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Service-Konzern Ille : Punkten mit Papiertüchern und schwarzen Klobürsten

Ille-Seniorchef Wilhelm Blatz im Lager in Altenstadt mit Paletten voller Papierhandtücher und anderen Hygieneartikeln Bild: Privat

Ille aus der Wetterau versorgt europaweit 26.000 Gaststätten und Hotels mit Papierhandtüchern, Seife und anderer Hygieneware. Seit neuestem zählen auch Lebensmittelhersteller zu den Kunden des Mittelständlers, der einst in einem Keller anfing.

          Wie gut, dass Willi Blatz nicht auf seinen Bruder gehört hat. „Lass’ die Finger davon“, lautete kurz und bündig dessen Rat angesichts der Idee von Blatz, sich mit Bettwäsche und Aussteuerware selbständig zu machen. Viereinhalb Jahrzehnte liegt das nun zurück – und aus dem wagemutigen Gründer von einst ist ein gestandener Mittelständler mit Stammsitz in der Wetterau, neun Tochterfirmen im Ausland, einem Umsatz von rund 40 Millionen Euro im Jahr und 329 Mitarbeitern geworden. Selbst im Rezessionsjahr 2009 ist die von ihm und seiner Tochter Marion Gottschalk geführte Ille GmbH in Altenstadt weiter gewachsen. Aber nicht mit Aussteuerware: Geld verdient das Unternehmen vielmehr längst mit Hygieneprodukten für Waschräume und Bäder in Hotels und Gaststätten per Service-Abonnement. Zudem beliefert Ille Lebensmittelhersteller.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Wilhelm Blatz und seine Frau Helmtraud fingen 1965 so an wie Bill Gates ein Jahrzehnt später: klein. Im Gegensatz zu dem Gründer des Software-Giganten Microsoft legten sie den Grundstein für ihr Geschäft aber nicht in einer Garage, sondern einem Keller in Bruchköbel. Rückblickend meint Blatz: „Wir sind erfolgreich geworden, weil wir mit kleinen Dosen angefangen haben. Die ersten vier Pakete mit Bettwäsche wurden im Kinderwagen zur Post gebracht.“ Und anders als so mancher Gründer heutzutage, haben er und seine Frau anfangs auch nicht alles haarfein durchgeplant, wie er sagt.

          „Wir hatten Null Ahnung vom Geschäft“

          So kamen sie auch eher durch Zufall zum Handtuchautomaten-Service, der den Kern des heutigen Geschäfts bildet. Zuvor hatte das Ehepaar mit dem Versuch, Tischwäsche in der Gastronomie zu vertreiben, Schiffbruch erlitten. Statt mit Aufträgen kam sein Außendienstler mit der Nachricht zurück: „Ich werde ständig nach Handtuchautomaten gefragt.“ Wie dieses Geschäft funktioniert, wusste das Ehepaar nicht. „Wir hatten Null Ahnung vom Geschäft“, erzählt der Seniorchef mit einem Lachen. Wie es ging, erfuhr er dann ausgerechnet von einem Mitarbeiter des Konkurrenten CWS, wie Blatz weiter berichtet. Handtücher würden vermietet und nicht verkauft, habe ihm der Vertreter erläutert – „das war die Basis“.

          Bei einem Automatenvertreter besorgte er sich 38 Handtuchautomaten und bei einem Wirt einen Servicevertrag von der Konkurrenz. „Ruckzuck hatte ich die Geräte an der Wand“ – also Kunden in der Gastronomie gewonnen. Woraufhin aber ein neues Problem folgte: Wer wäscht die schmutzigen Handtücher? Aus Mangel an einem vernünftigen Angebot legten die Jungunternehmer die Schmutzwäsche anfangs zur Seite und schickten ihren Kunden neu gekaufte Handtücher, bis sich eine geeignete Wäscherei in Langenselbold fand. Rund 30 Mark hat eine Handtuchrolle damals, Anfang der Siebziger, gekostet. „Das war viel Geld – und wenn der Kunde zwei geliefert bekommen hat, brauchten wir vier.“ Schließlich mussten zwei gereinigt werden, während die beiden anderen in Gebrauch waren. Ille musste mithin stets in Vorleistung treten, bevor etwas in die Kasse kam.

