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Leichtsinnige Raserei : Dann halt ohne Maschine und Kluft

Profilierung:Die Polizei kontrolliert verschärft Motorräder auf dem Weg zum Feldberg. Bild: Marcus Kaufhold

Ein Hobby wie jedes andere oder gefährliche Raserei: An keinem Ort im Taunus wird der Konflikt um das Motorradfahren so deutlich wie in der Applauskurve.

          Jede Seite hat ihre Geschichten. Polizeisprecher Volker Hammann kann sich erinnern, wie er einmal mit einem Kollegen im Zivilfahrzeug vom Sandplacken zum Kreisel an der Hohemark in Oberursel gefahren ist. „Auf dem Weg sind wir vom gleichen Motorradfahrer zweimal überholt worden.“ Der Mann hatte im Kreisel gedreht, war mit hohem Tempo nach oben gefahren und gleich wieder herunter. Bei der zweiten Kreiseldurchfahrt haben ihn die beiden Polizisten angehalten. „Das war ein Endvierziger und dreifacher Familienvater“, erinnert sich Hammann. Auf dem Motorrad sei er halt ein anderer Mensch, habe seine Erklärung gelautet.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Die Polizei hat an diesem Nachmittag eine Kontrollstelle in der Großen Kurve an der Kanonenstraße eingerichtet, wie die von der Hohemark über den Sandplacken nach Schmitten führende Landstraße heißt. In einiger Entfernung steht ein junger Mann, nennen wir ihn Mike, mit zwei Bekannten und schaut zu. Die drei tragen Jeans und T-Shirt statt Motorradkluft. Denn seit gut zwei Jahren ist die Einfahrt für Motorradfahrer auf den Parkplatz inmitten der 180-Grad-Kehre verboten. Die Stadt Oberursel wollte ihr mit der Anordnung den volkstümlichen Namen Applauskurve nehmen. Seither parken die Biker ein Stück oberhalb und laufen zu Fuß zur Kurve, wenn sie nicht gleich die Maschine zu Hause lassen und sich auf die Zuschauerrolle beschränken. Motorradfahrer Mike ist 33Jahre alt, kommt aus dem Taunus und seine Geschichten handeln von einem Radfahrer, der mitten auf der Straße gefahren sei und den Arm rausgestreckt habe, damit er mit seiner Maschine nicht vorbeifahren konnte. Oder von Anwohnern, die mit ihren Autos extra langsam führen, um die Motorradfahrer zum Überholen trotz durchgezogener Linie zu reizen. „Das halten sie dann mit der Dashcam fest“, also mit einer Kamera am Armaturenbrett.

          Auch die Motorradfahrer filmen gerne, allerdings eher die eigenen Fahrten mit Hilfe der Helmkamera. Nicht jede Aufnahme kann Mike öffentlich zeigen. Weil die Anzeige auf dem Tacho dann vielleicht nicht ganz zum Tempolimit der jeweiligen Strecke passt. Kann ja mal passieren. „Der Motor hat 200 PS, da ist man mit einem kurzen Zug am Gashahn in zwei Sekunden von 80 auf 120.“

          Oliver Link, Leiter der Verkehrsdirektion der Polizei im Hochtaunus, hat auf dem Parkplatz diesmal nicht die Raser im Blick – für die gibt es zur selben Zeit eine Kontrollstelle an der Hegewiese und später am Teufelsquartier weiter oben. Die Beamten in der Kurve schauen nach technischen Veränderungen wie etwa dem fehlenden „dB-Killer“ in der Auspuffanlage einer Suzuki. Der angesichts der Temperaturen im schwarzen Lederanzug schwitzende Fahrer erzählt, es habe geklappert und er habe das Teil wegen der lockeren Schraube sicherheitshalber herausgenommen. Die Ausrede ist originell und schwer zu widerlegen. Ein Bußgeld von 50Euro und eine Mängelkarte gibt es trotzdem. Jetzt muss die Maschine in den nächsten Tagen bei einer Polizeidienststelle in ordnungsgemäßem Zustand vorgeführt werden.

          Theoretisch hätte Link das Motorrad auch stilllegen können, weil mit bestimmten Veränderungen die Betriebserlaubnis erlischt. Das behält er sich für den Wiederholungsfall vor. „Dann gehen wir von Vorsatz aus und er kann die Maschine mit dem Hänger abholen.“

          Wer hierhin zieht, braucht sich nicht zu beschweren

          Das mit dem Lärm, neben den Unfallgefahren der häufigste Grund für Beschwerden aus den Orten in der Nähe, ist so eine Sache. „Es gibt Motorräder, die sind ihrer Zulassung nach legal lauter als andere mit fehlendem Schalldämpfer“, erklärt Link. Die Biker in zivil haben dazu ihre eigene Meinung. „Ich kann auch nicht nach Kelsterbach ziehen und mich über den Flughafen beklagen“, sagt Mikes 23 Jahre alter Bekannter, nach dessen Meinung hinter den Beschwerden oft Neubürger stehen. „Und hier an der Applauskurve gibt es keine Anwohner.“

          180-Grad-Kehre: die Applauskurve an der Kanonenstraße

          Der Kampf um den Treffpunkt in der Kurve wird mit vielen Mitteln geführt. Vorige Woche sind an der gegenüberliegenden Einfahrt, an der ein Weg zum Fuchstanz abzweigt, Halteverbotsschilder aufgestellt worden. Weil der Parkplatz im Kurveninneren gesperrt ist, waren die Zuschauer auf die andere Seite ausgewichen. Die 2013 installierten Rüttelstreifen vor und hinter der Kurve ärgern viele Pendler. Hartnäckige Raser lassen sich davon nicht abschrecken, so die ausnahmsweise übereinstimmende Meinung von Polizei und Bikern. Ebenso wenig wie von der Beschränkung auf Tempo50, müsste man wohl ergänzen. Dabei verschätzen sich in der Kurve laut Polizeisprecher Hammann gerade junge Motorradfahrer leicht. Trotzdem sieht Mikes Bekannter keinen Sinn darin, die Biker an andere Stellen zu vertreiben. „Die Applauskurve ist gut einsehbar und an den Leitplanken gibt es einen Unterfahrschutz.“ Die federnden Bleche sind 2005 montiert worden. Um bei Unfällen schwerste Verletzungen durch die Pfosten zu vermeiden.

          Verstärkte Kontrollen

          Dass die Polizei verstärkte Kontrollen angekündigt hat, geht ebenfalls auf die Unfälle im Feldberggebiet zurück. Die Zahl von 30 aus dem vergangenen Jahr ist wegen des anhaltend guten Wetters jetzt schon erreicht. An diesem Nachmittag werden 58 Fahrzeuge gestoppt, darunter 47 Motorräder. Bei dreien führen die Veränderungen dazu, dass die Betriebserlaubnis erlischt. Die Fahrer waren offenbar nicht gut vernetzt, denn die Kontrollen machen sofort im Internet die Runde. Bei den 21 Geschwindigkeitsverstößen liegen die Autofahrer mit 18 zu drei vorn.

          Was die Folgen von Unfällen angeht, sind die Motorradfahrer allerdings stärker gefährdet. 2018 habe es noch keinen tödlichen Sturz am Feldberg gegeben, sagt Hammann. „Aber wir sind vorsichtig geworden.“ Voriges Jahr sah es ebenfalls gut, aus und die Saison war eigentlich schon vorbei. Dann kollidierte am 1.November ein Motorradfahrer ein Stück oberhalb der Applauskurve mit einem Auto. Für ihn kam jede Hilfe zu spät.

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