https://www.faz.net/-gzg-a52v4

Studieren im Ausland : Party in Budapest, Sportverbot in Bogotá

  • -Aktualisiert am

Da durfte sie mal raus: Sarah Sero im Mai in Bogotá Bild: privat

Im Ausland lernen Studenten höchst unterschiedliche Arten kennen, mit der Corona-Pandemie umzugehen. Viele erfahren nun, dass eine Isolation in einem fremden Land sehr hart sein kann.

          3 Min.

          So hatte sich Zoe Bauer ihren Aufenthalt im irischen Maynooth nicht vorgestellt. Sie studiert an der Universität Frankfurt Politikwissenschaft und war bereit für ihren „Traum Irland“. Doch statt durch das Land zu reisen, darf sie sich bis Ende November nur noch in einem Umkreis von fünf Kilometern um ihr Quartier bewegen. Restaurants und Cafés bieten nur noch Abholung an, Geschäfte bleiben geschlossen – in Irland ist der zweite Lockdown seit rund zwei Wochen Realität.

          Bauer hofft darauf, dass die Restriktionen im Dezember wieder gelockert werden, damit sie noch ein wenig vom Land sehen kann. Denn nach der Einreise, als es weniger Einschränkungen gab, musste die Studentin für zwei Wochen in Quarantäne. Die Uni in Maynooth hat sie noch nicht von innen gesehen. Bauer glaubt nicht, dass sie noch in Irland wäre, wenn sie nicht ihre Mitbewohnerin hätte, ebenfalls eine deutsche Auslandsstudentin: „In einem fremden Land fühlt man sich noch fremder, wenn man isoliert ist.“

          Ähnlich ergeht es Johanna Blassen in Dijon. Bis vor kurzem galt dort lediglich eine Ausgangssperre zwischen 21 und 6 Uhr. Das hat die Studentin der Universität Mainz nach eigenen Worten nicht so betroffen, denn Freunde habe sie tagsüber weiterhin sehen können: „Immerhin bekommt man so einen normalen Schlafrhythmus.“ An der Universität habe es sogar einige Veranstaltungen in Präsenz gegeben.

          Kein Grund zur Vereinsamung

          Seit vergangenem Donnerstag gelten aber auch in Frankreich verschärfte Regeln: Bis auf Schulen und Supermärkte hat alles geschlossen. Blassen absolviert derzeit ein Praktikum und lebt in einem Haus mit ihren Vermietern, die sie schon von einem vorherigen Auslandsaufenthalt kennt: „Die sind für mich fast wie Familie.“ Dadurch hänge sie nicht zu Hause herum, müsse also nicht vereinsamen. Einige ihrer Kommilitonen seien aber ausgereist, sagt sie. Das könne sie verstehen.

          Wie hart ein Lockdown sein kann, weiß auch Sarah Sero, die Musik und Spanisch an der Uni Mainz studiert. Vor kurzem ist sie aus ihrem Auslandsjahr in Bogotá, Kolumbien, zurückgekehrt. Von März bis Anfang September galten dort starke Restriktionen, die immer wieder um zwei Wochen verlängert wurden. Raus durfte man nur an bestimmten Tagen, alles war geschlossen. Regelmäßig gab es zwei Wochen lang zusätzliche Einschränkungen: Dann waren sogar Sport und Spaziergänge verboten. Sero war sehr froh, als im September die Lockerungen in Kraft traten. Nach Hause habe sie aber in der ganzen Zeit nicht gewollt. Dadurch, dass sie schon ein halbes Jahr im Land gewesen sei, habe sie enge Freundschaften geschlossen. Außerdem habe sie guten Online-Unterricht gehabt. Sie wisse dies sehr zu schätzen – das sei nicht an allen Unis so gewesen.

