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Stiftungen : Erste Schritte auf dem Weg nach oben

  • -Aktualisiert am

Für Kinder aus Zuwandererfamilien, die begabt und sozial engagiert sind, gibt es eine Reihe von Fördermöglichkeiten. Die Auserwählten bekommen nicht nur Geld; sie und ihre Eltern werden oft auch beraten und betreut. Bild: DPA

Stiftungen helfen begabten Schülern aus einkommenschwachen Elternhäusern. Mentoren betreuen die Schüler.

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          Fünf Jugendliche haben Thilo Sarrazin vor wenigen Tagen einen offenen Brief geschrieben. Die Jugendlichen heißen Abdullah Celik, Kaltrina Murati, Ahmad Mamoud, Armin Begic und Solin Ahmad. Sie gehen in Deutschland zur Schule, und sie sind die Sprecher der 700 Stipendiaten, die von der Start-Stiftung gefördert werden. „Viele von uns fühlen sich durch Ihre Worte fremd und nicht mehr willkommen in Deutschland“, schreiben die Schüler, und weiter: „Ihre Thesen verletzen uns tief.“ Die Jugendlichen mit ausländischen Wurzeln sind sozial engagiert, überdurchschnittlich begabt und des Deutschen mächtig – deswegen werden sie von der Stiftung gefördert. Sarrazins Thesen mit ihren Leben in Verbindung zu bringen, fällt ihnen schwer.

          Rund 90 der 700 Start-Stipendiaten aus ganz Deutschland leben in Hessen. Die Stiftung ist nicht die einzige, die begabte Jugendliche fördert – und zwar solche, deren Eltern das Geld für Computer, teure Bücher, Nachhilfe oder Ferienkurse nicht haben. Dabei steht die finanzielle Unterstützung oft nicht einmal im Vordergrund: Die Vermittlung von Mentoren, die den Schülern mit Rat und Kontakten zur Seite stehen, Einladungen zu Wochenend- und Ferienkursen und das Bereitstellen von Computern und Druckern ist bei einigen ebenfalls Teil des Programms. Wer unterstützt werden will, muss zumeist sehr gute Schulnoten und freiwilliges soziales Engagement nachweisen. Dafür wird der Stipendiat oft mit jahrelanger Förderung belohnt.

          Auch eine Theaterakademie wird angeboten

          Auch das Stipendienprogramm der in Frankfurt beheimateten Start-Stiftung, die zur Hertie-Stiftung gehört, ist so angelegt. Es richtet sich – anders als die meisten anderen Programme – ausschließlich an Jugendliche aus Zuwandererfamilien. „Wir sagen nicht explizit: Ihr müsst arm sein“, sagt Mostapha Boukllouâ von der Start-Stiftung. Doch viele der Oberstufenschüler können gerade die materielle Unterstützung gut gebrauchen: 100 Euro erhalten sie im Monat für Anschaffungen wie Bücher oder Theaterkarten. Außerdem bekommen sie einen Laptop und können jährlich bis zu 700 Euro für zusätzliche Vorhaben beantragen, etwa für Kurse, zur Finanzierung von Praktika oder für Nachhilfe.

          Das „Herz des Programms“ sind laut Boukllouâ aber die Wahl- und Pflichtseminare an den Wochenenden, von denen die Teilnehmer in jedem Schuljahr zwei besuchen müssen. Dort werden Fragen der Persönlichkeitsbildung, aber auch gesellschaftliche Entwicklungen besprochen. In den Ferien bietet die Stiftung zudem in Zusammenarbeit mit anderen Institutionen längere Kurse an, in Frankfurt etwa eine Theaterakademie in Kooperation mit dem Schauspiel. Finanziert werden die Stipendien zu 60 Prozent von der Hertie-Stiftung und zu 40 Prozent von deren Partnern. Der Andrang ist entsprechend groß: Auf die 200 Plätze, die in diesem Jahr neu vergeben wurden, bewarben sich 2100 Jugendliche.

          „Sie können später eine Leitungsfunktion in der Gesellschaft haben“

          Außer einem Notendurchschnitt von mindestens 2,5 und dem Migrationshintergrund ist vor allem das soziale Engagement des Jugendlichen entscheidend: als Schulsprecher oder in einem Verein, aber auch in der Familie, etwa wenn sich jemand um seine vier jüngeren Geschwister kümmert. Die Stipendiaten, sagt Boukllouâ, sollten wie Leuchttürme wirken und anderen Schülern ein Vorbild sein: „Sie können später eine Leitungsfunktion in der Gesellschaft haben.“

          Auch beim neuen Bildungsprogramm der Roland-Berger-Stiftung, „Fair Talent“, ist das gewünscht. Die 150 Stipendien werden in diesem Jahr zum ersten Mal vergeben – ausschließlich an Jugendliche in Hessen, Sachsen und Thüringen. In vier anderen Bundesländern bietet die Stiftung schon seit dem vergangenen Jahr das Programm „Fit für Verantwortung“ an, dessen Angebot mit dem des neuen identisch ist.

          Schüler werden von Josef Ackermann und Roland Berger persönlich begrüßt

          Durchschnittlich sollen die Schüler, die sich im Alter von sechs bis 17 Jahren bewerben können, sechs Jahre lang gefördert werden – bis zum Abitur. Das ist nicht billig: 14 000 Euro kostet ein Stipendium im Jahr. Das Geld steuert die Deutsche Bank bei. „Die Kinder und Jugendlichen sollen ganz individuell in ihren Begabungen unterstützt werden“, sagt Barbara Diesner von der Roland-Berger-Stiftung. Ob Klavierunterricht oder Sprachkurse – alles sei möglich. Einen Laptop erhalten alle Stipendiaten.

          Auch bei ihnen war die Verbindung von sozial benachteiligten Elternhäusern, überdurchschnittlichen Schulnoten und sozialem Engagement entscheidend. Etwas mehr als 50 Prozent der Ausgewählten kämen aus Zuwandererfamilien, sagt Diesner. Morgen werden sie alle bei der Aufnahmefeier in Frankfurt von Josef Ackermann und Roland Berger persönlich begrüßt.

          Überforderten Eltern helfen

          Den Jugendlichen den gesellschaftlichen Aufstieg zu erleichtern, ist das Ziel der Stiftungen und Stipendienprogramme. Mit dem hessischen Kultusministerium kooperiert außer der Start- und der Roland-Berger-Stiftung auch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt. Sie schreibt das Diesterwegstipendium aus. Hier werden besonders die Eltern in die Förderung eingebunden, wie Lena Setzer von der Stiftung betont. In Frankfurt lebende Kinder mit schlechten Deutschkenntnissen, aber hohem Leistungspotential werden beim Übergang von der Grund- auf die weiterführende Schule unterstützt.

          Den oft überforderten Eltern auch beratend zur Seite zu stehen, ist nicht nur der Stiftung Polytechnische Gesellschaft wichtig. Berater aus den Stiftungen, aber auch ehrenamtliche Mentoren aus anderen Institutionen bezeichnen alle Förderer als unverzichtbar für die Ausbildung der Jugendlichen. „Das Gefühl, von der Gesellschaft im Stich gelassen zu werden“ benennen die Stipendiatensprecher der Start-Stiftung als einen Grund für die fehlende Motivation vieler Jugendlicher. Selbst gefördert zu werden oder das bei Gleichaltrigen in ähnlich schwieriger Situation mitzuerleben, könnte Mut machen.

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