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Schweinehalter zu Dioxinskandal : „Nicht jeder Mäster kann Futter anbauen“

750 Schweine im Stall: Bauer Winter auf seinem Hof in Butzbach Bild: Rainer Wohlfahrt

Bernd Winter hält in Butzbach-Nieder-Weisel 750 Schweine. Da er das Futter weitgehend selbst anbaut, ist er vom Dioxinskandal nicht direkt betroffen. Dennoch leidet er wegen des Preisverfalls darunter. Und zweifelt an Ministerin Aigners Aktionsplan.

          Bernd Winter steht in der Küche, kocht Kaffee und sagt mit ruhiger Stimme: „Mir geht’s gut – ich darf mich nicht beklagen.“ Dennoch verströmt der Landwirt aus Nieder-Weisel nicht gerade Optimismus. Denn der Schweine-Markt ist wegen des in Futtermitteln aus Norddeutschland entdeckten Gifts Dioxin bis auf weiteres kaputt, wie er meint. Zwar sind heimische Schweinemäster wie der Chef des Lindenhofs am Rande von Butzbach nicht mit verseuchtem Tierfutter beliefert worden, doch leiden auch sie unter den Folgen des Dioxinskandals. Die Preise für Schlachtschweine sind buchstäblich in die Tiefe gerauscht, auch weil China und Südkorea die Grenzen für deutsches Schweinefleisch geschlossen haben.

          Thorsten Winter

          Wirtschaftsredakteur und Internetkoordinator in der Rhein-Main-Zeitung.

          Konnten Bauern im Dezember noch mit 1,50 Euro je Kilogramm Schwein rechnen, so erhielten sie zuletzt nur noch 1,12 Euro. „Vor Weihnachten dachte ich, so könnte es mit den Preisen weitergehen, damit verdienen wir wieder ein bisschen was am Schwein“, blickt er zurück. Nun blick er auf Preise, die er als Katastrophe bezeichnet. Denn Winter meint es durchaus wörtlich, wenn er die Gewinne bei 1,50 Euro je Kilogramm Schwein mit „ein bisschen“ benennt: Zwischen zehn bis 20 Euro springen bei einem solchen Niveau heraus, mehr aber auch nicht.

          Äcker nicht beliebig vermehrbar

          Infolge des Futtermittel-Skandals verdienen die Mäster nichts am Schwein, vielmehr legen sie nun drauf. „Wir Landwirte sind die Geschädigten und nicht die Verursacher“, klagt der hessische Bauernverband. Der Absatz lahmt arg. Winter berichtet von Schlachtern aus dem Vogelsberg, die nur halb so viele Schweine verarbeiteten wie sonst üblich.

          Was können Schweinemäster und Eierproduzenten selbst tun, um Vertrauen wiederherzustellen und sich gegen Futtermittelpanscher zu wappnen? Das Futter selbst anbauen und auf dem eigenen Hof mischen, so wie der Hühnerbauer Martin Stark aus Niederursel etwa. Bernd Winter sieht da allerdings ein Platzproblem: Vielen Mästern sei dergleichen nicht möglich, weil sie nicht über die Anbauflächen verfügten – und Äcker seien nicht beliebig vermehrbar.

          Vertrauen in die Genossenschaft

          Er selbst bewirtschaftet 170 Hektar in der Kornkammer Hessens und erntet Weizen sowie Gerste für seine Tiere. Dieses Getreide macht etwa drei Viertel des Futters für seine 750 Schweine aus. Eiweiß- und Mineralfutter kauft er bei einer Genossenschaft zu – ebenso Öle. Die gibt Winter dem fein gemahlenen Futter bei, damit es nicht so staubt im Schweinetrog. Auf ein Prozent beziffert er den Anteil von Soja- oder Palmöl im Futter.

          Er kauft bei einer Genossenschaft ein, weil er glaubt, dass dort kein profitgieriger Mischer seine Finger im Spiel hat und im Zweifelsfall krumme Dinger dreht. Seine Lieferanten haben ihm zuletzt Papiere geschickt, nach denen die Ware sauber ist. Darauf muss er bauen. Grundsätzlich fragt der Bauer sich aber: „Was ist Papier wert? Papier ist geduldig.“ Er selbst muss dokumentieren, was er auf dem Acker ausbringt und im Stall als Arznei gibt und die Akten zehn Jahre lang aufheben.

          Eine Frage der kriminellen Energie

          Dass sich Futtermittelskandale künftig vermeiden lassen, glaubt er nicht. Auch nicht durch vermehrte Kontrollen, wie sie der Aktionsplan von Bundesagrarministerin Ilse Aigner (CSU) vorsieht. Wer kriminelle Energie in sich habe, finde auch in einem enger geknüpften Sicherheitsnetz einen Durchschlupf, wie Winters Frau Lydia sagt.

          Zudem stellt sich aus ihrer Sicht die Frage, wer für die Kontrollen zahlen solle. Der Staat stelle die Kontrollen den Futtermittelherstellern in Rechnung, die sie an die Bauern weiterreichten. Die Mäster müssten ihrerseits die Hand aufhalten – doch das sei nicht durchsetzbar: Schließlich wollten Verbraucher und Staat billige Lebensmittel. Als Bauer jede Futtermittelcharge auf Dioxin zu prüfen koste jeweils 350 Euro. „Und das geben unsere Margen nicht her.“

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