          Weniger streng geht es in Ungarn und Finnland zu. Johanna Reiß aus Mainz hat in Budapest kaum mit Einschränkungen zu tun. Nur eine Maskenpflicht herrsche in Supermärkten und öffentlichen Verkehrsmitteln – sogar Clubs und Bars seien geöffnet. Erst seit Mitte September gilt für diese von 23 Uhr an eine Sperrstunde. Reiß bleibt trotzdem vorsichtig und tut nicht alles, was sie dürfte, wie sie sagt. An den regelmäßigen Erasmus-Partys nehme sie beispielsweise nicht teil. Ihr sei es unangenehm, sich mit mehr als 100 Menschen in einem geschlossenen Raum aufzuhalten. Zu anderen Veranstaltungen sei sie aber gegangen: darunter die Welcome-Party im Freien und das Freundschafts-Speeddating. Viele Freunde habe sie zu dieser Zeit kennengelernt.

          „Eh nur rumgesessen“

          Ähnliches berichtet Adrian Laibold, Student an der Frankfurt University of Applied Sciences. Er sei sehr überrascht gewesen, wie gleichgültig den Finnen die Corona-Krise sei. In Helsinki seien die Clubs ohne Einschränkungen geöffnet gewesen, eine Maskenpflicht gebe es nicht. Seit einiger Zeit sei um 1 Uhr Sperrstunde. An einigen Universitäten finde die Lehre wieder vollständig in Präsenz statt. Eingeschränkt fühle er sich gar nicht, sagt Laibold.

          F+ FAZ.NET komplett

          Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

          Jetzt F+ kostenlos sichern

          Johanna Reiß geht es ähnlich: „Zu Hause hätte ich wahrscheinlich eh nur rumgesessen.“ In Budapest fühle sie sich sicher. Eine Studentin der Goethe-Universität, die ihren Namen nicht nennen möchte, hat ihre drei Wochen in Ungarns Hauptstadt hingegen anders in Erinnerung. Ihre Vorfreude auf das Auslandssemester war groß, mit der Situation in Budapest kam sie dann allerdings nicht zurecht: „Das war gegen mein Gewissen. Niemand hat sich für Corona interessiert, teilweise wurde die Quarantäne einfach ignoriert.“

          An die zahlreichen Partys erinnert sie sich auch, sie selbst sei nie hingegangen. Eine ihrer Freundinnen habe sich dort infiziert. Einer der Hauptgründe, wieder abzureisen, war außerdem die Tatsache, dass niemand sie in Budapest hätte besuchen können, da die Grenzen geschlossen waren. Schon auf der Hinreise habe sie sich nicht so viele Hoffnungen gemacht und daran gedacht, zurückzufahren.

          Ganz anders ist die Situation in Südkorea. Jonas Mönicke von der Goethe-Uni ist für ein halbes Jahr in Seoul. Die Fallzahlen sind sehr niedrig, Restriktionen gibt es keine. Maske zu tragen sei für die Koreaner ohnehin normal, sagt Mönicke. Dass das Semester trotzdem nur online stattfinde, sei schade, er hätte auf ein wenig Normalität in der Uni gehofft. So sei es schwerer, Leute kennenzulernen. Das gelinge hauptsächlich im Wohnheim und über Freunde.

          Nun macht sich Mönicke Gedanken, wie es sein wird, nach Deutschland zurückzukehren – er müsste sich in diesem Fall wieder daran gewöhnen, dass es in der Heimat weniger Freiheiten gebe. Eigentlich würde er dann lieber in Südkorea bleiben.

          Weitere Themen

          Wird der Lockdown verlängert? Video-Seite öffnen

          Entscheidung am Dienstag : Wird der Lockdown verlängert?

          Vor dem nächsten Bund-Länder-Treffen zur Corona-Pandemie am Dienstag zeichnet sich ab, dass der Lockdown verlängert wird. Die Infektionslage lässt nach Ansicht vieler Experten und Spitzenpolitiker keine andere Entscheidung zu. Umstritten ist vor allem, wie es mit den Schulen weitergeht.

          Topmeldungen

          NRW-Ministerpräsident Armin Laschet

          CDU-Parteitag : „Die CDU muss wieder zur Ideenschmiede werden“

          Es ist der Tag der Entscheidung: Wer setzt sich im Rennen um den CDU-Vorsitz durch? Auf dem Parteitag macht NRW-Ministerpräsident Armin Laschet den Auftakt, wirbt um Vertrauen – und teilt eine Spitze gegen Friedrich Merz aus.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.