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Staatstheater Wiesbaden : Aus dem Eiswürfelfach

Da hilft nur noch Whisky: Amanda Wingfield (Susanne Bard) ist im Wiesbadener Wohnwagen gelandet Bild: Staatstheater Wiesbaden/Lena Obst

Caroline Stolz inszeniert Tennessee Williams' „Die Glasmenagerie“ in der Wartburg des Staatstheaters Wiesbaden. Die Eleganz und Zartheit der Konstruktion hat Stolz gegen Komik, wenn nicht gar Klamauk getauscht. Auf die Besucher wartet viel bunter Lärm.

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          Armer Tom. Tennessee Williams ist Schriftsteller geworden, wie sein Alter Ego Tom Wingfield, der nachts schreibt, um der häuslichen Misere zumindest geistig zu entfliehen. So jedenfalls will es der Rahmen der „Glasmenagerie“. Aber dem Tom, der in der Wiesbadener Wartburg in Unterhemd und Baseballmütze am Campingtisch sitzt, reichen Phantasie und Orthographie allenfalls für ein rudimentäres Filmscript. Und wenn er sein Leben als Hollywoodfilm fantasiert, dann spielt den Tom Wingfield eben Javier Bardem - oder David Schwimmer.

          Eva-Maria Magel
          Kulturredakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Williams' „Die Glasmenagerie“ ist bei Caroline Stolz so vermeintlich heutig und jugendgerecht ausstaffiert, dass schon das Schreiben als anachronistische Tätigkeit wegfallen muss zugunsten von Filmklischees gröberen Zuschnitts. Die Eleganz und Zartheit der Konstruktion, schließlich hieß das höchst autobiographische Stück im Untertitel einst „Ein Spiel der Erinnerung“, hat Stolz gegen Komik, wenn nicht gar Klamauk getauscht. Vor allem Susanne Bard als affektierte Mutter Amanda wird in der schäbigen Wohnwagenwelt, die Jan Hendrik Neidert, Lorena Díaz Stephens und Anika Bárdos mit Liebe zum Detail gebaut haben, zur komischen Figur im Minikleid. Ihre Kochkunst beschränkt sich auf das Aufreißen von Fertiggerichten, deren Dünste ebenso wie der Zigarettenrauch durch die Zuschauerreihen wabern. Als Bild des „american way of life“ der gerade noch kleinstbürgerlichen Verhältnisse passt das - aber nicht zum Text. Die Charaktere der „Glasmenagerie“, deren letzte Reste Bürgerlichkeit Amanda, die einstige Südstaatenschönheit aus besseren Verhältnissen, so krampfhaft zu wahren versucht, stehen dazu in einem krassen, unüberbrückbaren Gegensatz.

          Ein schönes, leises Schlussbild

          Die Figuren, jene der Mutter zumal, von der doch all die Bitternis, Scham und Trauer ausgeht, die den Sog der „Glasmenagerie“ ursprünglich ausmachen, werden geradezu geopfert für offene Klotüren, „Dallas“-Melodie oder Gymnastik mit dem Whisky, dem Amanda eifrig zuspricht. Umso bemerkenswerter, dass dennoch Nuancen spürbar werden: Sebastian Münster verteidigt die melancholischen Züge seines Tom, den Kampf mit Pflicht und Neigung auch gegen die schrillen Töne.

          Lissa Schwerm ist zuweilen richtig kratzbürstig als psychisch und physisch versehrte Laura. Aber auch sehr zerbrechlich, denn der Regieeinfall, ihr statt der Glastierchen eine „Menagerie“ aus Eiswürfeln zur eigenen, versponnenen Welt zu machen, verstärkt das Bizarre noch - und den Schock, den Toms Bekannter Jim ihr zufügt, was in Wiesbaden nicht mehr nur ein Tanz, sondern gleich eine Vergewaltigung ist. Eine Gelegenheit mehr für Michael von Burg, der schon in der Rolle des Franz Moor überzeugte, den Jim als Widerling erster Güte zu spielen. Denen, so scheint es, gehört die Zukunft, während Lauras Eistierchen als plätschernde Pfütze Abtauwasser enden. Ein schönes, leises Schlussbild nach viel buntem Lärm.

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