https://www.faz.net/-gzg-16rfx

Spielsucht : Raus aus der Spielhölle

Beim Roulette lassen sich enorme Summen verspielen - doch die meisten Spielsüchtigen sind Opfer von Spielotheken, wie die Caritas Wiesbaden berichtet Bild: dpa

Wer dem Glücksspiel verfallen ist, braucht oft eine lange Behandlung, um von seiner Sucht loszukommen. Bei der Caritas in Wiesbaden ersuchen immer mehr Spielsüchtige um Hilfe. Die meisten sind Opfer der Spielotheken.

          2 Min.

          „Wer am Anfang gewinnt, hat Pech“, sagt Ulrike Kesternich. Was so paradox klingt, ist eine Art Naturgesetz für das Schicksal von Spielern. 76 wandten sich im vergangenen Jahr an die Fachambulanz der Wiesbadener Caritas. Und es werden immer mehr. Denn es spricht sich herum, dass Kesternich eine von 15 einschlägigen hessischen Fachberatungsstellen leitet, die von Stadt und Land finanziell unterstützt werden.

          Ewald Hetrodt

          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Bei den Menschen, die dem Glücksspiel verfallen sind, handelt es sich zu zwei Dritteln um Männer. Kesternich berichtet beispielsweise von einem jungen Migranten türkischer Herkunft. Er war dem Wunsch seines Vaters gefolgt und hatte seine Cousine geheiratet. Die Ehe verlief so unglücklich, dass er nach der Arbeit keine Lust hatte, nach Hause zu gehen. Stattdessen verbrachte er die Abende und später auch die Nächte in Spielotheken. Die Geldnot versuchte er mit Diebstählen in der Firma zu lindern. Auf die Entlassung folgte schließlich die Einsicht, dass er vor dem Abgrund stand.

          „Die Spielsucht kann im Prinzip jeden treffen“, erläutert Kesternich. In der Regel befällt sie Persönlichkeiten, die ihr Auskommen haben. Dabei geht es den Männern meistens um die Herausforderung und das Risiko. Die Frauen geben sich der Illusion hin, der Spielautomat wäre so etwas wie eine Bezugsperson.

          Opfer der Spielotheken

          Unter den Klienten der Caritas finden sich auch Spielcasinobesucher. Doch die Tatsache, dass die hessische Landeshauptstadt Sitz einer bekannten Spielbank ist, macht sich nach Kesternichs Eindruck in der Beratungsstelle nicht bemerkbar.

          Mehr als 85 Prozent ihrer Klientel sind Opfer der Spielotheken, berichtet die Sozialtherapeutin. Und diese Orte mit Daddel-Automaten vermehrten sich in den zurückliegenden Jahren in der Stadt immer schneller. Eine liegt genau gegenüber der Caritas-Beratungsstelle. Eine besondere Verlockung besteht in der Tatsache, dass diese Einrichtungen gemäß der hessischen Sperrzeitenverordnung nur von fünf bis sechs Uhr geschlossen sind, also 23 Stunden am Tag zum Besuch einladen.

          Die Dunkelziffer der Spielsüchtigen gilt als sehr hoch. Neben den 76, die im vergangenen Jahr selbst den Weg in die Beratungsstelle fanden, kamen noch 21 zumeist weibliche Angehörige, die dem Schicksal ihrer Nächsten nicht tatenlos zusehen und sich wenigstens nach Hilfsangeboten erkundigen wollten.

          Treffen mit Leidensgenossen

          Für eine stationäre Behandlung bieten sich Kliniken an, in denen die Patienten ihrer alltäglichen Umgebung entzogen werden. Die ambulante Beratung kann sich als Rehabilitation anschließen, kommt aber auch als eigenständige Form der Behandlung in Frage.

          Sie kann bis zu einem Jahr dauern. Alle zwei Wochen kommen die Patienten zum Einzelgespräch. Einmal in der Woche treffen sie sich mit ihren Leidensgenossen in der Gruppe. „Wir wollen unsere Klienten erst einmal zur Selbsterkenntnis führen“, erklärt Maria Jox-Doppler, die Leiterin der Fachambulanz für Suchtkranke. „Das ist in der Auseinandersetzung mit anderen eher zu erreichen als in der Auseinandersetzung mit einem Therapeuten.“ Der bemüht sich vor allem darum, seinem Gesprächspartner eine neue Perspektive für sein Leben zu vermitteln. Kurzfristig sind die Erfolgsaussichten nicht allzu rosig. „Wer zehn Jahre lang gespielt hat, wird nicht in einem Jahr geheilt“, sagt Kesternich.

          Sehr zufrieden in Abstinenz

          Sie unterscheidet überdies zwischen Patienten, denen es mit Mühe und Not gelingt, auf das Spielen zu verzichten, und solchen, die mit der Abstinenz ein sehr zufriedenes Leben führen. Dabei ist, wie etwa bei früheren Alkoholikern auch, die Gefahr eines Rückfalls nicht zu unterschätzen.

          Die Glücksspielsucht gilt seit Jahren als Krankheit. Sowohl die Rentenversicherung als auch die Krankenkassen erkennen die Arbeit der Caritas als Behandlung an, deren Kosten erstattet werden. Für ein fünfzigminütiges Einzelgespräch oder 100 Minuten in der Gruppe werden pro Person jeweils 48,40 Euro berechnet.

          Die Sache ist einen Versuch wert. So hatte beispielsweise eine Buchhalterin mit großer Kreativität ihre Firma betrogen, um sich das Geld für ihre kostspieligen Aufenthalte in den Spielhöllen zu besorgen. Sie wurde fristlos entlassen. Aber als sie eines Tages endlich geheilt war, bot ihr der Arbeitgeber einen neuen Vertrag an. Sie war für ihn unersetzlich.

          Weitere Themen

          Die ungeplante chemische Reaktion

          „The Effect“ : Die ungeplante chemische Reaktion

          Liebe in Zeiten von neurowissenschaftlichen Versuchen und dem unterschätzten Placebo-Effekt: Das English Theatre Frankfurt zeigt Lucy Prebbles klinische Romanze „The Effect“.

          Frohsinn unter Polizeischutz

          „Klaa Paris“ in Frankfurt : Frohsinn unter Polizeischutz

          Nur ein Fünftel weniger als in den Vorjahren: Von dem Schrecken der vergangenen Tage haben sich die Narren in „Klaa Paris“ nicht einschüchtern lassen. Manchem war dennoch mulmig zumute.

          Topmeldungen

          Er wedelt noch, sie merkelt schon: Habeck, Baerbock und die „Merkel-Raute“

          Heimlich für Merz? : Die Grünen hoffen auf Merkel-Stimmen

          Die Grünen wollen regieren. Das ginge mit einer Laschet-CDU leichter als mit einer Merz-CDU. Vor allem wollen sie jedoch stärkste Partei werden. Den Platz dafür in der politischen Mitte könnte eher Merz als Laschet schaffen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.