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Studieren mit Kind : „Ich wollte schon immer jung Mutter werden“

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Hat genug Zeit für ihre Tochter Amy: Yvonne Blüm Bild: F.A.Z. - Michael Kretzer

Studieren mit Kind - das ist eine besondere Herausforderung. Doch die Hochschulen helfen den Eltern auf vielerlei Art. Und sogar das Lernen fällt ihnen manchmal leichter: Der Nachwuchs bringt Struktur in den Tag.

          Seit fünf Wochen ist alles anders. Auf einmal teilt sich Dorothee Ader nicht mehr selbst ihren Tag ein, sondern Ronja übernimmt das für sie – oder vielmehr Ronjas Durst. Nicht Fristen für Exposés oder der Termin des Doktorandenstammtischs, sondern die Stillzeiten ihrer Tochter regeln gerade den Alltag der 27 Jahre alten Frau. „Eigentlich könnte man fast sagen, dass mein Kind alles organisiert, ich reagiere nur.“

          Ader ist seit einem guten Monat Mutter – und schreibt an der Mainzer Universität ihre Dissertation über spätmittelalterliches Drucken. Diese Woche kümmert sich ihr Mann, der als angehender Lehrer Sommerferien hat, um die gemeinsame Tochter. „Ich muss am Samstag einen Vortrag auf einem Kolloquium halten, und alles ist ein bisschen stressig“, sagt die Doktorandin, die trotzdem entspannt wirkt. Abgesehen von dem Referat liege die Promotion erst mal bis Dezember brach, dann wolle Ronjas Oma die Kleine vormittags betreuen.

          4,10 Euro je Stunde für eine Tagesmutter

          Eine Schwiegermutter wie die von Ader, die sich bereit erklärt, täglich ihre Enkelin zu füttern, zu wickeln und zu bespaßen, haben nicht alle Studierenden mit Kind. Doch die meisten Hochschulen bieten Hilfe an: In Frankfurt gibt es auf dem Campus Westend und dem Campus Bockenheim Kindertagesstätten. Zum Wintersemester 2008/2009 soll zudem an der Fachhochschule Frankfurt ein „forschungsorientiertes Kinderhaus“ eröffnen. Allerdings müssen laut FH-Sprecherin Gaby von Rauner die Eltern einwilligen, dass der Nachwuchs für die pädagogische Forschung beobachtet wird.

          In Mainz, wo Ader wohnt, kümmert sich das Frauenbüro der Universität um Studenten mit Kind, unterstützt sie etwa bei der Suche nach einer Betreuung. Die Fachhochschule der Landeshauptstadt darf sich seit kurzem sogar „familienfreundliche Hochschule“ nennen. Sie bietet zum Beispiel ein Tagesmütternetzwerk: Aus einer Kartei können sich Mitarbeiter und Studenten die passende aussuchen.

          Diesen Service nutzt Yvonne Blüm. Während die Bauingenieurin in spe an der FH Konstruktion, Informatik oder Vermessungskunde büffelt, spielt ihre dreieinhalb Jahre alte Tochter mit der Tagesmutter. „In den Semesterferien genießen wir gemeinsam die freie Zeit, ich kümmere mich um meine Kleine. Wenn ich aber für Klausuren lerne, bringe ich Amy oft zu ihrer Tagesmutter“, sagt die zierliche Frau. Diese Flexibilität hat ihren Preis: 4,10 Euro je Stunde kostet die Betreuung. Bei geringem Einkommen übernimmt die Fachhochschule einen Teil der Gebühren. Nicht bei den Blüms, dazu verdient Yvonnes Mann zu viel. Die Studentin hat sich nach eigenen Worten ein monatliches Limit von 500 Euro gesetzt; mehr dürfe Amys Betreuung nicht kosten: „Ich musste mir schon Veranstaltungen aus dem Stundenplan streichen, weil es sonst zu teuer gekommen wäre.“

          Caritas weiß Rat

          Die Finanzierung ist die größte Schwierigkeit für studierende Eltern. Dorothee Ader etwa hatte von einem Stipendium für ihre Doktorarbeit gelebt. Jetzt, wo sie mit ihrer Forschung bis zum Winter pausiert, ist diese Geldquelle versiegt. Als Promotionsstudentin könne sie kein Arbeitslosengeld beantragen. Die Schwangerschaftsberatungsstelle der Caritas hat Rat gewusst und für sie einen Zuschuss bei der „Bundesstiftung Mutter und Kind“ beantragt. Der hilft ihr jetzt bis Dezember über die Runden.

          Über finanzielle Unterstützung wie das Wohngeld informiert an der Fachhochschule Wiesbaden der Sozialdienst katholischer Frauen. Jeden Dienstag von 14 bis 16 Uhr berät Judith Bleser Schwangere und Eltern – gleich welcher Konfession. Die Pädagogin klärt auch rechtliche Unklarheiten, erläutert zum Beispiel das Mutterschutzgesetz und leistet bei persönlichen Problemen Beistand.

          Ader fand die Zeit gleich nach der Geburt „nicht ganz leicht“; sie und ihre Tochter hätten sich erst aneinander gewöhnen müssen: „Zum Glück war eine Freundin für mich da, hat eingekauft und Essen gekocht. So konnte ich mich in aller Ruhe um die Kleine kümmern und sie überhaupt kennenlernen.“

          „Ich möchte noch mehr Kinder haben“

          Mutterschaft ist nicht immer ein Quell reiner Freude: Yvonne Blüm wurde ungewollt schwanger. Zuerst war der Schreck groß, doch jetzt möchte sie ihre Tochter nicht mehr missen. Selbst das Studium profitiere von ihrer Mutterrolle – Amy zwinge sie, nicht alles auf den letzten Drücker zu erledigen. Das Lernen müsse sie sich zum Beispiel gut einteilen: Ihre freie Zeit sei begrenzt, aber sie arbeite auch konzentriert, wenn sie es sich vorgenommen habe.

          Dadurch präge sich der Stoff besser ein. Könnte sie die Zeit zurückdrehen, Blüm würde sich nun bewusst entscheiden, schon so früh ein Kind zu bekommen: „Wann werde ich schon noch mal so viel Zeit in meinem Leben haben wie jetzt an der FH? Später im Job bestimmt nicht.“ So sieht es auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg: Wer schon im Studium ein Kind bekomme, bringe später Familie und Karriere leichter unter einen Hut.

          „Ich wollte schon immer jung Mutter werden, und ich möchte auf alle Fälle noch mehr Kinder haben“, sagt Ader. Ein Geschwisterchen wird Ronja aber wohl nicht bekommen, während ihre Mutter an der Doktorarbeit sitzt – erst danach.

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