https://www.faz.net/-gzg-9tahb

Mehr Sozialbestattungen : Statt der Hinterbliebenen zahlen zunehmend die Kommunen

  • Aktualisiert am

Bestattungspflicht: Kann ein Verstorbener oder die Angehörigen eine Beisetzung nicht bezahlen, muss die Kommune für die Kosten aufkommen. Bild: dpa

Bestattungen sind teuer. Wenn der Verstorbene nichts zurückgelegt hat und die Hinterbliebenen nicht zahlen können, müssen die Kommunen für die Kosten aufkommen. Das ist in Hessen immer öfter der Fall.

          2 Min.

          Trauerfeiern und Bestattungen sind zum Abschiednehmen da. Doch was ist, wenn keiner zum Abschied nehmen kommen kann? Oder Hinterbliebene ein meist mehrere tausend Euro teures Begräbnis nicht zahlen können? „Ich stand auch schon alleine am Sarg“, sagt der Pfarrer und Sprecher der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN), Martin Reinel. Da waren vielleicht Sarg- oder ein Urnenträger – Trauergäste Fehlanzeige. „Das ist ganz schlicht, ganz schwierig.“ Es könne auch passieren, dass einfach nur eine Urne eingelassen werde, eine kurze Verbeugung und dann: Ende der Zeremonie. „Das ist eine sehr traurige Angelegenheit.“

          In Deutschland gibt es eine Bestattungspflicht. Kann aus dem Vermögen Verstorbener oder deren Angehöriger eine Beisetzung nicht voll oder nur teilweise bezahlt werden, muss der Staat zahlen. Die Zahl sogenannter Sozialbestattungen ist in Hessen im vergangenen Jahr gestiegen. 2018 gab es landesweit nach Angaben des hessischen Sozialministeriums 1357 solcher Beisetzungen. Im Jahr zuvor waren es noch 1082. Hauptgrund sei, dass Erben über zu wenig Mittel verfügen, um die Kosten zu übernehmen, sagt Ministeriumssprecherin Alice Engel.

          Hessen entgegen dem Bundestrend

          Auch die Zahl der Menschen, die die Bestattungskosten oder zumindest Zuschüsse erhalten haben ist in Hessen dem Statistischen Bundesamt zufolge gestiegen - entgegen dem Bundestrend. 1712 Angehörige Verstorbener erhielten 2018 Geld von den Kommunen, wenn die eigenen Mittel nicht reichten. Insgesamt waren das rund 4,5 Millionen Euro. Im Jahr zuvor waren es 1626 Menschen und rund 100.000 Euro weniger. Von 2010 bis 2018 stiegen die Zuschüsse aus den kommunalen Kassen in Hessen, wenn auch nicht kontinuierlich, von rund 3,8 Millionen um etwa 700.000 Euro an. Bundesweit nahmen sie im gleichen Zeitraum von gut 57 Millionen auf rund 53,7 Millionen Euro ab.

          Bei durchschnittlich 3,7 Bestattungen in Hessen täglich können Angehörige oder Erben die Kosten nicht voll aus eigener Tasche zahlen, oder die Toten haben keine Verwandten und auch kein Geld mehr auf dem Konto. „Im bundesweiten Durchschnitt kostet eine Bestattung 6500 Euro“, sagt der Vorsitzende des hessischen Bestatterverbandes Dominik Kracheletz. Die Spaltung zwischen Arm und Reich werde immer größer. Derzeit gebe es zwar eine niedrige Arbeitslosigkeit, doch würden Sozialbestattungen zunehmen, glaubt er.

          Kein Geld für Trauerfeier oder Blumenschmuck

          Bestattungsrecht ist Landessache, und nach dem hessischen Recht seien Kinder in der Pflicht, auch wenn sie ein Erbe ausschlagen. Gebe es drei Kinder in der Familie und zwei könnten aufgrund von Schulden oder Arbeitslosigkeit nicht zahlen, müsse das Dritte für die Gesamtkosten aufkommen. Manchmal gebe es Verwandte, die aber nicht mehr gefunden werden könnten. Der Staat zahlt erst, wenn alle anderen Möglichkeiten ausgeschöpft sind. „Eine Sozialbestattung kostet im Schnitt 4600 Euro“, sagt Kracheletz.

          Das sei dann aber nur für ein „kleines Namensgrab“. Bezahlt würde dann ein einfacher Einäscherungssarg, Decke, Kissen, die Überführung zum Krematorium, die Benutzung der Kapelle und Beisetzungsgebühren. Geld für eine anschließende Trauerfeier oder für Blumenschmuck gebe es nicht.

          Bis 2004 gab es das Sterbegeld. Damals zahlten die gesetzlichen Krankenkassen beim Tod eines Versicherten die Gelder aus, damit Angehörige die Beisetzung bezahlen konnten. Das Sterbegeld wurde dann aber als Leistung abgeschafft.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Joe Biden und der Klimagipfel : Die beste Klimapolitik ist global

          Seit 30 Jahren wird mit ambitionierten Politiken auf Staatenebene der Eindruck vermittelt, man verzeichne Fortschritte im Kampf gegen die Klimaerwärmung. Diese Suggestion gelingt nur, wenn man die entscheidende Kennziffer vernachlässigt.

          Astra-Zeneca-Ablehnung : Zweifel macht wählerisch

          Der Astra-Zeneca-Impfstoff wird für Menschen über 60 empfohlen. Doch die wollen ihn oft nicht haben und bemühen sich lieber um Impfstoffe von Biontech oder Moderna. Haben die Jüngeren deshalb das Nachsehen?
          Boris Johnson am Mittwoch im Unterhaus

          Johnsons Pläne : Kommt die Covid-Pille?

          Der britische Premierminister will den Bürgern mit Hilfe von Impfpässen das Reisen erleichtern. Von Herbst an soll es darüber hinaus eine Pille gegen die Covid-Infektion geben.
          Der Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki spricht während einer ökumenischen Andacht in Düsseldorf am 20. Februar 2021.

          Kirche und Missbrauch : In Woelkis Schatten

          Beim Thema sexueller Missbrauch in der katholischen Kirche ging es zuletzt nur noch um Kardinal Woelki und das Erzbistum Köln. Wie gehen andere Bistümer mit Missbrauchsgutachten und Betroffenen um?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.