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Schlafgewohnheiten : Wer lange schläft, ist später wach

Mitglieder von „Delta t” lieben es, auszuschlafen Bild: ddp

Menschen haben unterschiedliche Schlafrhythmen. Gesellschaftlich anerkannt sind die Frühaufsteher, beäugt werden die Langschläfer. Das ist ungerecht, fand Günter Woog und gründete in Dreieich den Verein „Delta t“.

          Günter Woog gähnt nicht ein einziges Mal. „Ich bin superfit“, sagt er. Am Tag zuvor ist er um Mitternacht ins Bett gegangen, hat bis zwei Uhr ferngesehen und dann neun Stunden geschlafen, bis elf Uhr am Vormittag. Jetzt ist es zwölf, und Woog, der ein Bob-Dylan-Shirt und eine getönte Brille trägt, ist mit dem Leben im Reinen. Mit seinem Leben. Einem Leben in der Zweitnormalität.

          Tobias Rösmann

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          So zumindest empfindet und nennt es der selbständige Kommunikationsdesigner, der vor 15 Jahren in Dreieich einen außergewöhnlichen Verein gegründet hat: den Verein „Delta t für Zweitnormalität“. Was kurios klingt, hat einen interessanten Hintergrund. Woog, heute 53 Jahre alt, wollte damals etwas tun. Er wollte zeigen, dass es Menschen gibt, die lange schlafen und spät ins Bett gehen müssen, weil es in ihrer Natur liegt. Und er wollte protestieren gegen das, was er als „absurden Ansatz einer Leistungsgesellschaft“ bezeichnet: den normierten Arbeitstag von neun bis fünf.

          „Der Chef hat gedacht, ich mache jeden Abend Party“

          Der Ärger begann schon in der Schule. Günter Woog konnte einfach nicht früh aufstehen. Jahre lang schleppte er sich zu den ersten Stunden, kam oft zu spät und galt deshalb als aufmüpfig. „Die Lehrer haben so getan, als könnte ich was dafür“, sagt er und vergleicht zeitverschobene Schlaf- und Wachphasen mit Homosexualität oder Körpergröße: „Da kann man auch nichts dran drehen.“ Woog sitzt in seinem Büro in Dreieich. Seine Donald-Duck-Mütze hat Woog kurz nach der Begrüßung abgenommen. Eine „Woodstock“-DVD liegt herum, auf dem Boden stehen Kisten, die Jukebox von 1954, Marke Rock-Ola, ist schon ausgestöpselt: Die Agentur zieht gerade um.

          „Ich bin superfit”: Günter Woog um die Mittagszeit

          Woogs Pein setzte sich im Studium fort. Er lebte in einer Wohngemeinschaft, ging selten vor drei Uhr ins Bett – im Sommer gerade so früh, dass die Vögel noch nicht zwitscherten: „Sonst kann ich nicht einschlafen.“ Prüfungen am Vormittag waren ihm ein Graus. Der Kopf surrte. „Ich war total fertig.“ Einmal, das war morgens, klingelte in der WG das Telefon. Woog taumelte zum Apparat. Am anderen Ende war der Mitarbeiter eines Autohauses: Woogs Mitbewohner hatte dort sein Portemonnaie liegen gelassen, und der nette Mann wollte nur schnell mitteilen, dass er es gefunden habe. Woog sagte ja und danke – und kippte wieder ins Bett. Wochen später fiel ihm der Anruf wieder ein. Da hatte sein WG-Kollege längst neue Dokumente beantragt.

          Nach dem Studium heuerte Woog beim Fernsehen an, als Zeichner für Trickfilmsequenzen. Er sollte um neun Uhr anfangen; das schaffte er genau eine Woche. Es wurde viertel nach neun, es wurde später. „Irgendwann bin ich direkt in die Kantine und habe Strammen Max zum Frühstück gegessen“, sagt Woog und grinst. Das gefiel seinem Chef gar nicht. „Der hat gedacht, ich mache jeden Abend Party. Er fand, ich zersetze die Moral.“ Woog und der Sender gingen getrennter Wege – obwohl er stets genauso viel gearbeitet habe wie die Kollegen. Nur eben später.

          „Deutschland hat eine Frühaufsteherkultur“

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