessen und Deutschland. „Die studentische Bewegung hat sich hier früh formiert“, sagt Gollasch. Schon 1925 beschäftigte der Verein außer ehrenamtlichen studentischen Kräften 47 bezahlte Angestellte in der Küche, der Metzgerei, den Werkstätten und Einrichtungen.

          Heute ist das Studierendenwerk in der Stadt eine Wirtschaftsgröße mit 285 Beschäftigten, die zuständig sind für 42 .500 Studenten der TU und der Hochschule Darmstadt, die im Jahr 5500 Bafög-Anträge bearbeiten, 2600 Wohnheimplätze anbieten und jährlich rund 4500 Beratungen leisten.

          Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Die Grünen) lobt denn auch die Studierendenwerke als „unerlässlich für die soziale Infrastruktur für Studierende“. Sprecher Gollasch sagt: „Wir haben uns immer am Bedarf der Studierenden orientiert.“ Und um Verbesserung bemüht. So gab es schon vor hundert Jahren zum heißersehnten Mittagstisch einen Fragebogen, auf dem die Studenten angeben konnten, ob es ihnen geschmeckt hatte.

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