https://www.faz.net/-gzg-shbc

Schloß Mespelbrunn : Vom Kaiser ernannt, vom Volk gewählt

Albrecht Graf von Ingelheim mit seiner Frau Hedwig Bild: F.A.Z. / Marcus Kaufhold

Das Schloßherr von Mespelbrunn ist Familienoberhaupt, Dorfverschönerer und Politiker aus Leidenschaft.

          3 Min.

          „Albrecht Graf von Ingelheim genannt Echter von und zu Mespelbrunn“. So steht es in seinem Personalausweis. In der Geschichtsschreibung hingegen ist nicht vom Grafen, sondern vom Reichsgrafen die Rede. „Ich will jetzt nicht anfangen, den Unterschied auseinanderzusetzen“, sagt der Schloßherr. Und fordert sanften Widerspruch seiner Frau Hedwig heraus: „Das läßt sich doch in zwei Sätzen sagen.“ Hätte es noch eines Beweises dafür bedurft, daß die beiden ein ganz und gar normales Ehepaar sind, dann wäre es die etwas umständliche Art, in der sie sich darauf einigen, es doch zu erklären: Zum Grafen kann einen jeder König machen, Reichsgraf wird man nur, wenn der Kaiser es will.

          Ewald Hetrodt
          Korrespondent der Rhein-Main-Zeitung in Wiesbaden.

          Ingelheim kann es sich leisten, die Bedeutung des Titels herunterzuspielen. Denn sein politisches Gewicht hat er vom Volk. Vor 28 Jahren, am 1. Mai 1978, wurde er Bürgermeister seiner Heimatgemeinde Mespelbrunn im Landkreis Aschaffenburg. Danach wählten ihn die rund 2000 Einwohner viermal mit ungefähr 95 Prozent der Stimmen wieder. Konkurrenten gab es nie. Nur einmal riefen ein paar Sozialdemokraten den Vorsitzenden ihres Ortsvereins zum Gegenkandidaten aus. Doch dieser beeilte sich, seine unfreiwillige Kandidatur am nächsten Tag zurückzuziehen. Nachdem der Einundsechzigjährige das Amt Ende des vergangenen Jahres auf Anraten seines Arztes aufgegeben hatte, wählte ihn der Gemeinderat einstimmig zum Ehrenbürger. Als Präsident des Bezirkstages ist Ingelheim seit dem Jahr 2001 und immer noch gleichsam kraft Amtes der oberste Sozial- und Kulturpolitiker Unterfrankens.

          Die Familiengeschichte des Reichsgrafen im Dienste der Demokratie beginnt, als Erzbischof Johann von Mainz im Jahr 1412 dem Ritter Hamann Echter für treue Dienste als kurfürstlicher Forstmeister den „Platz zum Espelborn“ im Spessart schenkt. Über mehrere Generationen hinweg errichtet die Familie in dem tiefen und unerschlossenen Wald ein verträumtes Renaissanceschloß.

          Mespelbrunn: Einst Drehort für Lilo Pulver, heute Ausflugsziel
          Mespelbrunn: Einst Drehort für Lilo Pulver, heute Ausflugsziel : Bild: F.A.Z. / Marcus Kaufhold

          Bedeutende Persönlichkeiten werden hier geboren, darunter Julius Echter, der als Fürstbischof in Würzburg unter anderem die Universität gründet. Maria Ottilia, die einzige Echterin, die den Dreißigjährigen Krieg überlebt, heiratet 1648 Philipp Ludwig von Ingelheim aus dem Rheingau. Ihre Namen und die Wappen fügen sie zusammen.

          Sonne erst im Mai

          Der heutige Schloßherr hat seine Gattin während des Studiums in München und Münster kennengelernt. Sie entstammt westfälischem Adel und verfügt über die nötige Widerstandskraft, angesichts der unromantischen Schattenseiten des von hohen Bäumen umgebenen Bauwerks im Spessart nicht schwermütig zu werden. „Wir haben hier von Oktober bis Anfang Mai keine Sonne.“ Und die Kosten für die Beheizung der Privaträume im Südflügel sind gerade in jüngster Zeit immens. Ohne die Einnahmen aus dem Tourismus wäre das märchenhafte Wasserschloß nicht als öffentlich zugängliches Denkmal zu erhalten. Doch „Das Wirtshaus im Spessart“ zieht noch immer. Viele der rund 60 000 Besucher, die jedes Jahr den Weg von der nahe gelegenen Autobahn 3 nach Mespelbrunn finden, kommen deswegen: Sie wollen das Schloß sehen, weil es in den fünfziger Jahren, wie Teile der Gemeinde, Kulissse für den Filmklassiker mit Liselotte Pulver war.

