https://www.faz.net/-gzg-9t0yz

Prozess um toten Jungen : „Sexuelle Energie für Gottes gute Seite“

Mordprozess: Die mutmaßliche Sekten-Chefin im Gericht neben ihrem Anwalt Bild: dpa

Wegen des Todes eines Jungen in Hanau vor 31 Jahren steht in Hanau eine mutmaßliche Sekten-Chefin vor Gericht. In dem Mordprozess kommen absurde Facetten ans Licht.

          2 Min.

          Im Jahr 1984 brach eine Gruppe von Menschen in Hanau auf, um sich vor einem angeblichen Einmarsch der Russen nach Deutschland in Sicherheit zu bringen. Die Familien setzten sich in ihre Autos und fuhren in Richtung Süden, nach Frankreich oder nach Spanien. Nach zwei bis drei Wochen kamen sie wieder nach Hause. Natürlich waren dort keine russischen Soldaten, und es sollten auch keine mehr kommen. Trotz dieser absurden Aktion keimten bei den Gruppenmitgliedern offenbar keine Zweifel an der Frau auf, die die überstürzte Flucht in Gang gesetzt hatte, denn schließlich besaß sie einen direkten Draht zu Gott und hatte die besondere Gabe, seine Botschaften richtig zu interpretieren.

          Luise Glaser-Lotz

          Korrespondentin der Rhein-Main-Zeitung für den Main-Kinzig-Kreis.

          Dass das in diesem Fall nicht funktioniert hatte, störte damals offenbar niemanden sonderlich, denn bis heute scheint die inzwischen 72 Jahre alte Sylvia D. die treibende Kraft der sektenartigen Gemeinschaft zu sein, die in ihrem Einfamilienhaus in der Hanauer Weststadt ihren Treffpunkt hat. Das könnte in absehbarer Zeit ein Ende haben, denn Sylvia D. muss sich vor dem Hanauer Landgericht wegen der mutmaßlichen Ermordung des vier Jahre alten Jan H. an einem heißen Augusttag des Jahres 1988 verantworten.

          Qualvoller Tod auf einer Matratze

          Bewahrheitet sich die Anschuldigung der Staatsanwaltschaft, dass sie das Kind in ihrer Obhut mit voller Absicht einen qualvollen Tod auf einer Matratze in ihrem Badezimmer hat sterben lassen, dann droht ihr eine lange Haftstrafe. Mit den regelmäßigen Gruppentreffen in ihrem Haus wäre es vorbei.

          Auf den ersten Blick hat die Flucht vor den Russen nicht viel mit dem Tod des Jungen zu tun. Doch sie zählt zu einer Reihe von Absonderlichkeiten und teilweise abstoßenden Ritualen, die in der Gemeinschaft offenbar an der Tagesordnung waren und die vor allem von Sylvia D. ausgegangen sind. Um ihre Persönlichkeit und ihren Einfluss auf die Gruppe, der auch mehrere Kinder angehörten, auszuloten, gehen Gericht und Staatsanwaltschaft anhand von sichergestellten Briefen, Tagebucheinträgen und weiteren Unterlagen weit in die Vergangenheit zurück. Weil die Angeklagte selbst keinen Ton von sich gibt, wurden bisher vor allem die beiden Personen intensiv befragt, die Sylvia D. und ihrem verstorbenen Mann, dem früheren Pastor Walter D., am nächsten stehen. Das sind ausgerechnet die Eltern des gestorbenen Kindes, die Diplom-Biologin Claudia H. und ihr Mann, der Diplom-Ingenieur Helmut H. Sie sind keine Belastungszeugen, davon sind noch einige bei den kommenden Verhandlungsterminen zu erwarten.

          „Überirdisches Wesen voller Mitgefühl“

          Das Ehepaar H. ist nach wie vor mit Sylvia D. eng befreundet und beschreibt sie als selbstloses, überirdisches Wesen voller Mitgefühl und Verständnis für ihre Mitmenschen und vor allem für die ihr anvertrauten Kinder anderer Gruppenmitglieder. Gleichwohl werfen die nach intensiven Nachfragen getanen Äußerungen kein gutes Licht auf die Angeklagte. Schon von Kindesbeinen an habe sich Sylvia D. intensiv mit dem „Alten“ oder „Alterchen“, so nennt sie Gott, befasst. Ihr Anliegen sei es vor allem, den Menschen klarzumachen, dass Gott zwei Seiten besitze, eine gute und eine dunkle, berichteten beide Zeugen.

          Er wirke durch die Menschen, die sich stets zwischen Gut und Böse zu entscheiden hätten. Das gelte auch für kleine Kinder, ja sogar für ein Ungeborenes im Mutterleib. Als „Geschenk“ für ihre intensive Auseinandersetzung habe ihr Gott Briefe geschickt. Diese habe ihr Mann als Medium aufgeschrieben. Nur Sylvia D. sei in der Lage gewesen, diese Briefe mit „Bildern“ und „starken Gedanken“ richtig zu interpretieren. Darin seien auch Aussagen über Gruppenmitglieder gemacht worden. Sylvia D. habe diese dann darüber informiert.

          Ob sich daraus „Handlungsempfehlungen“ der mutmaßlichen Sektenchefin ergaben, lässt sich bisher nur vermuten. Wie wahrscheinlich das gewesen sein dürfte, zeigte sich gestern allerdings bei der Erörterung des heiklen Kapitels der in der Gruppe als „Energiezeiten“ bezeichneten sexuellen Kontakte zwischen Walter D. und weiblichen Mitgliedern. Die „Energiezeiten“ dienten nach den Worten von Claudia H. dazu, sexuelle Energie zu erzeugen, um die positive Seite Gottes zu stärken. So habe man Schlimmes für die Welt abwenden wollen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Maske auf! Clemens Wendtner rät zum Mund-Nasen-Schutz.

          Infektiologe Clemens Wendtner : „Die zweite Welle ist da“

          Chefarzt Clemens Wendtner hat im Januar in München die ersten Corona-Patienten in Deutschland behandelt. Im Interview spricht er über Laxheit, Lüftungsanlagen – und warum die Jugend für die Eindämmung der Pandemie so wichtig ist.
           Unsere Autorin: Jessica von Blazekovic

          F.A.Z.-Newsletter : In München ist die Party vorbei

          München erlässt eine Maskenpflicht in der Fußgängerzone und die EU-Kommission will Kryptowährungen regulieren. Was sonst noch wichtig ist, erfahren Sie im Newsletter für Deutschland.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.