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Karstadt Kaufhof : 3000 Beschäftigte bangen um ihre Stelle

Vor der Schließung? Karstadt-Filiale auf der Frankfurter Zeil Bild: Amadeus Waldner

Karstadt Kaufhof plant, nahezu die Hälfte seiner Filialen in Deutschland zu schließen. In Hessen bangen nun 3000 Beschäftigte um ihren Arbeitsplatz. Auch Mitarbeiter auf der Frankfurter Zeil haben Angst um ihren Job.

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          Wen wird es treffen? Diese Frage beschäftigt die rund 3000 Mitarbeiter bei Karstadt Kaufhof in Hessen, seitdem ein Sanierungsplan bekannt geworden ist, nach dem nahezu die Hälfte aller deutschlandweit 170 Filialstandorte geschlossen werden könnte. Auch 20 der 30 Karstadt-Sports-Filialen stehen demnach vor dem Aus, zudem sollen 100 von 130 Reisebüros des Konzerns schließen.

          Petra Kirchhoff

          Redakteurin in der Rhein-Main-Zeitung.

          Noch handelt es sich nur um einen Entwurf, der durch viele Gremien muss, die Gewerkschaft Verdi hat bereits „harte Auseinandersetzungen angekündigt“. Grundsätzlich aber erlaubt das sogenannte Schutzschirmverfahren, das der angeschlagene Warenhauskonzern im April beantragt hat, Sanierungserleichterungen des Insolvenzrechts zu nutzen. So könnte sich der Eigentümer, die Signa-Gruppe des österreichischen Investors René Benko, relativ schnell von Verlust einfahrenden Häusern trennen, die noch an langfristige Mietverträge gebunden sind.

          In zentraler Eins-A-Lage

          Von den 14 Filialen in der Rhein-Main-Region gehören acht zu Kaufhof und sechs zu Karstadt – die Unternehmen fusionierten Anfang 2019. Als Schließungskandidaten gelten jetzt die Orte, an denen beide Warenhausmarken vertreten sind: Mainz, Wiesbaden, Darmstadt, Frankfurt sowie das Main-Taunus-Zentrum.

          Meistens liegen die Filialen in zentraler Eins-A-Lage nicht weit voneinander entfernt. Weil es von der Beileidskarte über den Kochtopf bis zum Nachthemd alles unter einem Dach gibt, wird Warenhäusern eine wichtige Magnetfunktion für den gesamten Einzelhandel zugeschrieben. Filialschließungen würden aus Sicht des Handelsverbands Hessen darum die Innenstädte weiter unter Druck setzen. Gleichwohl sei es wichtig, sich so früh wie möglich mit alternativen Konzepten auseinander zu setzen, sagt Sven Rohde, Geschäftsführer des Handelsverbands Hessen.

          „Beide Häuser haben ihre Daseinsberechtigung“

          Für die Frankfurter Zeil mit zwei großen Flaggschiffen sehen Branchenvertreter aufgrund der unterschiedlichen Konzepte – Premium bei Kaufhof, Mainstream bei Karstadt – keine Gefahr einer Filialschließung. Frankfurt habe eine hohe Kaufkraft. „Beide Häuser haben ihre Daseinsberechtigung“, sagt Dirk Wichner, der beim Maklerunternehmen Jones Lang Lasalle das deutsche Retail-Geschäft verantwortet. Schon eher könnte es nach Einschätzung von Marktbeobachtern Doppelstandorte wie das Main-Taunus-Zentrum, Wiesbaden oder Mainz treffen. In Wiesbaden verkaufen Kaufhof und Karstadt schräg gegenüber, der eine, wie zu hören ist, erfolgreicher als der andere. „Zwei Warenhäuser in der Lage braucht es nicht“, sagt Joachim Will, Chef des Wiesbadener Beratungsunternehmens Ecostra.

          Um die vielen tausend Quadratmeter, die demnächst in bester Innenstadtlage leer stehen könnten, ist Handelsexperten allerdings nicht bang. Wichner von Jones Lang hebt die „hervorragende Lage“ der Signa-Immobilien hervor, „damit kann man etwas anfangen“. Auch sei die Bausubstanz vieler Häuser in Ordnung. Einzelhandel in der bisherigen Form und Größe eines Kaufhauses wird es in Fußgängerzonen nach seiner Einschätzung allerdings künftig nicht mehr geben, weil die Nachfrage nach solchen Flächen fehle. „Die Kandidaten kann man an einer Hand abzählen“, pflichtet Ecostra-Chef Will bei.

          Genug Alternativen zum Einkaufen

          Wichner rechnet grundsätzlich damit, dass in den Innenstädten künftig größere Handelsflächen vom Markt genommen werden. Als alternative Nutzung schlägt er Mikroappartements, etwa in Universitätsstädten, vor, generell Logistikflächen für den Online-Versand, Büros oder Hotelzimmer – Einzelhandel, der funktioniert, sieht er nur noch im Erdgeschoss, allenfalls noch in der Etage darüber.

          Städte und auch Konsumenten können den Verlust an Fläche und Angebot verschmerzen, meint der Makler, da es genug Alternativen zum Einkaufen gebe. „Die Innenstadt wird dadurch nicht veröden.“

          Das freilich ist kein Trost für die Beschäftigten von Karstadt Kaufhof in Hessen, die jetzt um ihren Arbeitsplatz bangen müssen. „Alle sind niedergeschmettert“, sagt Bernhard Schiederig, Fachbereichsleiter bei Verdi in Hessen. Erst Ende Dezember hatten die Beteiligten einen sogenannten Integrationssanierungsvertrag unterschrieben. Demnach werden jetzt auch Karstadt-Mitarbeiter nach dem besseren Flächentarif bezahlt, der für die Kaufhof-Beschäftigten bisher schon gilt. Allerdings verzichten sie zugleich bis 2024 auf Urlaubs- und Weihnachtsgeld sowie auf die tarifliche Lohnerhöhung in den Jahren 2019 und 2020. „Das haben die Beschäftigten im guten Glauben getan, dass sie damit das Fortbestehen des Unternehmens sichern“, sagt Schiederig.

          Nach der Zwangspause durch die Coronakrise sind diese Pläne wohl nicht mehr zu halten. Mehr als 500 Millionen Euro Umsatz hat das Unternehmen während der zwei Monate mit geschlossenen Ladentüren verloren, heißt es in einem internen Schreiben der Geschäftsleitung an die Mitarbeiter. Am Ende könne wegen der Kaufzurückhaltung ein Verlust von einer Milliarde stehen. Ein KfW-Kredit in Höhe von 700 Millionen Euro scheiterte am Widerstand der Hausbanken. Schon Mitte April hatte Sachverwalter Frank Kebekus im Gespräch mit der F.A.Z. angekündigt, das Netz der Filialen müsse wegen der Krise ausgedünnt werden. Es werde aber „sicher keinen Kahlschlag geben“.

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