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Stromversorgung : Spätere Übernahme nicht ausgeschlossen

Wehrheim hat sich als bislang einzige Gemeinde der Gegend von der Süwag gelöst Bild: F.A.Z. - Cornelia Sick

Die Gemeinde Wehrheim wechselt geschlossen den Strombetreiber - von der Süwag zur ÜWG. Außerdem ist die Gründung einer eigenen Netzgesellschaft geplant, um damit das Stromnetz in die eigenen Hände zu bekommen.

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          Gregor Sommer (CDU) ist nicht ganz frei von Koketterie. „Da legt sich der kleine Landbürgermeister mit RWE an“, sinniert er über den Beschluss, mit dem die nicht einmal 9400 Einwohner zählende Taunusgemeinde eine Vorreiterrolle übernimmt. Sie will zum 1. Oktober einen Stromkonzessionsvertrag mit der Überlandwerk Groß-Gerau GmbH (ÜWG) schließen und wechselt damit den Vertragspartner.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Denn bisher ist die zu RWE gehörende Süwag für das Wehrheimer Stromnetz zuständig – wie in allen anderen Kommunen des Hochtaunuskreises. Nachdem der Konzessionsvertrag, der die Nutzung der öffentlichen Verkehrswege für die Verlegung und den Betrieb von Strom- und Gasleitungen regelt, früher für 20 Jahre abgeschlossen wurde, hat die ÜWG jetzt eine Laufzeit von zehn Jahren akzeptiert. Zugleich soll die hundertprozentige Tochter der Stadtwerke Mainz AG vom 1. Januar an für fünf Jahre die Straßenbeleuchtung übernehmen.

          Liberalisierung des Strommarktes

          Gegenstand der Vereinbarung, die einstimmig vom Haupt- und Finanzausschuss beschlossen und für die auch eine breite Zustimmung in der Gemeindevertretung erwartet wird, ist zudem ein Konsortialvertrag. Er erlaubt es der Gemeinde, mit anderen Partnern die Gründung einer eigenen Netzgesellschaft zu prüfen – und damit das Stromnetz in die eigenen Hände zu bekommen. Natürlich sei Wehrheim zu klein, um sich alleine um die Leitungen zu kümmern, sagte Sommer. Doch mit den Nachbarkommunen könnte er sich gut eine Zusammenarbeit vorstellen. Usingen prüft zum Beispiel nach Worten von Bürgermeister Matthias Drexelius (CDU), ob sich der Kauf des eigenen Stromnetzes lohne. Er könnte sich aber auch vorstellen, einen Betreibervertrag mit der Süwag zu schließen. Das Thema sei noch nicht politisch diskutiert worden und der Ausgang völlig offen, schränkte Drexelius ein.

          Mit der Liberalisierung des Strommarktes haben die Energieunternehmen den Betrieb der Netze vom Vertrieb des Stroms trennen müssen. Damit soll gewährleistet sein, dass andere Anbieter die Kunden über ein fremdes Netz beliefern können, dessen Eigentümer dafür wiederum ein festgeschriebenes Durchleitungsentgelt bekommt. Mit dem Konzessionsvertrag übernimmt die ÜWG das allgemeine Stromversorgungsnetz in Wehrheim. Betrieben wird es allerdings von der Energienetze Rhein-Main GmbH (EnRM), dem Netzbetreiber für das Gebiet der ÜWG und der Stadtwerke Mainz. Nach dem Ablauf des Wehrheimer Konzessionsvertrags im vergangenen Jahr hatten sich die Süwag, die Energieversorgung Offenbach und die ÜWG/Stadtwerke Mainz um die Nachfolge beworben.

          Als Grund für den Wechsel des Konzessionspartners nannte Bürgermeister Sommer die größere Flexibilität. Mit dem Konsortialvertrag seien die Stadtwerke Mainz der Gemeinde am meisten entgegengekommen. Die Süwag habe sich in dieser Hinsicht wenig beweglich gezeigt und auch die Vermarktung eigener Energieerzeugung durch die Gemeinde, die in der neuen Wehrheimer Mitte ein Blockheizkraftwerk bauen wolle, abgelehnt. Man habe sich bei den gesamten Verhandlungen von einem Wirtschaftsberatungsbüro begleiten lassen.

          Zehn Euro Mehrkosten im Jahr

          Wehrheim ist nicht die erste Kommune, die sich für ihr Netz interessiert. So will Rüsselsheim mit seinen Stadtwerken die Leitungen selbst erwerben – übrigens von der ÜWG. Bad Vilbel hat schon vor acht Jahren das Stromnetz gekauft und bemüht sich jetzt noch um die zweier Stadtteile. Wehrheim ist allerdings die erste Kommune im Versorgungsgebiet der Süwag, die sich aus politischen Erwägungen dafür entschieden hat, ihr Netz herauszulösen. Das Unternehmen warnte daraufhin, die Nutzungsentgelte des neuen Netzbetreibers lägen um sechs Prozent höher als die der Süwag, was sich auf die Strompreise für die Wehrheimer auswirken könne. Denn alle Stromanbieter müssten diese höheren Entgelte einkalkulieren.

          Tatsächlich verlangt EnRM 0,29 Cent je Kilowattstunde mehr als die Süwag. Die Stadtwerke Mainz kommen in einer Beispielrechnung für einen Musterhaushalt mit 3500 Kilowattstunden auf zehn Euro oder ein Prozent Mehrkosten im Jahr. Sollte die Süwag deswegen den Preis erhöhen, werde man gerne einen günstigen Anbieter vermitteln, hieß es aus Mainz.

          Andreas Breuer vom jetzigen Netzeigentümer Süwag Energie mochte Kostenvorteile, wie sie das in Hessen, Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Bayern tätige Unternehmen verwirklichen könne, bei einer kleinen Insellösung wie in Wehrheim nicht erkennen. Bei einer kürzeren Vertragslaufzeit sei auch fraglich, wie viel ein anderer Betreiber in die Netze investiere. Bürgermeister Sommer hingegen sprach von „Drohgebärden“ der Süwag, die so tue, als sei auf dem Strommarkt in den vergangenen Jahren nichts passiert.

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