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„Rom lebt!“ : Ein Selfie aus dem zweiten Jahrhundert

Dem Legionär ist nichts zu schwer: Römische Soldaten werden im Saalburgmuseum zum Fotomotiv Bild: Wonge Bergmann

In der Saalburg kann jeder zum Römer werden und einen Legionärstrupp anführen oder einen Tiger bändigen. Das Beweisfoto davon ist ausdrücklich erwünscht.

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          Nehmen Sie eine typische museale Körperhaltung ein: Diese Aufforderung löst heute ein anderes Bewegungsmuster aus als noch vor zehn Jahren. Traditionell beugt sich der Besucher zu einem Ausstellungsstück herab oder nähert sich in leichter Vorlage mit der Nase einer Vitrine. „Aber auch wir beobachten unsere Besucher“, sagt Saalburg-Direktor Carsten Amrhein. Und die verhalten sich inzwischen gänzlich anders, wenn sie vor einem interessanten Exponat stehen. Sie drehen den Oberkörper nach hinten, strecken einen Arm aus und lächeln für ein Foto in ihr Handy: ich und Kaiser Augustus. Die aktuelle Sonderausstellung des Saalburgmuseums mit dem Titel „Rom lebt! ... und wir mittendrin!“ ist die konsequente Antwort auf die Generation Selfie. Das Besucherfoto wird zum Prinzip.

          Bernhard Biener
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          19 lebensgroße Bilder mit Alltagsszenen aus dem Leben zu römischer Zeit sind bis 28. Oktober in der Fabrica auf dem Gelände des wiederaufgebauten Römerkastells zu sehen. Auf jedem der naturalistischen Gemälde ist eine Leerstelle zu erkennen: Die Kette des Tigers, der in der Arena auf einen Kämpfer zuspringt, schwebt in der Luft. Ebenso wie der Geldbeutel am Marktstand, aus dem Münzen in die Hand der Händlerin fallen. Oder die Zange vor dem Mund des armen Patienten, der von einem Zahnarzthelfer bei der Dentalextraktion mit kräftigen Armen von hinten fixiert wird. Die Besucher sind aufgefordert, die jeweilige Szene zu ergänzen. Sie sollen sich direkt vor das Bild stellen und mit ausgestreckten Armen zum Zahnarzt werden, zum Einkäufer auf dem Markt oder zum Gehilfen der Militärmusiker, vor denen eine „tuba“ darauf wartet, dass jemand so tut, als bliese er in das Instrument.

          Phantasie keine Grenzen gesetzt

          „Wir haben uns für jedes Bild eine typische Aktion ausgedacht, die Besucher nachstellen können“, sagte bei der Vorstellung der Schau Maren Allmers, die mit Karsten Stingl von einer Königsteiner Agentur das Projekt „Tricture“ bildet, eine Mischung aus den englischen Wörtern für Kunststück und Bild. Dass aber der Phantasie keine Grenzen gesetzt sind, haben schon Besucher im Museum zur Varusschlacht in Kalkriese und im Kelten-Römer-Museum Manching bewiesen, wo die Schau bisher zu sehen war. Allmers selbst hat zum Beispiel entdeckt, dass sich der Anführer eines Legionärstrupps prima zum Küssen eignet. Dabei ist eigentlich eine Standarte aufgemalt, die jemand in die Hand nehmen könnte. Die lustigsten Ideen der Saalburg-Besucher können bis 30. September als Bilddatei über die Internetseite www.saalburgmuseum.de oder die Facebook-Seite des Römerkastells eingereicht werden, um an einem Gewinnspiel teilzunehmen.

          Der dreidimensionale Effekt der Bilder entsteht durch geschicktes Spiel mit den Schatten und daraus, dass Personen oder Gegenstände oft aus dem Bild herauszutreten scheinen. „Wir haben bei der Ausrichtung der Lampen darauf geachtet, dass die echten Schatten der Besucher der Richtung auf dem Bild folgen“, erläuterte Amrhein. Wobei es der Wirkung wegen ratsam ist, statt eines Selfies lieber eine Begleitung die Aufnahme aus etwas größerer Entfernung machen zu lassen. Die Bilder sind als Auftragsarbeiten tatsächlich in Acrylfarbe gemalt worden, was man fühlen kann. „Wir haben hierfür Künstlergruppen in China und Bayern“, sagte Stingl. Ein Schutzlack sorge dafür, dass die Bilder nicht litten. „Man darf sie ruhig anfassen“, ergänzte Allmers, „aber in den anderen Museen sind die Besucher sehr pfleglich damit umgegangen.“

          Paprika als Farbtupfer?

          Auch wenn die Saalburg schon die dritte Station ist, war sie maßgeblich an der Entstehung beteiligt. „Die Szenen sind wissenschaftlich korrekt“, hob Stingl hervor. „Eine Paprika als Farbtupfer schied zum Beispiel aus, weil es sie damals hierzulande noch nicht gab.“ Der Anspruch von Saalburgdirektor Amrhein ging aber darüber hinaus. Ein Erläuterungstext stellt jede Szene in einen geschichtlichen Zusammenhang. Vor allem aber sind den Bildern jeweils Fundstücke von Saalburg-Grabungen oder Repliken beigestellt. „Wer genau hinschaut, entdeckt sie dort wieder.“ Eine echte Kanne aus Terra Sigillata zum Beispiel passt zum Gelage. Das Xylospongium hingegen ist erwartungsgemäß eine Nachbildung. Der Stock mit dem Schwämmchen und dem komplizierten Namen war der Vorläufer des Toilettenpapiers. Da die Römer bekanntlich ihren Geschäften auch im Wortsinn am stillen Örtchen nachgingen und Mehrsitzer bevorzugten, lädt auch eine solche Szene dazu ein, sich neben einen Römer an eine Wand zu hocken.

          Wer über diesen spielerischen Zugang zur Antike die Nase rümpft, dem begegnet der Archäologe Amrhein mit dem Hinweis auf die Geschichte. Kaiser Wilhelm II. habe bei der Grundsteinlegung für den Wiederaufbau des Römerkastells als Ziel genannt, die römische Antike in ganzer Breite erlebbar zu machen. „Das ist die Fortsetzung dieser Idee mit anderen Mitteln.“ Und selbst das heutige „Posten“ von Bildern im Netz sei typisch für die Geschichte der Saalburg. Nur waren es keine Selfies, sondern Postkarten, die gerade in der Anfangszeit von der eigens in der Saalburg eingerichteten Poststelle verschickt wurden.

          Die 60.000 Karten im Jahr seien bis etwa 1920 eine wichtige Einnahmequelle des Museums gewesen, sagte Amrhein. Wie heute hätten die Besucher ihre Empfindungen und Erlebnisse in alle Welt verschickt. Die nachgestellten Postkartenszenen mit wilhelminischen Römern und fellbehangenen Germanen hätten lange das Bild der Saalburg geprägt und fänden sich sogar in Schulbüchern und wissenschaftlicher Literatur jener Zeit. Das Ende des Postkarten-Versands kam mit der massenhaften Verbreitung des Kleinbildfilms in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts.

          Inzwischen wird digital geknipst. Wer möchte, kann die dabei entstandenen Bilder übrigens in eine Art analoges Sammelalbum einkleben, das die Szenen und Erläuterungen enthält.

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