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Semesterbeginn : Zeigestock-Hiebe vom Atombombenfachmann

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Eine der ersten Begriffsdefinitionen, die Barbara Spies auf ihrem Block notiert, ist die folgende: "Lernen umfaßt alle relativ überdauernden Verhaltensänderungen, die aufgrund von Erfahrungen zustande ...

          Eine der ersten Begriffsdefinitionen, die Barbara Spies auf ihrem Block notiert, ist die folgende: "Lernen umfaßt alle relativ überdauernden Verhaltensänderungen, die aufgrund von Erfahrungen zustande kommen." Wie 4000 Kommilitonen, die in diesem Wintersemester ihr Studium an der Universität Mainz begonnen haben, wird die Psychologiestudentin wahrscheinlich im Verlauf der nächsten Jahre Erfahrungen machen, die zu ebensolchen "überdauernden Verhaltensänderungen" führen. Universitätspräsident Jörg Michaelis formuliert es bei der Begrüßung der Erstsemester ein wenig volkstümlicher: "Es ist eine Zeit des Neuanfangs und eine Zeit der Prüfung."

          Nicht wenige der prägenden Erfahrungen machen die Studienanfänger in den ersten Wochen ihrer Universitätskarriere, einige sogar schon, bevor es richtig losgeht. Denn für viele beginnt die Studienzeit mit dem Umzug in eine neue Stadt und mit der oft als mühsam empfundenen Wohnungssuche. "Wir wurden in Gruppen durch die Wohnungen geschleust und durften uns dann auf einer Liste eintragen, auf der schon 30 andere standen", berichtet Barbara Spies. Sie und ihr Freund haben nach ein paar Tagen entnervt aufgegeben und beschlossen, einen Makler zu beauftragen - mit schnellem Erfolg.

          Wer sich diese Art der Wohnungssuche nicht leisten kann, hat es schwer. Mehr als 1000 Namen stehen auf der Warteliste der Studentenwohnheime. Svenja Troßbach ist deshalb gleich bei den Eltern geblieben. "Zu Hause ist Platz, und ich brauche nicht so viel Geld auszugeben", meint die neu eingeschriebene Biologiestudentin aus Wiesbaden. Dafür sitzt sie jeden Morgen mehr als eine Stunde lang im Bus.

          Schon vor Beginn der Vorlesungen fährt sie zur Uni. Die Fachschaft Biologie veranstaltet ein Wochenende für Erstsemester. Sven Zörner, Mitglied der Fachschaft, führt Svenja und ihre Kommilitonen vorbei an der Formaldehyd-Entlüftungsanlage der Mediziner ("hier unten liegen die Leichen"), dem Botanischen Garten, dem Sportgelände und dem Kulturcafe. Eine schöne, bunte Uniwelt ist das, was er da vorführt, und die Erstsemester können sich ihr Leben auf dem Campus in frohen Farben ausmalen: morgens eine kurze Vorlesung, dann nachmittags im Botanischen Garten in der Sonne sitzen, gegen sechs einen Yogakursus besuchen und anschließend bis morgens um fünf im Kulturcafe tanzen.

          Daß der Hochschul-Alltag auch seine unangenehmen Seiten hat, erleben viele dann am Montag der ersten Vorlesungswoche. Für Barbara beginnt das erste Semester damit, daß sie sich auf dem Weg zum Hörsaal verläuft - trotz Campusplan. Glücklicherweise ist die angehende Psychologin schon jetzt eine Menschenkennerin. Sie folgt einfach einem jungen Mann, der aussieht, als studiere er ebenfalls Psychologie: Ihr Instinkt trügt sie nicht. Christian Stauer, der sich für Volkswirtschaftslehre eingeschrieben hat, ist verwirrt, als er das erste Mal die Mensa besucht. Hunger hat er, aber wie kommt man hier überhaupt an sein Essen? Vier verschiedene Theken gibt es, lauter Drehkreuze, und wer zahlen will, kommt mit Geld nicht weit: Hier wird nur die Mensakarte akzeptiert.

          Mit den ersten Veranstaltungen wird auch klar, was das Fach von den Studenten verlangt. Die Vorkenntnisse der Erstsemester aus Schulzeiten sind sehr unterschiedlich. Svenja zum Beispiel hat in der elften Klasse zum letzten Mal ein Chemiebuch in der Hand gehabt. Die erste Begegnung mit ihrem Chemieprofessor bereitet ihr daher wenig Vergnügen. Der kleine Herr mit dem weißen Haar läßt seinen Zeigestock durch die Luft sausen und sticht damit beinahe einem Studenten in der vierten Reihe das Auge aus. Seine etwas verschrobene Art belustigt die Studenten, im Hörsaal macht sich Heiterkeit breit. Auch Svenja lacht über den Gelehrten, der sich, statt seine Folien zu erläutern, zu weitschweifenden Exkursen über die japanische Mentalität und die Geschichte der Atombombe hinreißen läßt. Später aber, als sie draußen im Novemberregen steht, sinkt ihr Mut: "Ich muß am Ende des Semesters eine Klausur in dem Fach schreiben. Im Moment weiß ich nicht, wie das gehen soll."

          Einige erleben aber auch angenehme Überraschungen. Mit mehreren hundert Mitstudenten sitzt Christian Stauer am Dienstag nachmittag in seiner ersten Vorlesung zum Thema "Marketing" und sieht sich einem Dozenten gegenüber, der so gar nicht dem Stereotyp entspricht: Frank Huber ist knapp über dreißig, trägt Jeans und Pullover und hebt sich so kaum von der Masse der Studenten im Hörsaal ab. Das dichte Semesterprogramm, das der Professor vorstellt, schreckt Christian nicht. Er ist ein zielstrebiger Typ: 21 Semesterwochenstunden will er absolvieren, das Vordiplom möchte er möglichst schon nach drei Semestern ablegen. "Ich bin immerhin schon 23", sagt er.

          In der Vorlesung "Einführung in die Allgemeine Psychologie" flackert der Videobeamer. Der Professor hat grellblaue Folien aufgelegt; wenn Barbara Spies ihren Blick von der Wand auf ihre Notizen senkt, sieht sie gelbe Flecken auf dem Papier tanzen. Der Professor spricht langsam, wirft den Namen Pawlow in den Raum, spricht über die Behavioristen und allerlei andere "-isten". Barbara hat sich für Psychologie eingeschrieben, weil sie während ihres Brückenjahrs in Neuseeland unter anderem in einem Zentrum für alternative Medizin und Yoga gearbeitet hat und dort in viele interessante Psychologiebücher hineinlesen konnte. Sie würde gerne zusätzliche Kurse zu alternativen Therapien belegen. Die Ausführungen über das Verhalten von Pawlows Labortieren langweilen sie etwas. "Lernen, überdauernde Verhaltensänderungen, Erfahrungen", vermerkt sie trotzdem geflissentlich auf ihrem gelb flimmernden Block. ANNA SAUERBREY

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