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Urteil in Hanau : Lebenslang Gefängnis für tödlichen Messerangriff im Flüchtlingsheim

Landgericht Hanau: Abdiqadir M. hat nach Überzeugung der Richter in einer Flüchtlingsunterkunft einen Mitbewohner mit Messerstichen getötet. Bild: dpa

Nach einer Bluttat in einem Flüchtlingsheim hat das Landgericht Hanau einen 34 Jahre alten Mann zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes verurteilt. Der Mann hatte zuvor bereits schon einmal eine Tat nach gleichem Muster begangen.

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          Das Landgericht Hanau hat einen 34 Jahre alten Somalier zu einer lebenslangen Haftstrafe wegen Mordes verurteilt. Nach Überzeugung der Richter hat Abdiqadir M., der 2013 als Asylbewerber nach Deutschland gekommen war, im Januar in einer Flüchtlingsunterkunft in Großkrotzenburg einen Mitbewohner mit Messerstichen getötet. Nach dem Urteil der Ersten Großen Strafkammer bleibt zudem eine Sicherungsverwahrung nach einer Entlassung aus der Strafhaft vorbehalten. Das bedeutet, der Angeklagte könnte nach Verbüßung der Strafe weiter eingesperrt bleiben, um weitere Gewalttaten zu verhindern.

          Jan Schiefenhövel
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die Richter begründeten den Vorbehalt der Sicherungsverwahrung mit einer hohen Wiederholungsgefahr. Diese nehmen sie an, weil Abdiqadir M. schon einmal eine Tat nach gleichem Muster begangen hatte. Im Jahr 2013 hatte er in einem Flüchtlingsheim in Maintal einen Zimmergenossen ebenfalls mit einem Messer angegriffen und lebensgefährlich verletzt. Dafür wurde er 2014 vom Landgericht Hanau zu einer Haftstrafe von fünfeinhalb Jahren wegen versuchten Totschlags verurteilt. Die Vorsitzende Richterin, Susanne Wetzel, sagte, an den Angeklagten gewandt, ob die Sicherungsverwaltung tatsächlich angeordnet werde, hänge davon ab, wie er sich in der Haft entwickele. So bleibe ihm noch die Chance, an sich zu arbeiten. Das Urteil entspricht der Forderung der Staatsanwaltschaft. Die Verteidigung hatte ein Urteil nur wegen Totschlags verlangt.

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          Die Bluttat in dem Hanauer Nachbarort Großkrotzenburg war aus einem alltäglichen Anlass heraus begangen worden, wie Wetzel in der Urteilsbegründung berichtete. Nach Worten der Richterin hatte Abdiqadir M. die Dusche nach Benutzung nicht gesäubert, sein Mitbewohner Niaz A., ein 25 Jahre alter Afghane, beschwerte sich darüber. Der Angeklagte sagte zweimal: „Ich werde ihn töten.“ Mit einem Küchenmesser, das er in seinem Zimmer aufbewahrt hatte, stach er dem Jüngeren unter dem Schlüsselbein in die Brust, die 20 Zentimeter lange Klinge verletzt die Lunge und das Herz. Der Angeklagte verfolgte das flüchtende Opfer durch den Flur des Wohnheims und stach an dessen Ende noch mehrmals zu. Die Richterin verweis in ihrer Urteilsbegründung darauf, dass allein schon der erste Stich ins Herz tödlich gewesen war. Der Somalier wurde dann von vier anderen Männern aus dem Heim überwältigt und bis zum Eintreffen der Polizei auf den Boden gedrückt.

          Mit unbedingten Vernichtungswillen vorgegangen

          Dieser Tatablauf sei klar bewiesen, sagte Wetzel. Die Zeugenaussagen der anderen Heimbewohner seien glaubwürdig, und der Angeklagte habe den Messerangriff auch zugegeben. An seiner Absicht, den anderen Mann zu töten, gebe es keinen Zweifel, schon wegen der zweimal ausgesprochenen Ankündigung. Abdiqadir M. sei mit einem unbedingten Vernichtungswillen vorgegangen, das zeige sich darin, dass er das Opfer über den Flur verfolgt habe. Den niedrigen Beweggrund, der nach dem Gesetz Mord von Totschlag unterscheidet, sieht die Kammer nach den Worten der Vorsitzenden in dem „eklatanten Missverhältnis“ zwischen Anlass und Tat. Der Angeklagte habe die Frustration über seine Lebenslage nach Ablehnung seines Asylantrags an dem Mitbewohner abreagiert. Seine Wesensart nannte Wetzel egozentrisch. Schon vorher habe er sich nicht an die Regeln des Zusammenlebens gehalten und Küche und Waschraum unordentlich hinterlassen.

          Die Richter sehen bei Abdiqadir M. keine seelische Krankheit, die seine Schuldfähigkeit einschränken könnte. Allerdings stellen sie, wie schon der psychiatrische Gutachter während des Prozesses, eine Persönlichkeitsveränderung fest. Zur Folge habe diese eine feindselige Haltung, den sozialen Rückzug und das Gefühl, bedroht zu sein. Dieses Verhalten führen die Richter auf Erlebnisse beim Aufwachsen im Bürgerkrieg in Somalia und auf der jahrelangen Flucht zurück, auch wenn sie über die Lebensgeschichte vor dem Eintreffen in Deutschland wenig wissen.

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