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„Step-by-Step“ in Darmstadt : Es dauert lange, das Schweigen zu brechen

  • -Aktualisiert am

Belastet: Auch Kinder, die im Michaelisdorf in Darmstadt wohnen, sind traumatisiert von der Flucht. Bild: Patricia Kühfuss

Das Modellprojekt „Step-by-Step“ in Darmstadt zur Betreuung traumatisierter Flüchtlinge ist abgeschlossen. Das Land hat die Arbeit derart überzeugt, dass es jetzt vier Beratungsstellen einrichtet.

          Die Frau aus Afghanistan ist etwa 40 Jahre alt gewesen, als sie in das Erstaufnahmelager Michaelisdorf in Darmstadt kam. Den Betreuern dort fiel sie auf, weil sie den ganzen Tag reglos im Bett saß, das Gesicht bleich, erstarrt, ohne Mimik. Es dauerte lange, bis sie in der Sprechstunde ihr Schweigen brach. Sie holte ein Handy aus der Tasche und zeigte das Bild einer jungen Frau – ein Foto ihrer Tochter. „Sie haben sie aus dem Gymnasium herausgeholt und umgebracht. Ich konnte mich nicht mal mehr von ihr verabschieden.“ Dann fügte die Frau, die sich in ihrer Heimat für Frauenrechte eingesetzt hatte, weinend hinzu, dass auch ihr acht Jahre alter Sohn starb, als die Taliban ihr Haus anzündeten.

          Rainer Hein

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Darmstadt.

          Dieses Gespräch findet sich protokolliert im Abschlussbericht für das im Januar 2016 begonnene Projekt „Step-by-Step“ zur Betreuung von traumatisierten Frauen und Kindern im Michaelisdorf. Es ist die Dokumentation dessen, was die geschäftsführende Direktorin des Sigmund-Freud-Instituts, Marianne Leuzinger-Bohleber, zum Start des in Deutschland einmaligen Vorhabens in groben Zügen beschrieben hatte: Viele Flüchtlinge seien Zeugen unvorstellbarer Greueltaten geworden und deshalb von Gefühlen der Verzweiflung, Ohnmacht und Hilflosigkeit geprägt, meist verbunden mit Todesangst. Sie bedürften professioneller Hilfe.

          Beratungsstellen in Kassel, Gießen, Frankfurt und Darmstadt

          In dem vom Deutschen Roten Kreuz betreuten Darmstädter Flüchtlingscamp, das 2015 am Eingang der Starkenburg-Kaserne entstand, ist die Hilfe für traumatisierte Menschen ein Jahr lang angeboten worden. Ziel war dabei von Anfang an, die gesammelten Erfahrungen wissenschaftlich auszuwerten, um die Erkenntnisse aus dem Pilotprojekt auf andere Standorte übertragen zu können.

          Eine Schlussfolgerung der Landesregierung hat der Staatssekretär für Integration und Antidiskriminierung, Jo Dreiseitel (Die Grünen), in dieser Woche in Wiesbaden vorgestellt. Für traumatisierte Flüchtlinge werden voraussichtlich noch in diesem Jahr psychosoziale Beratungsstellen in Kassel, Gießen, Frankfurt und Darmstadt eingerichtet (F.A.Z. von Mittwoch). Sie sollen nicht nur Flüchtlingen aus Erstaufnahmeeinrichtungen offenstehen, sondern auch Hilfesuchenden, die mittlerweile den Kommunen zugewiesen wurden. Für die Finanzierung sei jährlich ein hoher siebenstelliger Betrag vorgesehen, sagte Dreiseitel.

          In den Beratungsstellen werden Menschen wie die afghanische Frau über das erlittene Leid sprechen können und erhalten bei akutem Behandlungsbedarf fachliche Hilfe. Auch kommunalen Einrichtungen, freiberuflichen Therapeuten und Dolmetschern sollen die vier Zentren als erste Anlaufstelle zur Krisenintervention und Ansprechpartner in Fragen der psychosozialen Betreuung dienen. Das Land baut seine Hilfe damit deutlich aus. Seit 2012 finanziert Hessen schon ein spezielles Beratungsangebot des Frankfurter Vereins Arbeitskreis Trauma und Exil für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge mit posttraumatischen Belastungsstörungen. Außerdem wird das Projekt „Traumapädagogik“ des Vereins Fatra gefördert, bei dem es um Unterstützung und Fortbildung von Fachkräfte in der Versorgung unbegleiteter junger Flüchtlinge geht.

          Darmstadts Sozialdezernentin Barbara Akdeniz (Die Grünen) hat die Entscheidung des Landes gestern gelobt: „Für uns ist das ein wichtiger Schritt, denn jetzt können dort auch Flüchtlinge aus Darmstadt und dem Landkreis Hilfe finden.“ Weil Traumatisierungen eine große Rolle spielen, hatten Darmstadt und der Landkreis schon vor einiger Zeit eine psychosoziale Kontaktstelle mit dem Caritasverband aufgebaut.

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