          25.000 Tonnen Hygienepapiertücher

          Der Grundsatz „Investition kommt vor Umsatz“ gilt nach wie vor. Textilhandtücher gehören aber seit 1987 der Vergangenheit an. Seinerzeit stellte das Unternehmen auf Papiertücher um und heißt Ille Papier-Service GmbH statt Ille Service GmbH. Allein in neue Geräte steckt das Unternehmen nach den Worten von Gottschalk jährlich drei bis vier Millionen Euro. Und wenn es eine Auslandsgesellschaft gründet, „sind wir vier Jahre im Minus“. Der Familienkonzern kann aber auf eine im Vergleich zu den Anfangsjahren erheblich größere Zahl an Kunden zählen. 26.000 Gaststätten und Hotels in Deutschland und neun Ländern in Europa beliefert Ille mit Produkten; rund 150 Basisartikel in verschiedenen Varianten umfasst das Angebot. Darunter finden sich auch mit Werbung bedruckte Papierhandtücher. Blatz schreibt diesen Produkten zu, monatlich für 20 Millionen Kontakte zu sorgen. Vor wenigen Tagen erst hat Wilhelm Blatz einen Servicevertrag mit einem Quedlinburger Hotel, das bisher nicht entsprechend versorgt war, abgeschlossen. Getreu seines Mottos: „Ich komme von einer Dienstreise ungern ohne Abschluss nach Hause.“

          25.000 Tonnen Hygienepapiertücher schlägt Ille innerhalb von zwölf Monaten nach eigenen Angaben um. Geliefert wird die Ware aus Italien von Fabrikanten, mit denen das Altenstädter Unternehmen seit Jahrzehnten zusammenarbeitet. Die Geräte entwickelt Ille selbst, lässt sie aber in Lohnproduktion in Deutschland fertigen. Geht ein Gerät bei einem Kunden kaputt, wird es ausgetauscht – „unentgeltlich“, wie Gottschalk hervorhebt. Dies gelte auch dann, wenn etwa eine Diskothek in kurzer Abfolge zwei Stück einbüße, fügt ihr Vater hinzu. Ille kommt dabei über die Servicegebühr auf seine Kosten. Der Kunde zahlt so etwas wie eine Flatrate – was darüber hinaus geht, wird extra abgegolten.

          Kunden als Ideengeber

          Die Kunden sind es auch, die das Unternehmen im Zweifelsfall auf neue Produktideen bringen. So geht der austauschbare Kopf einer Toilettenbürste mit schwarzen Borsten auf die Gastronomie zurück. Das Gleiche gilt für einen Zahnputzbecher aus transparentem Kunststoff zum Wegwerfen, so wie man sie von Trinkwasserautomaten in Arztpraxen oder Drogeriemärkten her kennt. Abfalleimer an der Wand abzubringen statt auf den Boden zu stellen, dies geht wiederum auf einen ehemaligen Hausmeister des Hessischen Rundfunks zurück, wie Blatz sagt. Der Vorteil dieses zu Beginn des Jahrzehnts auf den Markt gebrachten Produkts: Die Putzfrauen stoßen beim Reinemachen nicht an ein Hindernis und kommen erst gar nicht in die Versuchung, drumherum zu wischen. „So etwas hatte seinerzeit niemand, doch mittlerweile ist es kopiert.“

          Vergleichsweise neu am Markt tritt Ille in der Lebensmittelindustrie auf – mit Handtuchautomaten und Seifenspendern ohne Schlüssel. Das Kalkül: Bei diesen Produkten muss niemand dokumentieren, wo sich der Schlüssel befindet. Und schon gar nicht die etwaige Frage klären, ob er womöglich in der Wurst oder im Brotteig steckt.

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