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Schlafgewohnheiten : Wer lange schläft, ist später wach

1993 reichte es dann. Als Woog, schon selbständig, von einem Kunden ständig um sieben Uhr morgens zu Treffen genötigt wurde, bei denen er im Prinzip nicht ansprechbar war, entstand die Idee, den Verein für Zweitnormalität zu gründen. Elf Mitglieder hatte „Delta t“ am Anfang, jetzt sind es um die 100, von denen die meisten aus dem Berliner, Kölner und Frankfurter Raum stammen. Hamburger und Münchner scheinen dagegen Frühaufsteher zu sein. „Und der Osten ist ein weißer Fleck für uns Spätmenschen“, sagt Woog. Überhaupt habe Deutschland eine Frühaufsteherkultur: Wer lange schlafe, gelte als faul. Deshalb seien viele Mitglieder auch Freiberufler. Leid tun Woog die Lehrer im Verein. „Einer wollte eine ,Delta-t-Klasse‘ an seiner Schule einrichten und später mit dem Unterricht anfangen. Das ist mit 20 zu 80 Stimmen im Kollegium abgelehnt worden.“

Die Zahlen entsprechen in etwa dem, was Schlafforscher ermittelt haben. Rund ein Fünftel der Menschen gelten als „Eulen,“ wie Stephan Volk erläutert, Chefarzt im Schlafmedizinischen Zentrum Hofheim. Sie stünden später auf und erreichten ihr Leistungshoch erst am Nachmittag. So wie er selbst, der sich die komplizierten Fälle immer in diese Zeit lege. Ein weiteres Fünftel der Bevölkerung bezeichnet Volk als „Lerchen“, das sind Menschen, die gerne sehr früh aufstehen und schon vormittags in Bestform sind. Im Leistungstief stecken Lerchen dann zwischen zwei und drei am Nachmittag. Die übrigen Leute seien „In-Between“-Schläfer, deren Schlafrhythmus irgendwo zwischen Eulen und Lerchen liege.

Die meisten der etwa 650 stationär behandelten Patienten im vergangenen Jahr seien wegen Schnarchens gekommen, sagt Volk. Schlechten Einfluss auf den Schlaf haben nach seinen Worten Alkohol, fettes Essen vor dem Zu-Bett-gehen und Flüge über Zeitzonen hinweg. Dass frühes Aufstehen bei Leuten wie Günter Woog sogar das Immunsystem schädige könne, hält der Schlafmediziner für zweifelhaft. „Es gibt zwar Menschen mit extrem verschobenen Schlaf- und Wachphasen. Aber da liegen wir im Promillebereich.“ Die Welt müsse sich nicht nach einer solchen Minderheit richten.

Forschung beschäftigt sich mit medizinischer Chronobiologie

Das sieht Woog anders. Er hält seinen vom Vater geerbten Schlafrhythmus für genetisch bedingt, nicht änderbar und durchaus verbreitet: „Warum brauchen sonst so viele Leute einen Wecker?“ Sein Verein und er setzen sich deshalb für „Delta-t-Klassen“ an Schulen ein, damit Kinder, die anders schlummern als die meisten, eine „t(empus)-Einheit“ später kommen dürfen. Und auch die Unternehmen sollten mehr und flexiblere Arbeitszeitmodelle anbieten, findet Woog. Die Wissenschaft habe schon reagiert: 2001 sei an der Ludwig-Maximilians-Universität in München die erste Professur für medizinische Chronobiologie besetzt worden. Deren Inhaber beschäftige sich mit den biologischen Rhythmen.

Irgendwann haben die Leute dann vielleicht auch mehr Verständnis für Menschen wie Woog. Dann passiert anderen nicht mehr dasselbe wie ihm damals im Hotel. Woog und seine Frau, auch eine Eule, sollten um zwölf Uhr auschecken, hatten aber keinen Wecker gestellt. Als sich in ihrem Zimmer um zwei Uhr immer noch nichts rührte, schloss ein Angestellter die Tür auf – aus Angst, das Ehepaar hätte sich etwas angetan.

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