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Spielbank-Prozess : Die Sucht war zu stark

Fingerübungen: Wer gewinnt hier wohl auf die Dauer? Bild: dpa

Am Landgericht Frankfurt läuft der Prozess gegen den ehemaligen Mitarbeiter einer Spielbank, der 1,5 Millionen Euro gestohlen haben soll. Zum Auftakt schildert der Angeklagte, wie er immer tiefer in seine Sucht schlitterte.

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          Mit einem umfassenden Geständnis hat am Donnerstag am Landgericht Frankfurt der Prozess gegen einen 28 Jahre alten Bad Homburger begonnen, der wegen der Unterschlagung von Devisen und wegen Diebstahls angeklagt ist. Er soll bei seinem Arbeitgeber, einer Spielbank in Bad Homburg, ausländische Währungen im Wert von 280.000 Euro und Bargeld im Wert von 1,5 Millionen Euro an sich genommen haben. 705.000 Euro hat er der Anklageschrift zufolge wieder zurückgegeben. Der junge Mann gestand die Vorwürfe vollumfänglich ein, wie er es im Wesentlichen bereits bei seiner Festnahme im Frühjahr 2019 getan hatte. Er kam damals in Untersuchungshaft, wurde jedoch im März dieses Jahres verschont.

          Anna-Sophia Lang
          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Vor Gericht erzählte der Angeklagte ausführlich, warum es so weit kam. Begonnen hat im Grunde alles in seiner Kindheit: Auf Sorgerechtsstreits folgten Umzüge quer durchs Land, die den Jungen und den kleinen Bruder mehrmals aus ihrem Umfeld rissen. Zurück in Bad Homburg war die Lust auf Party in Jugendjahren größer als auf Schule, weshalb aus dem Abitur nichts wurde. Eines Nachts brach der Jugendliche mit Freunden in eine Spielothek ein. Eigentlich, um Billard zu spielen. Doch stattdessen endete die Nacht am Spielautomaten – und er kam nicht mehr davon los. Schnell häufte er Schulden an. Mit 21 zerstritt er sich mit seinem Vater und zog aus. Ohne Geld, Arbeit und Plan.

          Öfter bei Treffen einer Spielsucht-Selbsthilfegruppe

          Jahre später vermittelte ihm sein Vater einen Job in der Spielbank, in der er selbst und auch der kleine Bruder arbeiten. Der Angeklagte fing dort an und arbeitete sich hoch. In dieser Zeit, sagt er, spielte er nur noch ab und zu. Er ging regelmäßig zu Treffen einer Spielsucht-Selbsthilfegruppe. Doch er hatte immer noch Schulden, und die Automaten ließen ihm keine Ruhe. Als er bei seinem Arbeitgeber Assistent der kaufmännischen Leitung wurde und plötzlich sah, dass mancher Gast mit kleinem Einsatz eine Viertelmillion gewann, konnte er dem Reiz nicht mehr widerstehen. 2018 und 2019 fuhr er nahezu täglich in eine Spielbank nach Wiesbaden. Die Folgen wurden immer verheerender. Einmal hob er sein gesamtes Gehalt ab, ohne es zu realisieren, und verspielte es. Er musste sich Geld von Familie und Freunden leihen, konnte nicht mal mehr einkaufen gehen. „Ich habe mich immer weiter ins Minus getrieben, bin aber immer weiter spielen gegangen weil ich dachte, am Anfang habe ich ja auch mal was gewonnen.“

          So kam 2018 der Tag, an dem er zum ersten Mal Devisen an sich nahm, die Gäste zum Spielen umgetauscht hatten. Sein Plan: Die Fremdwährung in Frankfurt am Hauptbahnhof umtauschen, in eine Spielbank fahren, Gewinn machen, damit einen Teil seiner Schulden begleichen und die weggenommene Summe zurück zum Arbeitgeber zu bringen. Doch er verlor. „So fing der Teufelskreis an.“ Immer wieder probierte er die gleiche Strategie. Nahm mehr und mehr an sich, nach den Devisen von 2019 an nur noch Bargeld aus dem Tresor.

          Gleichzeitig an mehreren Automaten gezockt

          Seine Spielsucht wurde schlimmer und die Beträge wuchsen. Alles, was er stahl, trug er direkt in die Spielbank, saß gleichzeitig an mehreren Automaten. Manchmal gewann er, sogar große Summen, aber nie blieb etwas für lange. Der Angeklagte dachte sich Ausreden aus um seiner Freundin zu erklären, warum er ständig weg war. In seinem Kopf saß er immer schon am nächsten Automaten. Die Bauchschmerzen, die er beim ersten Griff in die Kasse gehabt hatte, waren bald kleiner als die Not, in die er sich gebracht hatte.

          Er wusste nicht, dass sein Arbeitgeber schon drei Monate vor seiner Festnahme Anzeige gegen ihn erstattet hatte. Erst im April, als die gestohlene Bargeld-Summe bei 1,5 Millionen lag, war es für ihn vorbei.

          Für den Prozess sind vier weitere Tage angesetzt, aber das Gericht wird wohl angesichts der umfassenden Angaben nicht alle brauchen. Die Richter haben sich mit Blick auf die hohe Aussagebereitschaft mit Staatsanwaltschaft und Verteidigung auf einen Strafrahmen geeinigt: Der Bad Homburger soll zu einer Freiheitsstrafe nicht unter zwei Jahren und zehn Monaten und nicht über drei Jahren und zehn Monaten verurteilt werden.

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