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Corona : Schwere Krankheitsverläufe werden seltener

Soll künftig eine Ausnahme sein: Covid-Patient auf der Intensivstation Bild: Lucas Bäuml

Die Routine hat übernommen: Hessens Kliniken blicken mit einer gewissen Ruhe auf den Corona-Herbst, üben aber Kritik am neuen Infektionsschutzgesetz.

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          Das Wort „Gelassenheit“ im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie nimmt der Ärztliche Direktor der Universitätsklinik Frankfurt, Jürgen Graf, nicht in den Mund. Ebenso wenig das Wort „Panik“. Beide Begriffe sind tabu, wenn es um die Einschätzung der Corona-Lage geht. Graf wählt mit Blick auf die womöglich weiter steigenden Corona-Zahlen im Herbst eine andere Formulierung. „Wir fühlen uns gut vorbereitet.“ Die Kliniken haben sich nach seiner Bewertung in den vergangenen zwei Jahren auf die dynamische Situation eingestellt und Möglichkeiten geschaffen, auf die verschiedensten Szenarien reagieren zu können.

          Marie Lisa Kehler
          Stellvertretende Ressortleiterin des Regionalteils der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

          Graf, der als Leiter einer vom Sozialministerium einberufenen Stabstelle die Zusammenarbeit aller hessischen Krankenhäuser während der Corona-Pandemie koordiniert, hofft, dass die schweren Krankheitsverläufe immer mehr zur Ausnahme werden. Die Möglichkeit, sich impfen zu lassen, seit einigen Tagen auch mit dem auf die Omikron-Variante angepassten Impfstoff, verhindere zwar keine Ansteckung, senke aber das Risiko eines schweren Verlaufs. Stand Freitag müssen nach Angaben des hessischen Sozialministeriums 69 Patienten mit einer Covid-Infektion intensivmedizinisch behandelt werden. In den meisten Fällen tauche die Diagnose „Corona“ jedoch nur als Begleitdiagnose, nicht als Behandlungsgrund auf, erzählt Graf. Kollegen anderer Kliniken hätten ihm diesen Eindruck bestätigt.

          Kritik übt der Ärztliche Direktor an der vom 1. Oktober an geltenden Neuregelung des Infektionsschutzgesetzes. Dieses sieht das Tragen von FFP2-Masken in der Klinik vor. Besucher und Personal müssen sich ausnahmslos daran halten. Bisher galt in den Kliniken das Tragen des chirurgischen Mund-Nasen-Schutzes in den meisten Situationen als ausreichend. Die Regelverschärfung sei den Mitarbeitern nur schwer zu vermitteln. Im Alltag würden die Corona-Maßnahmen gelockert, weil die infektiologische Gefährdung des Einzelnen abgenommen habe. In den Kliniken, in denen der Schutz vor Ansteckung in den vergangenen Jahren immer sehr ernst genommen worden sei, würden sie hingegen verschärft. Das könne dazu führen, dass die zuvor von den Krankenhäusern getroffenen Regelungen fälschlicherweise als „nicht ausreichend“ wahrgenommen werden.

          Die FFP2-Maske erschwere laut Graf das Atmen, weshalb nach 70 Minuten Pausen von 30 Minuten vorgeschrieben seien. Zeit, die an anderer Stelle wieder fehle und im Extremfall dazu führe, dass Kliniken weniger Patienten behandeln können.

          Nur wenige an System angeschlossen

          Ebenfalls kritisch äußert sich der Ärztliche Direktor zu den neuen Anforderungen, die im Zusammenhang mit dem zu erwartenden Anstieg der Neuinfektionen an die Krankenhäuser gestellt werden. Die Meldung etwa, wie viele Betten einer Klinik belegt sind und wie viele Corona-Patienten aktuell behandelt werden, sollen seit einigen Wochen über ein bundesweit einheitliches Portal zusammenlaufen und somit einen besseren Überblick über das Infektionsgeschehen und die Kapazitäten im Gesundheitssystem geben. Problem nur: Bisher sind laut Graf nur wenige Häuser an das Deutsche Elektronische Melde- und Informationssystem für den Infektionsschutz, kurz Demis, angeschlossen. Die Daten müssen in vielen Fällen händisch an das Robert-Koch-Institut übermittelt werden. Die angedachte zeitliche Entlastung stelle sich als Zusatzbelastung für das Personal heraus. „Das hilft uns nicht wirklich weiter“, sagt Graf. Es seien Verpflichtungen auferlegt worden, ohne die technischen Grundlagen zu klären.

          Die Corona-Krise habe in den vergangenen Jahren die enorme Leistungsfähigkeit, aber auch die Schwächen des Gesundheitssystems vor Augen geführt, führt Graf weiter aus. Immer wieder sei in der Vergangenheit darüber diskutiert worden, welche Leistungen angeboten werden müssen, um die Versorgung aller Patienten zu gewährleisten. Eine eingeübte Denkweise, die es in Zeiten der zu erwartenden Energiekrise konsequent fortzusetzen gelte. „Wir müssen uns intensiv Gedanken darüber machen, was wir glauben, was der wirkliche Bedarf des Gesundheitssystems ist. Was muss zu welchem Zeitpunkt verfügbar gemacht werden, in welcher Qualität und in welcher Erreichbarkeit?“

          Denn sowohl die angespannte Corona-Lage als auch die aktuelle Bedrohung durch eine Energiekrise führen laut Graf vor Augen, dass die Ressourcen endlich sind. Von der Bundesregierung erhofft er sich gezielte Unterstützung für Krankenhäuser, um die steigenden Kosten durch die Energiekrise bewältigen zu können. „Ich würde mir wünschen, dass man die Mehrkosten für Energie gegenüber den Vorjahren erstattet bekommt.“ Natürlich werde parallel auch versucht, den Energiebedarf zu senken. Aber das Einsparpotential sei gering. „Es wird noch erhebliche Diskussionen geben, wie man dafür sorgen kann, dass die Kliniken weiterarbeiten können.“

          Zur Einschätzung der Corona-Lage stützt sich das Sozialministerium auf mehrere Werte: Zahlen zu Klinikpatienten gelten nun als neue Grenzwerte. Da weder in Schulen noch an Arbeitsstätten oder vor Restaurantbesuchen Schnelltests vorgeschrieben sind, sind in den Inzidenzwerten nur noch wenige symptomlose Infektionen erfasst. Eine Dunkelziffer bleibt. Wenn die Hospitalisierungsrate über 9 steigt (Änderung der Corona-Schutzverordnung zum 7.2.), neun Personen je 100 000 Einwohner in einer Woche mit Covid als Patienten aufgenommen wurden oder 400 Intensivbetten mit Covid-Patienten belegt sind, können weitere Einschränkungen nötig werden.

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