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Schwangerschaft : Kaiserschnitt statt Kreißsaal

  • -Aktualisiert am

Kurz und beinahe schmerzlos: Kaiserschnitt-Operationen Bild: picture-alliance/ dpa

Wurde die Kaiserschnitt-Operation früher nur im Notfall gemacht, wird in Deutschland heute schon fast jedes dritte Kind mit Hilfe eines Chirurgen geboren. Auch in Hessen wollen immer mehr Schwangere ihr Kind per Operation zur Welt bringen.

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          Das Paar steht in einem schmalen Krankenhausgang mit niedriger Decke. Sandy und Marco Palm blicken sich um, gucken auf die kargen weißen Wände. Ärzte eilen an ihnen vorbei. Den Gang entlang kommt Frauenärztin Anke Reitter. Sie erklärt den 36 werdenden Eltern vor der Kreißsaal-Führung, was sie bei einer Geburt in der Uniklinik Frankfurt zu erwarten haben: „Wir setzen auf eine natürliche Geburt, solange Mutter und Kind nicht gefährdet sind. Ein Kaiserschnitt ist die Ausnahme.“

          Eine solche Einstellung ist in deutschen Krankenhäusern nicht oft zu finden. Wurde die Kaiserschnitt-Operation früher nur im Notfall gemacht, kommt in Deutschland heute schon fast jedes dritte Kind mit Hilfe eines Chirurgen zur Welt. Dem statistischen Landesamt Hessen zufolge gab es im vergangenen Jahr 15.601 Kaiserschnitte in Hessen. Das entspricht einem Anteil von 31,5 Prozent. Vor zehn Jahren lag die Quote noch bei 20,1 Prozent. Dabei ist laut Weltgesundheitsorganisation lediglich eine Rate von zehn bis 15 Prozent medizinisch notwendig.

          Schonung für Blase, Darm und Beckenboden

          Doch immer mehr Schwangere möchten ihr Kind lieber auf diesem Weg zur Welt bringen. Sie suchen einen Arzt auf. Und obwohl oft kein medizinischer Grund für eine Operation vorliege, gingen Ärzte allzu häufig auf die Bitten der Patientinnen ein und bestätigen eine Indikation, damit die Krankenkassen die Kosten eines Kaiserschnitts übernähmen, sagt der Leiter der Geburtshilfe an der Universitätsklinik Frankfurt, Frank Louwen.

          Der Tross der werdenden Eltern setzt sich in Bewegung. Während der Kreißsaal-Führung gehen die 18 Paare dicht gedrängt durch die Gänge der Frauenklinik. Immer wieder bleiben sie stehen und blicken durch geöffnete Türen. Zu dritt oder viert schieben sie sich hinein. Sie wollen die Erläuterungen von Hebamme Maryika Mendel hören. Die dünne Frau mit den kurzen Haaren und der weißen Häkelmütze auf dem Kopf steht vor einem Gebärhocker und zeigt, wie die Rückenlehne verstellt werden kann. Das Ehepaar Palm betrachtet den Stuhl, die Wände, die Monitore. Dann schauen sie wieder zu der Hebamme. „Ich hoffe, dass wir nach diesem Abend wissen, wo unser Baby zur Welt kommen soll“, sagt Sandy Palm. Besonders wichtig seien ihr die Atmosphäre auf der Station und die Herzlichkeit der Ärzte und Hebammen. „Ich muss mich wohl fühlen und Vertrauen fassen.“

          Die Uniklinik Mainz hört auf die Mütter: „Bei uns wird ihr Wunsch respektiert“, sagt Heinz Kölbl, Chef der Geburtshilfe und Frauenheilkunde. Er beobachte, dass Frauen immer häufiger nach einem Kaiserschnitt fragten. „Sie erhoffen sich dadurch, dass Blase, Darm und Beckenboden geschont werden und sie eine kurze und schmerzfreie Entbindung erleben.“ So würden sie auch die oft stundenlangen Wehen umgehen. „Wenn es keine medizinischen Bedenken gibt, entsprechen wir den Wünschen unserer Patientinnen“, sagt Kölbl. Außerdem könne eine große Angst vor Schmerzen auch als medizinische Indikation gewertet werden. Aufklärung vor dem Eingriff sei sehr wichtig. Viele Frauen vergäßen, dass es sich bei einem Kaiserschnitt um eine Operation handele. Der Kaiserschnitt sei für die Mutter mit einem dreimal so hohen Sterberisiko verbunden wie eine normale Geburt.

          Mehr Umsatz in kürzerer Zeit

          Die Paare im Kreißsaal haben sich um Ärztin und Hebamme versammelt. Aufmerksam hören sie Anke Reitter zu. Plötzlich ein Schrei. Die Ärztin verstummt. Die Blicke gehen durcheinander. Hebamme Maryika Mendel rennt los und verschwindet in einem Raum, deren Tür sie hinter sich zuzieht. „Das ist kein Grund zur Besorgnis. Die Frau ist kurz davor, ihr Baby zu bekommen“, sagt Ärztin Reitter. Das Kreischen wird lauter. Die Männer und Frauen fangen an zu murmeln, einige lachen unsicher. Die Ärztin redet weiter. Doch die Blicke aller ruhen auf der geschlossenen Tür. Nach wenigen Minuten ist Kindergebrüll zu hören. Jetzt lachen die meisten, einige klatschen.

          Nicht nur künftige Eltern, auch Ärzte plädieren immer öfter für eine Kaiserschnitt-Geburt. Frank Louwen kritisiert das. Der Leiter der Geburtshilfe an der Universitätsklinik unterstellt den Krankenhäusern, dass sie so mehr Geld verdienen wollten: Im Gegensatz zu einer natürlichen Geburt, die eine Nacht oder länger dauern könne, würden Kaiserschnitte lediglich eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Aufgrund der besseren Planbarkeit fielen teurere Abend- und Wochenendtermine für das Krankenhauspersonal weg. Zudem würden die Krankenkassen für einen Kaiserschnitt deutlich mehr als für eine natürliche Geburt erstatten. So könnten Ärzte in kürzerer Zeit mehr Umsatz machen.

          „Eine OP ohne Indikation ist ärztlich und medizinisch falsch“, sagt Louwen. Im vergangenen Jahr habe der Anteil der Kaiserschnitte an den Geburten in seiner Klinik bei 29,5 Prozent gelegen. 2001 seien es noch 45 Prozent gewesen. Louwen erklärt diese Entwicklung damit, dass die Uniklinik sich zu der einzigen Klinik im Rhein-Main-Gebiet entwickelt habe, in der Kinder mit einer Becken-Endlage ohne Kaiserschnitt natürlich geboren werden könnten. Auch Zwillinge kämen bei ihnen so oft wie möglich normal zur Welt. Louwen sagt: „Natürliche Geburt muss unser Ziel sein.“ Frauenärztin Reitter spricht im Kreiß-saal gerade über die Rolle des Mannes bei der Geburt. Er müsse die Frau unterstützen. „Die Geburt ist auch für den Partner anstrengend, deshalb können sie sich ruhig etwas zu essen mitbringen.“ Schließlich würden die Männer zu Hause freiwillig auch keinen Zwieback essen oder Kamillentee trinken – und etwas anderes gebe es nicht in der Klinik. Die Schwangeren lachen. Sandy Palm nimmt die Hand ihres Mannes: „Meine Entscheidung ist gefallen.“ Ihr Kind soll in der Uniklinik geboren werden. Sie sagt: „Ich möchte nicht, dass mein Kind im OP zur Welt kommt.“

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