          Die andere Einnahmequelle ist der mehr als 900 Hektar große Wald. Zwei Arbeiter und ein Berater unterstützen den Grafen bei der Bewirtschaftung. Manchmal ist das riesige Revier auch Schauplatz großer Jagden, bei denen Treiber und Schützen aus dem Dorf ebenso vertreten sind wie befreundete und bekannte Adelsfamilien, das einschlägige „Netzwerk“ des Grafen. Daß er gelegentlich auch Einladungen zu sogenannten Herrschaftsjagden annimmt, bei denen man sich abends im Smoking wiedertrifft, will er nicht verhehlen.

          Er hat Forst- und Betriebswirtschaft studiert und die Theorie in seinem Amt als Bürgermeister in der Praxis verwirklicht. Aus seiner Sicht bestand die größte Leistung darin, daß die Hauptstraße von Mespelbrunn mit einer langen Reihe von Bäumen aufgewertet worden ist. Zehn bis zwölf Jahre hat er gebraucht, um den Gemeinderat zu überzeugen. „Der Spessarter hat sein Leben lang mit dem Wald gekämpft. Er tut sich schwer damit, ohne Not Laubbäume zu pflanzen, die auch noch Dreck machen.“

          „Ich bin grundkatholisch“

          So betrachten die Bürger denn auch nicht ihre schöne Dorfstraße, sondern den nachhaltigen Abbau der hohen Schulden als Ingelheims größtes Verdienst. Dieser gehört zwar der CSU an, findet aber auch manche Positionen der FDP beachtlich. Mitglied bei den Liberalen zu werden sei für ihn allerdings nie in Frage gekommen, erklärt Ingelheim. „Ich bin grundkatholisch.“ Erich Schäfer (CSU), sein Nachfolger im Amt des Bürgermeisters, sagt: „Der Graf ist einer von uns.“ Das ist die Resonanz auf dessen unprätentiöses Auftreten, aber doch nur die Hälfte der Wahrheit. „Der Graf“ ist sich seiner besonderen Herkunft nämlich durchaus bewußt - und den Bürgern der relativ armen Spessartgemeinde wohl gerade deshalb so eng verbunden. Seine Eltern hätten ihn, das älteste ihrer fünf Kinder, früh auf die Übernahme von Führungsaufgaben und Verantwortung vorbereitet.

          Darauf konnten auch die Gemeinderäte der CSU vertrauen, als sie dem damals Vierunddreißigjährigen mit großer Hartnäckigkeit das Ehrenamt des Bürgermeisters antrugen. Adel verpflichtet. Das Schloß, der Wald, die Familie, drei Prinzessinnen und die Kommunalpolitik forderten über lange Jahre hinweg einen hohen Einsatz. „Oft genug hat mein Mann die ganze Nacht am Computer gesessen, morgens gefrühstückt, als wäre nichts gewesen, und dann weitergearbeitet“, erzählt seine Ehefrau.

          Angesichts ihrer Erfahrungen mit Ingelheim haben die klugen Spessarter sich den Namen Marie-Antoinette gemerkt. Die älteste der drei Töchter lebt zwar zur Zeit noch mit ihrem Mann und ihren Kindern im Rheinland. Aber eines Tages wird sie Herrin auf Schloß Mespelbrunn sein - und ihrem großen Namen wohl Ehre machen wollen.

          Weitere Themen

          Gesucht, gefunden, Leckerli

          Hundestaffel des DRK Berlin : Gesucht, gefunden, Leckerli

          Nasen ganz vorn: Die Hundestaffel des DRK Berlin trainiert oft und ausgiebig für den seltenen Ernstfall. Beliebter Übungsplatz sind frische Baustellen, dort verstecken sich Menschen, die die Hunde suchen müssen.

          Topmeldungen

          Der Betrieb hält sich in Grenzen: ein Blick ins fast leere Impfzentrum Sachsen (Dresden)

          Geringe Quoten im Osten : Impfen? Nicht mit mir!

          In Ostdeutschland sind die Corona-Impfquoten auffallend niedrig. Was ist der Grund dafür? Ein Soziologe sieht den Widerstand gegen die Spritze als Teil der grundlegenden Protesthaltung gegenüber der Regierung.
           Um dem sogenannten Ebergeruch vorzubeugen, werden männliche Ferkel  kastriert – bis Ende 2020 durfte die qualvolle Prozedur ohne Betäubung durchgeführt werden.

          Landwirtschaft : Wir brauchen eine Fleischwende

          Wir reden davon, den Klimawandel zu bekämpfen, schweigen uns aber über Nutztierhaltung und Fleischproduktion aus. Dabei gehört beides zusammen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.