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Spielsucht : Zocken nur nach Einlasskontrolle

Alles im Griff: Mit Kontrollen soll in Casinos wie in Bad Homburg verhindert werden, dass Spielsüchtige sich an Automaten ruinieren Bild: dpa

Für Spielbanken schreibt ein Staatsvertrag vor, wie Spielsüchtige vor sich selbst geschützt werden sollen. Doch in der Spielhalle um die Ecke gelten diese Regeln nicht.

          Am Ende geht es immer ums Geld. Vor dem Streit mit der Ehefrau kann man weglaufen, der Verlust der Freunde lässt sich schönreden und mit den Eltern war der Kontakt vielleicht schon vor längerer Zeit schwierig geworden. Aber wenn der Vermieter die Wohnung kündigt und die Mahnungen drohender im Ton werden, kann der süchtige Spieler die Ursache nicht einmal mehr vor sich selbst verbergen.

          Bernhard Biener

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          „Das ist für viele der Moment, in dem sie sich an eine Beratungsstelle wenden“, sagt der Pädagoge Uwe Heilmann-Geideck. Seit Anfang des Jahres kümmert er sich beim Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe in Bad Homburg um Spielsüchtige, die ihr Geld an Automaten in Spielhallen und Gaststätten, aber auch dem Casino verspielen.

          Modellprojekt gegen Spielsucht

          Für drei Jahre wird seine halbe Stelle durch das Modellprojekt „Frühe Intervention bei pathologischem Glücksspiel“ vom Bund, dem Land Hessen und eigenen Mitteln der Suchthilfe finanziert. Bad Homburg ist dabei der einzige Projektstandort in Hessen.

          Schon bisher war die Suchtberatung auch für Spielsüchtige die erste Adresse, wenn sie oder ihre Angehörigen Hilfe suchten. Doch die Persönlichkeitsstruktur von Spielern sei anders als zum Beispiel von Alkoholabhängigen, erläutert Heilmann-Geideck. Deshalb sei die sogenannte Haltequote gering gewesen. „Wenn es ihnen finanziell wieder besser ging, kamen sie nicht wieder“, sagt der Pädagoge. Seine Arbeit ist gezielter auf die Lage der Spieler ausgerichtet.

          Zusammenarbeit mit Schuldnerberatern

          Weil das Geld dabei eine so große Rolle spielt, arbeitet er mit den Schuldnerberatungsstellen der Stadt Bad Homburg und des Hochtaunuskreises zusammen. Doch das allein reicht natürlich nicht. „Die Spieler müssen das Gefühl bekommen, ernst genommen zu werden“, sagt Heilmann-Geideck. Er versucht, sie zu einer konsequenten Behandlung zu bewegen und einen Hilfeplan aufzustellen.

          Häufig seien es die Angehörigen, die sich an die Beratungsstelle wendeten. Der Ehefrau falle vielleicht auf, dass ihr Mann über Nacht wegbleibe. „Statt bei einer Geliebten, wie sie zunächst vermutet, verbringt er die Stunden vor dem Spielautomaten“, schildert der Fachmann seine Erfahrungen.

          Vor allem Männer betroffen

          Auch wenn Spieler ständig Geld liehen und sich die Reise oder das Geschenk für die Freundin als Vorwand entpuppten, würden Verwandte und Freunde aufmerksam – meistens jedoch führten die Lügen in die Isolation.

          Vor allem Männer würden vom Glücksspiel angezogen. Wenn er am Automaten stehe, dann spüre er sich wieder, habe ihm ein Klient einmal gesagt. „Das Spielen hat etwas Narzisstisches“, so Heilmann-Geideck. „Viele Männer scheitern an ihren eigenen hohen Leistungsansprüchen.“

          Groschengrab im Getränkemarkt

          Etwa 80 Prozent der Spielsüchtigen kommen nach seiner Schätzung nicht von Automaten los. Diese müssten nicht immer in der typischen Spielhalle stehen: Ein Sechzigjähriger werfe sein Geld regelmäßig in den Automaten im nächsten Getränkehandel, erzählt Heilmann-Geideck.

          Er kenne aber auch den klassischen Fall eines Rentners, der sich im Kleinen Spiel des Casinos ruiniert habe. Genauso gebe es Studenten, die sich am Computer in ein Online-Casino einklinkten. „Die Zeit, in der sie spielen, wird dann immer mehr.“

          Biometrisches Kontrollsystem

          Auf den neuen Glücksspielstaatsvertrag hat auch die traditionsreiche Spielbank Bad Homburg reagieren müssen. Für das Kleine Spiel mit seinen 180 Automaten gibt es seit gut zwei Jahren ein biometrisches Kontrollsystem, das mit Hilfe dreier Kameras automatisch gesperrte Gäste erkennen sollte. „Wegen der neuen Vorschriften haben wir allerdings zusätzlich eine Ausweiskontrolle wie beim Großen Spiel einführen müssen“, sagt Spielbankdirektor Andreas Krautwald.

          Außerdem kümmert sich das Casino um das vom Vertrag vorgeschriebene Sozialkonzept: Auf Handzetteln werden Gäste über Hilfsangebote informiert, und das Zentrum für Jugendberatung und Suchthilfe schult die Mitarbeiter.

          In Casinos sinken die Umsätze

          Heilmann-Geideck bescheinigt der „Mutter von Monte Carlo“, sich dabei nicht nur zähneknirschend zu engagieren, sondern ernsthaft das Gespräch zu suchen. Allerdings haben die Einlasskontrollen viele Spieler abgeschreckt. Bundesweit beklagten die Spielbanken zum Teil dramatische Rückgänge beim Bruttospielertrag, sagt Krautwald.

          Zumal die Casinos zusätzlich von den Rauchverboten getroffen würden. In Bad Homburg habe man Raucher und Nichtraucher vergleichsweise gut trennen können. Außerdem mache sich bezahlt, dass man die Tradition des Großen Spiels an den Roulette- und Kartentischen immer hochgehalten habe.

          Spielhalle als Ausweichquartier

          Manche Automatenspieler sind auf die Spielhallen ausgewichen. Denn im Unterschied zu den klassischen Spielbanken fallen sie nicht unter den Glücksspielstaatsvertrag. Für diese reinen Gewerbebetriebe sei der Bund zuständig, sagt der Geschäftsführer der Hessischen Landesstelle für Suchtfragen (HLS), Wolfgang Schmidt.

          Ein Zustand, den er als unhaltbar empfindet. Die dort aufgehängten Automaten gälten nicht einmal als Glücksspiel, sondern als „Unterhaltungsautomaten mit Geldgewinnmöglichkeit.“ Die Landesstelle fordere daher dringend, derartige Geräte in den Staatsvertrag mit aufzunehmen.

          Seit 2001 ist Glücksspielsucht von den Rentenversicherungen und Kassen als Krankheit anerkannt. Etwa zehn Beratungsstellen boten bisher in Hessen eine spezielle Spielsuchtberatung. Der zum 1. Januar 2008 in Kraft getretene neue Staatsvertrag der Länder zum Glücksspielwesen in Deutschland enthält nicht nur das umstrittene Staatsmonopol, sondern macht auch Vorschriften zur Suchtprävention. Glücksspielanbieter müssen über die Gefahren aufklären und ein übergreifendes Sperrsystem einrichten. Das gilt nicht nur für Spielbanken, die schon lange Sperrdateien führen. Selbst für das samstägliche Lottospiel können sich Abhängige jetzt sperren lassen. Das Land Hessen finanziert außerdem 13 Stellen für auf Glücksspiel spezialisierte Suchtberater.

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