https://www.faz.net/-gzg-a4jtp

Sterbebegleitung : Was man noch zu sagen hätte

Den Weg würdevoll begleiten: Das Palliativteam Hochtaunus leistet wichtige Arbeit.(Symbolbild) Bild: dpa

Sterbebegleitung ist mehr als die medizinische Versorgung. Dafür werden Spenden benötigt. Um seine emotionale und spirituelle Begleitung fortführen zu können, ist auch das Palliativteam Hochtaunus auf finanzielle Unterstützung angewiesen.

          2 Min.

          Der Mann wusste nicht mehr, ob er mit seiner Frau im Prater in Wien Riesenrad gefahren war. „Das wäre typisch für uns gewesen, die zehn Euro dafür zu sparen“, sagte er zu Ingrid Schulz. Zu sparsam, zu wenig Zeit: Im Angesicht des nahen Endes erschien es ihm, als ob er und seine Frau ihr eigenes Leben liegen gelassen hätten. Warum nur hätten sie sich selbst blockiert? „Weint“, hat Schulz hinter ihren Aufzeichnungen notiert. Eine krebskranke Frau wiederum blickte in die Zukunft und wünschte ihrem erwachsenen Sohn, dass er einmal eine gute Partnerin finde. Sie wäre so gerne Oma gewesen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          „Lebensbogen“ nennt Schulz das, was sie aus den Interviews mit Sterbenden festhält. Die Psychoonkologin fragt nicht nach biographischen Daten, sondern nach dem Zeitpunkt, an dem sie sich am lebendigsten gefühlt haben – oder was sie bedauern. Anschließend geht sie den von ihr in Form gebrachten Text mit den Patienten unter vier Augen durch. Sie können entscheiden, wer die mit einem Deckblatt versehene Kladde gezeigt bekommt. Schulz weiß, dass die Hinterlassenschaft nicht nur Trauer, sondern auch Wut auslösen kann. „Es ist immer nur die Wahrheit des Einzelnen, die Angehörigen sehen das vielleicht völlig anders.“

          Die „würdezentrierte Therapie“ ist ein Angebot des Palliativteams Hochtaunus. Ebenso wie die „Schreibwerkstatt Pusteblume“, in der Palliative-Care-Fachkraft Angelika Seitz einmal im Monat mit Kindern im Alter von fünf Jahren an arbeitet. Sie müssen nicht schreiben können, sondern verarbeiten den Tod eines Elternteils auch mit Bildern oder einer Socke mit angenähten Augen. „Sie lassen eine Puppe sprechen, bevor sie selbst darüber reden“, sagt Seitz. Um ein Trauma zu vermeiden, sei Offenheit wichtig und bei Bedarf fremde Hilfe. „Selbst Zweijährige merken, dass die tote Mama nicht schläft.“

          „Signifikante Versorgungslücke“

          Für den Arzt Robert Gaertner, Geschäftsführer des Palliativteams, gehört die Psychoonkologie sowie die emotionale und spirituelle Begleitung zur „multiprofessionellen Versorgung“, die den Menschen das Sterben zu Hause ermöglichen soll. „Es geht um mehr als die ärztliche und pflegerische Versorgung.“ Das sehe auch das Hospiz- und Palliativgesetz vor. Doch anders als im Krankenhaus übernähmen die Kassen bei der ambulanten Palliativversorgung die Kosten für Psychoonkologie nicht. Deshalb müsse man 90.000 Euro im Jahr aus Spenden aufbringen, damit acht freie Mitarbeiter wie Schulz und Seitz Angebote machen könnten.

          Das Palliativteam war daher froh, jüngst insgesamt 25.000 Euro von der Liselott-und-Klaus-Rheinberger-Stiftung, der Lilly Deutschland Stiftung, der Erich-Kroke-Stiftung und der Gertrud-May-Kofler-Stiftung zu bekommen. Mit dem Geld kann nach Worten Gaertners auch Musik- und Kunsttherapie finanziert werden. Für die Physiotherapie habe man eine Quersubventionierung entwickelt. Für den Geschäftsführer ist es jedoch eine gesundheitspolitische Frage, dass diese „signifikante Versorgungslücke“ mit Spenden geschlossen werden müsse. Deshalb hat er den Kontakt zu Bundestagsabgeordneten und Landespolitikern gesucht. „Es geht darum, warum dieser Teil des Gesetzes so einseitig ausgelegt wird.“

          Weitere Themen

          Die Quote soll sinken

          Wohnungsbau in Frankfurt : Die Quote soll sinken

          Die Immobilienbranche kritisiert die hohen Auflagen für den Wohnungsbau in Frankfurt. Deshalb rät die Industrie- und Handelskammer der Stadt, den Baulandbeschluss zu überarbeiten.

          Topmeldungen

          Kritisierte Meuthens Rede als „spalterisch“: der Vorsitzende der Bundestagsfraktion und AfD-Ehrenvorsitzende Alexander Gauland

          AfD-Parteitag : Gauland schlägt zurück

          Für seine Kampfansage an die Radikalen muss der AfD-Vorsitzende Jörg Meuthen heftige Kritik einstecken. Fraktionschef Alexander Gauland rügt Meuthens Rede als „Verbeugung vor dem Verfassungsschutz“ – dabei müsse die AfD gegen diesen „kämpfen“.

          Verletzte und Festnahmen : Zehntausende Menschen protestieren in Frankreich

          In Paris bauten Demonstranten Barrikaden und bewarfen Polizisten mit Steinen. Mehrere wurden verletzt. Die Demos richteten sich gegen Polizeigewalt und das umstrittene Sicherheitsgesetz. Die Organisatoren sprachen von 500.000 Teilnehmern im ganzen Land.

          Pressefreiheit in Frankreich : Macrons Doppelmoral

          Es ist gut, dass der französische Präsident Karikaturen gegen Zensurversuche im Namen der „politischen Korrektheit“ verteidigt. Doch er wäre glaubwürdiger, wenn er die Pressefreiheit nicht an anderer Stelle selbst einschränken würde.
          Kaum zu glauben: Marco Reus unterliegt mit der Borussia gegen Köln.

          Überraschende BVB-Pleite : Dortmunder Debakel gegen Krisenklub

          Mit einem Sieg hätte die Borussia an der Bundesliga-Tabellenspitze Druck auf den FC Bayern machen können. Stattdessen unterliegt der BVB dem abgeschlagenen 1. FC Köln. Erling Haaland vergibt in der Nachspielzeit eine Großchance.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.