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: Semper-Euros und schwere Geldstücke für Malawi

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Die Münze der Republik Malawi mit einem Nennwert von 100 Kwacha, so die Landeswährung, die ihr Schöpfer Michael Otto in den Händen hält, ist schon eine gewichtige Sache. Drei fast lebendig wirkende Elefanten tummeln sich auf der Rückseite des silbernen Geldstücks in der Savanne.

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          Die Münze der Republik Malawi mit einem Nennwert von 100 Kwacha, so die Landeswährung, die ihr Schöpfer Michael Otto in den Händen hält, ist schon eine gewichtige Sache. Drei fast lebendig wirkende Elefanten tummeln sich auf der Rückseite des silbernen Geldstücks in der Savanne. Da muß natürlich auch die Münze entsprechend dimensioniert sein. Ein Kilogramm Feinsilber bringt sie auf die Waage und paßt natürlich in kein Portemonnaie.

          Der in dem Dorf Oberrodenbach lebende 37 Jahre alte Graveur und Lehrer an der Zeichenakademie Hanau ist ein gefragter Gestalter von Münzen und Medaillen in aller Welt. Für mehr als 35 Länder hat er Zahlungsmittel entworfen, die dann in Gold, Silber und anderen Metallen geprägt worden sind. Eine Sondermünze der Mongolei wurde sogar mit einem Diamanten verziert. Der Edelstein funkelt als Auge eines sibirischen Tigers. Für die Niue-Inseln, von denen er vor dem Auftrag nie etwas gehört hatte, hat Otto eine Serie von siebeneckigen Geldstücken mit Fischen und anderem Meeresgetier als Motiven kreiert, die sich zu einem Unterwasserpanorama zusammensetzen lassen. 25-Dollar-Stücke für die Fiji-Inseln zeigen Segler. Entdeckerschiffe, bedrohte Tierwelt - eine grüne Mamba für Papua-Neuguinea -, Piratengeschichten von den Brüdern Barbarossa, die von Lesbos aus das Mittelmeer unsicher machten, und vieles mehr zaubert Otto auf die kleinen und manchmal auch größeren Metallscheiben.

          Die meisten Geldstücke bekommen die Bürger in den Ländern, die sie herausgeben, nie zu Gesicht, obwohl es sich um offizielle Zahlungsmittel handelt. In der Regel verschwinden sie, eingeschweißt in Plastikhüllen oder gebettet auf winzigen Seidenkissen in kleinen Schatullen, in den Truhen und Alben der Numismatiker in wohlhabenden Ländern, auf deren Geldbeutel exotische Staaten mit solchen Editionen meist zielen. Für den Vertrieb sorgen große Münzhandelsgesellschaften in aller Welt, die häufig auch die Länder motivieren, Sondermünzen zu bestimmten Anlässen produzieren zu lassen.

          Aber auch, wer in diesen Tagen an unseren Bankschaltern die jüngste deutsche Zehn-Euro-Gedenkmünze erwirbt, bekommt ein Exemplar, das in Ottos Oberrodenbacher Werkstatt entstanden ist und mit dem man in ganz Euroland einkaufen kann. Otto hat zwar Dresden selbst noch nicht gesehen, aber auch ohne diesen Eindruck hat er für die Sondermünze zum 200.Geburtstag des Baumeisters Gottfried Semper im bundesweiten Wettbewerb mit seinem Entwurf so viel Einfühlungsvermögen bewiesen, daß die Jury ihn auf den ersten Platz setzte und er verwirklicht wurde. In einer Auflage von 2,4 Millionen Exemplaren ist die Sondermünze geprägt worden. Otto ist es gelungen, einen besonders harmonischen Einklang von Bild und Schrift auf Vorder- und Rückseite zu erzeugen. Die Bildseite zeigt den Grundriß des abgebrochenen Königlichen Hoftheaters in Dresden, auf dem die Semper-Oper errichtet wurde, und den Kopf des Baumeisters. Bei der Gestaltung des Bundesadlers mit seinen gespreizten Schwingen, der sich in stets neuer Variante auf der Wertseite aller bundesdeutschen Gedenkmünzen befindet, hat Otto Elemente des Grundrisses, der für das Operngebäude unverändert blieb, aufgegriffen.

          Seine Aufträge aus aller Welt und Erfolge bei Wettbewerben möchte Otto auch für die Zeichenakademie gewinnbringend umsetzen, wo er seit dreieinhalb Jahren unterrichtet. Er strebt an, an dieser ältesten Fachschule für das edelmetallverarbeitende Gewerbe in Europa eine Fachklasse fest zu etablieren, in der wieder die Münz- und Medaillengravur gelehrt wird. Dafür gibt es nach seinen Worten kaum noch Ausbildungsstätten. Nachwuchs sei selten, zumal es einer langen Zeit von etwa zehn Jahren an Ausbildung und Berufsfortbildung bedürfe, bis der Graveur in der Lage sei, ein Porträt für eine Münze zu stechen. Man müsse die Fähigkeiten eines Grafikers, eines Bildhauers und eines Graveurs in sich vereinen und beim Arbeiten auf der Fläche dreidimensional denken können. Dazu gehöre das Können, von Hand mit dem Stichel Schriften und Bildreliefs von der Tiefe eines Millimeters herausarbeiten zu können, die trotzdem eine hohe plastische Wirkung entfalten. Die Zeichenakademie sei besonders geeignet für diese Spezialausbildung, weil sie wesentliche Teile der Ausbildung bereits anbiete.

          Der Entwurf eines Münzmodells beginnt für Otto mit der intensiven Beschäftigung mit dem Thema. Über Semper und seine Bauwerke hat er viel gelesen, sich Bilder und Pläne angeschaut, bevor er die Grundidee zu Papier brachte, zu der er später am Zeichentisch und am Computer die passenden Schriften kreierte. Uraltes Handwerk und hochmoderne Technik fließen hier zusammen, um schließlich in mehreren Schritten, sogar unter der Lupe, ein Gipsmodell zu fertigen, auf dem selbst Feinheiten wie Haare genau zu erkennen sind und das als Basis für den Prägestempel dienen kann.

          Der gebürtige Hanauer ist mit dem Gravieren großgeworden. Vater Herwig ist Graveur, hat selbst viele Wettbewerbe gewonnen. So stammte 1985 die bundesdeutsche Silbergedenkmünze zum Jahr der Musik von ihm. Sohn Michael, der wie der Vater an der Zeichenakademie das Handwerk erlernte, hat zehn Jahre lang mit ihm zusammengearbeitet, bevor er 1999 begann, in eigener Regie an Wettbewerben teilzunehmen, unter anderem fünfmal mit Entwürfen für deutsche Gedenkmünzen. Inzwischen haben bereits die ersten von ihm ausgebildeten Schülerinnen ebenfalls Preise gewonnen. Holger Dell

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