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Tram in Darmstadt : Lichtwiesenbahn bleibt Streitfall

Kostspielige Funde: Nirgendwo verzeichnete Leitungen im Untergrund der neuen Darmstädter Lichtwiesenbahn Bild: heag mobilo

Die Straßenbahn zum TU-Campus Lichtwiese in Darmstadt soll Ostern 2022 in Betrieb gehen. Die SPD nimmt die Kostensteigerung zum Anlass, der Koalition aus Grünen, CDU und Volt in Sachen Kostenmanagement Totalversagen vorzuhalten.

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          Zum Ende dieses Jahres soll die Trasse für die Lichtwiesenbahn in Darmstadt fertiggestellt sein. Die gut einen Kilometer messende Verlängerung der Straßenbahnlinie 2 führt über den Campus der Technischen Universität und soll es Studenten und Mitarbeitern ermöglichen, vom Darmstädter Hauptbahnhof direkt dorthin zu gelangen. Am Ende liegen die Kosten bei Bauprojekten dieser Größenordnung nicht selten höher als zunächst berechnet. Das ist auch hier der Fall. Zwischen 6,78 und 7,93 Millionen Euro Mehrkosten werden es sein, wie Michael Dirmeier, Geschäftsführer der städtischen Mobilitätstochter Heag mobilo, sagt. Genau stehe das erst fest, wenn alle Schlussrechnungen Ende des Jahres vorlägen. Die Gesamtkosten für das Projekt erhöhen sich demnach auf bis zu 28,13 Millionen Euro.

          Jochen Remmert
          Flughafenredakteur und Korrespondent Rhein-Main-Süd.

          Die Darmstädter SPD fordert angesichts dieser Zahlen, ein professionelles Kostenmanagement zu implementieren. Denn die Lichtwiesenbahn sei nur ein Beispiel dafür, wie in Darmstadt Großprojekte immer wieder „schöngerechnet“ würden, um Fördergeld zu erhalten, anschließend aber viel teurer würden. Tim Huß, Fraktionsvorsitzender der SPD in der Stadtverordnetenversammlung, spricht von einem „unverantwortlichen Umgang mit Steuergeldern“. In Darmstadt habe sich unter grün-schwarzer Verantwortung eine regelrechte Strategie des Schönrechnens etabliert. Stets sei aber ein böses Erwachen erfolgt.

          Deutlich teurer als geplant

          Bei der Lichtwiese stünden am Ende Kosten von bis zu 28 Millionen Euro ursprünglich einmal 8,3 Millionen Euro Kosten gegenüber, beim Nordbad seien die Kosten von 17 auf 47 Millionen gestiegen, das Berufsschulzentrum sei 57 Millionen Euro teurer geworden als geplant und das Stadion 19 Millionen Euro, moniert Huß. Im Einzelfall könnten sich unvorhergesehene Kostensteigerungen ergeben und große Projekte verteuern. In Darmstadt sei das aber derart regelhaft der Fall, dass man entweder von einer Strategie oder von einem Mangel an Kompetenz ausgehen müsse.

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          Darmstadt brauche ein „völlig neues Kostenmanagement“, das mit einer „seriösen, ehrlichen Kostenplanung“ beginne. Die SPD hält es für unglaubwürdig, wenn die Stadt immer wieder von unvorhersehbaren Dingen spreche, die zu höheren Kosten führten. Am Ende seien dafür schlechte Planungen und eine ungenügende Kontrolle im Projektverlauf verantwortlich, rügt Huß weiter. Deshalb müsse der Magistrat – wie nun – die Stadtverordneten um zusätzliches Geld bitten.

          Kriegsspuren mussten beseitigt werden

          Was die Lichtwiesenbahn betrifft, hatte Heag-mobilo-Chef Dirmeier zuvor allerdings erläutert, dass die Lichtwiese kein unberührtes Gelände sei, sondern vom Krieg gezeichnet, was zu erheblichen Zusatzarbeiten geführt habe. So seien etwa nach dem Zweiten Weltkrieg Bombenkrater mit Schutt oder Schlacke aufgefüllt worden. Um darauf Fahrleitungsmaste setzen zu können, habe man den Grund nachverdichten müssen. Über die grundsätzliche Beschaffenheit des Baugrundes habe man natürlich Bescheid gewusst, aber das konkrete Ausmaß der nötigen Arbeiten sei nicht abzusehen gewesen.

          Unter der Lichtwiese liegende Versorgerleitungen, die nirgendwo verzeichnet gewesen seien, habe man erst mit erheblichem Aufwand verlegen müssen. Auch die Corona-Pandemie habe Mehrkosten verursacht, und schließlich habe man die Preissteigerung von Baumaterialien zu spüren bekommen.

          Der Kostenanteil der Stadt selbst wurde zuletzt mit 9,46 Millionen Euro angegeben. Von Land und Bund sollten 10,7 Millionen kommen. Eine teils heftige Diskussion begleitet das Projekt seit rund einer Dekade. Unter anderen die SPD und die FDP bezweifelten immer den Sinn. Lichtwiesenbahn-Befürworter argumentierten, die Busse seien zu den Stoßzeiten so voll, dass etwa Anwohner des Woogviertels gar nicht mehr zusteigen könnten. Wie intensiv der Streit geführt wurde, lässt sich auch daran ablesen, dass sich Verkehrsminister Tarek Al-Wazir (Die Grünen) mit einer Anzeige konfrontiert sah, weil er das Projekt unterstützt hat.

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