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Seligenstadt : Im Sarkophag Gebeine von Einhard und Imma

  • Aktualisiert am

Wissenschaftler bestätigten jetzt die jahrhundertealte Überlieferung, die die Identität der Stadt seit jeher maßgeblich prägt. Bei den Gebeinen im Einhard-Sarkophag in der Seligenstädter Einhardbasilika handelt es sich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit um die Überreste von Einhard, dem Vertrauten Karls des Großen, und seiner Frau Imma.

          Dieses Ergebnis hat eine gerichtsmedizinische Untersuchung der Gebeine erbracht, die von drei Seligenstädter Institutionen, der Einhard-Stiftung, der Einhard-Arbeitsgemeinschaft und der Ordensbruderschaft vom "Steyffen Löffel zu Seligenstadt", in Auftrag gegeben wurde.

          Daß es sich um die Gebeine von Einhard, dem Gründer der Benediktinerabtei und Erbauer der Basilika, und seiner Frau handele, sei in der Vergangenheit stets "nachgebetet" worden, hob Professor Franz-Friedrich Neubauer, Lausanne, der Vorsitzende des Präsidiums der Einhard-Stiftung, bei der Präsentation der Ergebnisse hervor. Die Überlieferung hätte aber durchaus in Zweifel gezogen werden können. Wäre bei der Untersuchung festgestellt worden, daß der Sarkophag Gebeine nicht aus dem achten oder neunten Jahrhundert, sondern aus dem 16. oder 17. Jahrhundert enthalte, wäre dies nach Neubauers Einschätzung "eine Katastrophe für das Selbstverständnis der Stadt" gewesen.

          Sarkophag im Oktober 2004 geöffnet

          Drei Institute befaßten sich mit den Gebeinen aus dem Marmor-Sarkophag, der am 4. Oktober vergangenen Jahres geöffnet worden war: das Zentrum für Rechtsmedizin des Klinikums der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt, das Leibniz-Labor für Altersbestimmung und Isotopenforschung der Christian-Albrechts-Universität Kiel und das Flugmedizinische Institut der Luftwaffe, Fürstenfeldbruck. Das Ziel lautete, weitere Lebensdaten über die insgesamt drei im Sarkophag beigesetzten Personen zu gewinnen und mittels einer DNA-Analyse Beziehungen zu Verwandten aus der Karolingerzeit herzustellen.

          Neubauer sprach von einem "hehren Augenblick", als der Marmordeckel angehoben worden sei. In dem Sarkophag, der zuletzt 1948 geöffnet wurde, befand sich ein einfacher Holzsarg, in dem zwei Leinensäckchen lagen. Ein Säckchen enthielt Teile eines männlichen und eines weiblichen Skeletts, was sich mit der Überlieferung deckte. Das zweite Säckchen trug die Aufschrift "Ossa Dominae Gislae piae memoriae" ("Gebeine der Herrin Gisla seligen Andenkens"), einer Adeligen, die bislang als "große Unbekannte" gilt.

          Verzögerungen wegen der Flutkatastrophe in Südostasien

          Wegen des hohen Alters der Knochen war bei der Arbeit der Institute besondere Sorgfalt geboten; die Untersuchungen nahmen daher erhebliche Zeit in Anspruch. Die jüngste Flutkatastrophe in Südostasien und die Notwendigkeit, erst die dortigen Toten zu identifizieren, verlängerten die Wartezeit zusätzlich.

          Die Analyse der Gebeine des Mannes und der Frau ergaben Todeszeitpunkte, die nahe bei den bisher bekannten Todesdaten von Einhard und Imma liegen. So wurde mit Hilfe der Radiocarbon-Methode festgestellt, daß der Mann um 835 im Alter von etwa 70 Jahren gestorben war; er müßte also um 765 geboren worden sein. Der Mann war nur 1,62 Meter groß, wies jedoch einen normalen Körperbau auf und war nicht verkrüppelt. Einhards Geburtsdatum ist unsicher, wird jedoch auf etwa 760 geschätzt; er starb am 14. März 840 in Seligenstadt. Zahlreiche Urkunden enthalten Hinweise, daß er klein von Wuchs gewesen sei. Nach Ansicht von Neubauer liegt damit eine "frappierende Übereinstimmung" vor.

          Keinen Zweifel an der Echtheit

          Das Todesjahr der Frau datierten die Wissenschaftler auf etwa 840. Imma, die entgegen der im 11. Jahrhundert entstandenen Legende keine Tochter Karls des Großen, sondern möglicherweise eine Enkelin Karl Martells, des Großvaters von Karl dem Großen, war, starb um 836. Neubauer hob hervor, nach menschlichem Ermessen gebe es keinen Zweifel daran, daß es sich um die Gebeine von Einhard und Imma handele.

          Der Wunsch, mit einer DNA-Analyse mögliche Verwandte aus der Karolingerzeit aufspüren zu können, blieb allerdings unerfüllt: Die Toten waren zunächst beerdigt worden; ihre Gebeine wurden später erst in einem Sandstein-Sarkophag und seit 1722 in dem Marmor-Sarkophag beigesetzt. Der Zersetzungsprozeß habe dazu geführt, daß sich in den Knochen keine DNA erhalten habe, sagte Professor Dietrich Mebs vom Frankfurter Zentrum für Rechtsmedizin.

          Unbekannte Tote vermutlich eine Adlige

          Vom Skelett der "Domina Gisla" fehlt nach den Worten von Professor Gerd Habermehl, dem Vorsitzenden der Einhard-Arbeitsgemeinschaft, nur ein Teil des Gesichts. Die Frau, die um 1025 im Alter von 70 Jahren starb, war 1,72 Meter groß - eine stattliche Größe für die damalige Zeit. Das guterhaltene Gebiß deutet darauf hin, daß sie zur Oberschicht gehörte. Um eine Tochter von Einhard und Imma kann es sich nicht handeln. Möglicherweise war sie eine vermögende Adelige, die dem Seligenstädter Kloster etwas stiftete und dafür in der Basilika beigesetzt wurde.

          Weitere Erkenntnisse zu Gisla könnte jener Teil der Klosterbibliothek ergeben, der bislang ungesichtet im Vatikan aufbewahrt wird. Hermann Schefers, der Leiter der Unesco-Welterbestätte Kloster Lorsch, hält es für möglich, daß Gisla den Historikern aus einem anderen Zusammenhang längst bekannt sei, man dieses Wissen bisher aber nicht mit der in Seligenstadt Bestatteten zusammenführen könne.

          Die jüngste Öffnung des Sarkophags in der Einhardbasilika haben die Initiatoren genau dokumentiert. Im vergangenen März wurden die entnommenen Gebeinsproben den Skeletten wieder hinzugefügt, die Säckchen versiegelt und der Sarkophag fachmännisch verschlossen.

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