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Forschungsprojekt „Shelter“ : Digital gegen sexuelle Gewalt

„Shelter“ ist vor allem für Erwachsene gedacht, die seit ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlitten haben. Bild: dpa

Ein Hochschulprojekt will Opfern sexueller Gewalt eine Stimme geben. Dabei sollen sie neue Möglichkeiten bekommen, ihre Geschichten zu erzählen – und zwar digital.

          2 Min.

          Mit Opfern sexueller Gewalt sprechen statt nur über sie – das ist der Zweck des Forschungsprojekts „Shelter“. Menschen, die missbraucht wurden, „sollen ihre Geschichten selbst erzählen können, im Originalton“, sagt Heidrun Schulze, Professorin am Fachbereich Sozialwesen der Hochschule Rhein-Main. Die beteiligten Wissenschaftler greifen dabei den Wunsch von Betroffenen nach alltagsbezogenen Hilfsangeboten auf. Hierfür sollen Schutz-, Begegnungs- und Beratungsräume entwickelt werden – auch unter Nutzung der neuen Medien.

          Johanna Christner
          Redakteurin im Ressort „Deutschland und die Welt“.

          „Wir möchten Beratungsräume nicht aus dem klassischen therapeutischen Setting ins Digitale kopieren, sondern sehen in letzterem eine Möglichkeit zur Erweiterung“, erklärt Susanne Lang, Professorin für Sozialwesen an der Hochschule Mannheim, die für das Projekt mit der Wiesbadener Hochschule kooperiert.

          Rund 13 Prozent der in Deutschland lebenden Frauen über 15 Jahren sind laut Bundesfamilienministerium in ihrem Leben schon Opfer einer Sexualstraftat geworden. Experten gehen allerdings von einer hohen Dunkelziffer aus: Studienergebnisse weisen darauf hin, dass deutlich weniger als zehn Prozent aller sexuellen Übergriffe den Behörden gemeldet werden.

          Betroffene sollen das Konzept selbst erarbeiten

          „Shelter“ soll den Betroffenen die Möglichkeit bieten, ihre Geschichte zu erzählen – wie sie das tun wollen, sollen sie selbst erarbeiten. „Sie sollen diejenigen sein, die uns beraten: Welche digitalen Räume wollen sie nutzen und mit welchen Technologien wollen sie dabei arbeiten?“, erläutert Schulze. Eine Festlegung auf bestimmte Medien gebe es bisher nicht, denn das Projekt stehe noch am Anfang.

          Innerhalb eines Jahres will „Shelter“ nun eine zwölfköpfige Betroffenengruppe zusammenstellen, die „Life experience advisory group“, mit der das Konzept erarbeitet werden soll. „Neben der Vorbereitung liegt unsere Hauptaufgabe darin, eine vertrauensvolle Annäherung zu den Betroffenen zu schaffen“, sagt Heidrun Schulze. Sozialwissenschaftler und Informatiker beider Hochschulen werden in dem Projekt zusammenarbeiten, eine Sozialpädagogin in Mannheim soll zudem ein regionales Netzwerk von Betroffenen aufbauen – auch mit Hilfe der Sozialen Medien.

          Mit Chaträumen, Podcasts und Avataren

          Die Hochschulen in Wiesbaden und Mannheim kooperieren zudem mit Fachberatungsstellen, Selbsthilfeorganisationen und Betroffenengruppen. Viele dieser Organisationen arbeiten schon mit digitalen Medien wie Podcasts und digitalen Filmen. Die dabei gewonnenen Erfahrungswerte werden ebenfalls in das Projekt „Shelter“ miteinbezogen. Die technischen Möglichkeiten, die für das Vorhaben genutzt werden könnten, sind vielfältig. Susanne Lang hält etwa audiovisuelle Podcasts, Chaträume und auch die Schaffung von virtuellen Identitäten für denkbar. Inspiration ziehen die Forscher beispielsweise aus der Gaming-Szene: „Wir wissen aus Computerspielen, dass eine Identifikation der Spieler mit dem Avatar stattfindet“, sagt Lang, die auf Medienpädagogik spezialisiert ist. „Sich virtuell entwickeln, neu entwickeln und neu ausprobieren – das könnte auch für unser Vorhaben sehr fruchtbar und gewinnbringend sein.“

          Dass Menschen sich im Internet eine erweiterte Identität erschaffen, beobachtet Lang auch in den Sozialen Medien – und hält dies für einen möglichen Ansatz, auf den „Shelter“ zurückgreifen kann. „Die aktuellen Entwicklungen in den Sozialen Medien sind im Bezug auf das Erzählen der eigenen Geschichte sehr spannend“, meint die Forscherin.

          Das Projekt, das für vier Jahre mit knapp einer Million Euro durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert wird, ist vor allem für Erwachsene gedacht, die seit ihrer Kindheit sexuelle Gewalt erlitten haben. „Fachberatungsstellen richten sich überwiegend an jüngere Personengruppen“, bemängelt Susanne Lang. Für Erwachsene hingegen, die über Jahrzehnte hinweg sexualisierte Gewalt erlebt hätten, gebe es zu wenige angemessene Therapieangebote, und sie müssten lange auf eine Behandlung warten. Zudem würden sie oft nicht ernstgenommen.

          Allerdings soll „Shelter“ die Teilnehmer auch nicht ausschließlich auf das Leid fixieren, das ihnen widerfahren ist. „Wenn Menschen immerzu auf ihren Opferstatus reduziert werden, werden sie ein zweites Mal zum Objekt gemacht“, sagt Heidrun Schulze. „Zum Objekt der Täter.“

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