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Schulprojekt in Bad Homburg : Farbe für die Corona-Blockaden

Die Schüler gestalten Spanplatten, mit denen Bad Homburg Sitzbänke blockiert, mit Farbe. Bild: Wolfgang Eilmes

Schräges Holz für strenge Pandemie-Regeln: In Bad Homburg machen Schüler aus der städtischen Not eine Tugend – und finden darin gleichzeitig eine langersehnte Beschäftigung.

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          Es gibt nicht viel, was das Außergewöhnliche der Lage so deutlich macht wie ein Gespräch mit Schülern. Zum Beispiel mit Andrej und Jan von der Gesamtschule am Gluckenstein. Sie bemalen am Mittwoch vor dem Kurhaus eine der Spanplatten, mit denen die Stadt Bad Homburg die Sitzfläche der Bänke im Freien verkleinert hat, um die Corona-Abstandsregeln durchzusetzen. Das freiwillige Angebot von Kunstlehrerin Antje Klaus haben die beiden Vierzehnjährigen gerne angenommen. „Wir wollten endlich mal raus“, sagt Andrej.

          Bernhard Biener
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung für den Hochtaunuskreis.

          Seit Mitte März findet kein Unterricht mehr statt, und wegen eines Praktikums waren sie schon seit Ende Februar nicht mehr in der Schule. „Bis auf elf Minuten nach Ostern, um unsere Sachen zu holen“, erzählt Jan. Und dann sagen sie den Satz, der sie früher als Streber erster Klasse qualifiziert hätte: „Wir haben uns noch nie so stark nach der Schule gesehnt.“

          Die Corona-Krise hebelt nicht nur alte Gewissheiten aus, sondern verschafft den Schülern der Bad Homburger Gesamtschule auch eine Beschäftigung. Mitte April zog das Technische Hilfswerk los, um im Auftrag des städtischen Krisenstabs Spanplatten auf den Sitzbänken in der Innenstadt montieren zu lassen. Bei kleineren Bänken blieb nur ein Platz frei, bei größeren schaffte die hölzerne Schräge den geforderten Sicherheitsabstand.

          „Absperrbänder haben nicht geholfen“

          Die skurril anmutende Lösung brachte der Stadt und ihrem Oberbürgermeister Alexander Hetjes (CDU) Spott im Fernsehen ein. „Absperrbänder haben nicht geholfen“, begründet Hetjes den Schritt. Vor allem habe man nicht die Bänke ganz abmontieren wollen. Die Sitzblockade war für den Krisenstab also letztlich eine mildere Lösung als die Null-Variante.

          Natürlich war das Thema auch im Internet umstritten. Aber dort ist auch die Idee für die Kunstaktion entstanden. „Das ist doch ein schönes Signal, das einmal etwas Positives aus den sozialen Netzen kommt“, sagt Enrico Josche. Seine Anregung, die Bankhölzer zu bemalen, griff Jessica Kempf vom Förderverein der Gesamtschule auf. Beim Maskennähzirkel – wo sonst – sprach sie Kunstlehrerin Antje Klaus an. Jetzt machen sich Schüler verschiedener Jahrgänge an die Arbeit, die 40 Sitzblockaden nach und nach zu bemalen.

          Die 14 Jahre alte Sophie und die ein Jahr ältere Stella haben einen „Kirby“ auf ihre Spanplatte gemalt, eine Figur aus einer Videospielserie. Das rosarunde Wesen mit seinen Stummelgliedmaßen wirkt wie ein Gegenentwurf zum Virus. „Ich will die Stadt verschönern“, sagt Sophie, während sich Stella generell für Kunst interessiert. Auch die beiden Mädchen freuen sich, dass sie nächste Woche wieder in die Schule dürfen. Dort erwartet sie eine stolze Schulleiterin. „Es ist toll, was das Projekt für eine Energie ausgelöst hat“, sagt Ursula Hartmann-Brichta. Die Reaktion der Passanten in der wirklichen Welt sei viel freundlicher als in der virtuellen, hat Initiator Josche festgestellt. Wenn die Platten einmal abmontiert werden, sollen sie als kleine Kunstwerke erhalten bleiben. Wann das allerdings sein wird, kann der Oberbürgermeister noch nicht sagen.

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