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Schule : Die Schülerzahlen sinken, Interesse an Privatschulen bleibt bestehen

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Es ist die Hoffnung auf besseren Unterricht als an einer staatlichen Schule. Die Hoffnung, daß keine Stunden ausfallen und das soziale Klima gut ist. Auch den Wunsch nach ganztägiger Betreuung nennen Eltern, wenn sie sich entscheiden, ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken.

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          Es ist die Hoffnung auf besseren Unterricht als an einer staatlichen Schule. Die Hoffnung, daß keine Stunden ausfallen und das soziale Klima gut ist. Auch den Wunsch nach ganztägiger Betreuung nennen Eltern, wenn sie sich entscheiden, ihr Kind auf eine Privatschule zu schicken. Viele dieser Einrichtungen haben seit Jahren schon mehr Interessenten als freie Plätze. Und obwohl sie eigentlich für Familien aus aller Welt gedacht sind, die nicht lange am selben Ort bleiben und denen die Arbeitgeber das Schulgeld zahlen, verzeichnen auch die internationalen Schulen immer mehr Nachfrage

          "Internationale Schulen schießen wie die Pilze aus dem Boden. Das liegt auch daran, daß deutsche Eltern ihre Kinder dorthin schicken wollen", sagt der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Privatschulen, Bernhard Marohn. Mit 35 Prozent von 870 Schülern beziffert Helga Weckenmann-Hart, Marketing-Beauftragte der Internationalen Schule Frankfurt, den Anteil deutscher Kinder in dem Institut in Sindlingen. Weil diese, anders als etwa die Europäische oder die Französische Schule, nicht öffentlich bezuschußt wird, ist der Preis hoch, den man dort für englischsprachigen Unterricht, Essen sowie sportliche und musische Angebote zahlen muß. Aber viele Eltern, Doppelverdiener vor allem, wünschen sich für ihre Sprößlinge die privilegierte Erziehung und Umgebung wie sie für eine internationale Klientel selbstverständlich ist. "Oft geht ein ganzes Gehalt dafür drauf", sagt Weckenmann-Hart. Bis zu 15000 Euro im Jahr müssen Eltern der ISF für die Betreuung eines Kindes zahlen.

          Andere nicht-öffentliche Bildungseinrichtungen wie die 2001 eröffnete Europäische Schule in Praunheim oder die Französische Schule, seit kurzem in Hausen ansässig, sind zwar auch schulgeldpflichtig. Doch können sie, weil von der Europäischen Union beziehungsweise dem französischen Staat getragen und großteils finanziert, ihre Arbeit günstiger anbieten. Ein Platz an diesen Einrichtungen kostet weit weniger als die Hälfte dessen, was die ISF verlangt. Geschenkt ist auch das nicht, dennoch ist das Interesse groß. Als 2003 die Europäische Schule deutsche Kinder für die Mittelstufe suchte, waren die Plätze so schnell weg wie sich die Nachricht verbreitete.

          Auch an der Französischen Schule sind viele Kinder aus deutschen Familien. Schulleiter Michel Vuillaume sagt, es sei "der überwiegende Teil" der rund 620 Schüler. Internationale, Europäische, Französische Schule: Wenn Familien, die fest in Frankfurt leben, diese für ihre Sprößlinge wählen, ist das vielleicht eine Sonderform des Wunsches nach alternativer Erziehung. Doch auch anderen Privatschulen wird gemeinhin ein grundsätzlich positiver Vorbehalt entgegengebracht. In besonderem Maße gilt das für Schulen in Trägerschaft der katholischen Kirche. Diese sind zwar nicht-staatlich, erheben aber meist kein Schulgeld, ein Umstand, der zu ihrer Beliebtheit beitragen mag. Viele haben jedes Jahr mehr als doppelt soviele Anmeldungen wie freie Plätze. Die Schule St. Lioba in Bad Nauheim zum Beispiel: "Die Nachfrage ist weit größer als unsere Aufnahmekapazität", sagt Direktorin Gisela Opp. "Wir haben regelmäßig bis zu 270 Anmeldungen und können nur 145 Kinder aufnehmen."

          Opp ist Vorstandsmitglied der Bundesvereinigung der Oberstudiendirektoren in Hessen, seit 35 Jahren Pädagogin und kennt auch das taatliche Schulwesen. "Die Rahmenbedingungen für Privatschulen sind besser", sagt sie. "Wir können zum Beispiel selbst Lehrer anwerben, aus allen Bundeländern. Das würden die Direktoren staatlicher Schulen auch gerne tun." Immerhin können Privatschulen Pädagogen nicht mit Verbeamtung locken, was nach Worten Marohns etliche Einrichtungen schmerzhaft zu spüren bekommen haben. Gisela Opp sagt, auch die Bindung von Personal, das jederzeit kündigen könne, gehöre zum Profil und damit zum Wert einer Schule.

          20 Prozent der Eltern seien an einer Privatschule interessiert, aber nur sechs Prozent könnten einen Platz bekommen, sagt Bernhard Marohn. Vor sinkenden Schülerzahlen sei ihm nicht bange. Wenn er in die Zukunft blickt, sieht er aber doch eine Wolke aufziehen, und die heißt "Entwicklung von Ganztagsschulen". Bisher sei eine ganztägige Betreuung in vielen Städten "das Alleinstellungsmerkmal" privater Schulen gewesen. Wenn Eltern merkten, daß Kinder und Jugendliche auch an öffentlichen Einrichtungen mehr Zeit als den Vormittag verbringen könnten, besännen sich einige vielleicht doch auf das staatliche System. Die Privatschulen müßten mit der Hervorhebung quasi ureigener Vorteile dagegenhalten, meint der Verbandssprecher. "Hohe Zuverlässigkeit und gepflegtes Ambiente" nennt er an erster Stelle. "Bei uns bleibt eine Scheibe, wenn sie zerbrochen ist, nicht acht Wochen lang kaputt, sondern nur zwei Tage." Jacqueline Vogt

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